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Junge Flüchtlinge Alltag unter Beobachtung

Seit Monaten wird über die angebliche Gefahr durch junge Flüchtlinge diskutiert. Zu Besuch in einer Einrichtung, die jungen Migranten beim Start in ein neues Leben hilft.

Unbegleitete Flüchtlinge
Unbegleitete junge Flüchtlinge sollen in Einrichtungen der Jugendhilfe ein selbstständiges Leben in Deutschland erlernen. Foto: Christoph Boeckheler

Oben, in der Wohnung unter dem Dach, sind die Betten noch unbezogen. Aber ein Stockwerk tiefer haben die Jungs schon Zimmerpalmen im Flur aufgestellt und Bilder an die Wände gehängt. Im Treppenhaus riecht es nach frisch gekochtem Mittagessen. Zu Jahresbeginn sind ein gutes Dutzend junge Menschen in das Mehrfamilienhaus im Frankfurter Süden eingezogen. Junge Menschen, die als Minderjährige ohne ihre Eltern aus Kriegsgebieten und Militärdiktaturen nach Frankfurt geflohen sind; die mittlerweile teilweise schon volljährig geworden sind und versuchen, sich in ihrer neuen Heimat einen selbstständigen Alltag aufzubauen. Einen Alltag mit Schulbesuch und Berufsvorbereitung, mit Putzplan und Einkaufslisten.

Einen Alltag in einem Land, das seit Wochen über junge Geflüchtete diskutiert, als seien sie eine homogene Gruppe, vor der es die einheimische Bevölkerung vor allem zu schützen gelte. Eine Gruppe, von der man nach Gewalttaten Einzelner, nach einem Mord im rheinland-pfälzischen Kandel oder nach Auseinandersetzungen zwischen jungen Geflüchteten im brandenburgischen Cottbus, die rassistische Proteste nach sich zogen, vor allem als Problemfaktor spricht.

„Diese Art der kollektiven Schuldzuweisung ist nicht fair. Es ist kaum auszuhalten, dass es bei der Debatte über solche Taten immer nur um den Fluchthintergrund geht“, sagt Bernd Hormuth, stellvertretender Geschäftsführer des Internationalen Familienzentrums (IFZ) in Frankfurt, das seit 2014 auch junge Geflüchtete in seinen Jugendhilfeeinrichtungen betreut.

Hormuth plädiert nachdrücklich für eine differenzierte Betrachtung von Straftaten - und musste mit seinem Team doch kürzlich schmerzlich lernen, dass sich Gewalt auch bei bester Betreuung nicht immer  verhindern lässt. Ende vergangenen Jahres tötete ein junger Mann in einer vom IFZ betreuten Wohnung einen Mitbewohner. Eine Tat, betont Hormuth, die die Jugendlichen und Mitarbeiter noch immer schwer beschäftige, die er aber nicht alleine am Fluchthintergrund von Täter und Opfer festgemacht wissen möchte. „Die Fragen, die wir uns seither stellen, sind wahrscheinlich vergleichbar mit jenen, die Eltern sich nach einem Amoklauf ihres Kindes stellen. Auch wir stehen mit vielen Fragezeichen vor dieser Tat.“

Die Diskussion um falsche Alterseinschätzungen von Jugendlichen ohne Ausweispapiere, die sich vor allem an der Gewalttat von Kandel entzündete, deren Täter im Jahr 2016 in Frankfurt offenbar fälschlicherweise als 14-Jähriger eingeschätzt wurde, laufe aber in eine völlig falsche Richtung, findet Hormuth: „Es ist für mich keine kriminelle Handlung, sich jünger zu machen, sondern erklärt sich aus einer Notlage und der Hoffnung auf adäquate Versorgung“ – und die wiederum helfe, Gewalt zu verhindern. Die intensive Betreuung der jungen Flüchtlinge nach den Grundsätzen der Jugendhilfe sei die bestmögliche Prävention. „Ich verstehe Investitionen in Menschen mit Integrationswillen als Investitionen für das Land.“

Viele Jugendliche verstünden nicht, warum ihnen so massive Ablehnung entgegenschlage, berichtet Wolfram Prühs, IFZ-Teamleiter für das betreute Wohnen, aus Gesprächen mit jungen Geflüchteten, die die Berichterstattung über sie aufmerksam verfolgen. „Immer, wenn es wieder Berichte über einen Täter aus einem bestimmten Land gibt, führt das zu großer Bestürzung in der entsprechenden Gruppe.“

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