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Jugendbande in Frankfurt Das Leben schlägt zurück

Ein Dokumentarfilm über drei ehemalige Mitglieder einer Frankfurter Jugendbande in den 90er Jahren zeigt, was aus den harten Jungs von damals geworden ist.

Wiedersehen
Hakan (links) und Kerem (rechts) bei einem der wenigen Wiedersehen in Bayat in der Türkei. Hakan ist dort Feldarbeiter, Kerem lebt in Frankfurt und ist Frührentner. Foto: jip film

Als Kerem in den 70er Jahren in Frankfurt eingeschult wird, kann er kein Deutsch. Zwar ist er in Deutschland geboren, doch zu Hause wird nur Türkisch gesprochen. Außerdem haben die Eltern ihn mit zwei Jahren noch einmal bis zur Einschulung in die Türkei geschickt. Zur Oma. „Ich bin dann gleich in der ersten Klasse sitzengeblieben“, erzählt Kerem. 47 ist er nun, sitzt im Café Wacker im Nordend. Anzugjacke. Weißes Hemd. Lesen und schreiben hat er in der Schule nie gelernt. „Wenn ich in der Schule vorlesen sollte, dann haben alle gelacht“, sagt Kerem. Irgendwann schlug er das erste Mal zu. „Ich merkte: Jetzt lacht keiner mehr, jetzt bekomme ich Respekt.“

Respekt. Darum ging es auch in der Jugendbande, der er als Teenager angehörte. Anfang der 90er Jahre schlossen sich Jugendliche in Frankfurt zu Banden zusammen. La Mina, Club 77, Turkish Power Boys. Sie lieferten sich Schlägereien auf offener Straße, wer eine Bomberjacke trug, der musste damit rechnen, dass sie ihm brutal entwendet wurde. Es wurde mit Drogen gedealt, die Stadt durch zahlreiche Gewaltdelikte unsicher gemacht. Kerem gehörte zu den Turkish Power Boys. „Wir wollten nur respektiert und akzeptiert werden“, sagt Kerem. Junge Migranten der zweiten Generation, die ihren Platz in der Gesellschaft suchten – und nicht fanden. Im Gegenteil. Ausländerfeindlichkeit schlug ihnen entgegen. „Wir bekamen keinen Respekt, dann haben wir ihn uns mit Gewalt verschafft“, sagt Kerem. Gewalt, bei der es auch zu Toten kam.

Ein Dokumentarfilm, der am 13. September in die Kinos kommt, geht der Frage nach, was aus Mitgliedern der berüchtigten Jugendbanden geworden ist. Es ist auch die Geschichte gescheiterter Integration. „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ heißt der Film. Übersetzt bedeutet das türkische Wort „Ohrfeige“. Kann aber auch mit „abgerippt“ übersetzt werden.

„Abgerippt“ wurden eben jene Bomberjacken. Oder Markenschuhe, Walkmans. Die Filmemacherinnen Andrea Stevens und Cornelia Schendel waren zu der Zeit Teenagerinnen in Frankfurt. „In der Stadt haben die Banden Angst verbreitet, sie waren omnipräsent“, sagt Stevens. Als sie sich auf die Spuren der bösen Jungs von damals machte, da dachte sie noch, die hätten einfach nur geprügelt und geklaut. „Aber einige Biografien sind schon extremer“, sagt Stevens.

Stevens und Schendel porträtieren im Film drei Männer: Dönmez, Hakan und Kerem. Sie begleiten sie mit der Kamera zu Hause und bei einem Wiedersehen in der Türkei. Das Leben der drei ist schwer von der Vergangenheit gezeichnet. Hakan wurde damals abschoben, weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Da er in der Türkei den Militärdienst verweigerte, bekam er seinen Pass entzogen. Seitdem ist er staatenlos. Er arbeitet als Feldarbeiter, sein Einkommen reicht kaum zum Überleben. Mit 16 war Hakan nach Frankfurt gekommen. Er schwänzte viel die Schule, weil er kein Deutsch konnte. „Wir waren meistens im Jugendzentrum“, sagt er vor der Kamera. Da seien nur Türken und Marokkaner gewesen. „Wir waren viele und haben uns stark gefühlt.“

Auch Dönmez ist damals abgeschoben worden, hatte mehrmals in Deutschland im Gefängnis gesessen. Bis zur Abschiebung hatte er die Türkei noch nie betreten. Auch 20 Jahre später noch, inzwischen verheiratet und Vater eines Sohns, vermisst er Frankfurt. Die Stadt, in der er geboren wurde. In der seine Brüder noch leben. Mit Google wandert er virtuell durch die Uhlandstraße. Da hat er früher gewohnt. „Aber monatelang, jahrelang bin ich nicht nach Hause gegangen, hab’ ich auf der Straße gelebt, im Hotel gewohnt“, sagt Dönmez im Film. „Nur am Dealen und Ziehen, dealen und ziehen.“

Denn einige wie Dönmez waren abgedriftet in die organisierte Kriminalität, verkauften Heroin, nahmen selbst Drogen. Und die Sucht musste befriedigt werden. „Während die anderen noch Jacken klauten, war das für uns dann Kindergarten“, sagt Kerem. „Wir haben Überfälle begangen. Autoradios geklaut.“ Und wenn sie das Autoradio vercheckt hatten, „dann haben wir es den Leuten manchmal gleich danach wieder aus dem Auto geklaut“. Bei den Turkish Power Boys war Kerem einer der Ältesten. „Ich war ein Vorbild“, sagt er und klingt dabei heute kein bisschen stolz. „Alle wollten so sein wie ich.“

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