Lade Inhalte...

„Jüdisches Leben in Frankfurt“ Wenigstens die Kinder retten

Die Initiative „Jüdisches Leben in Frankfurt“ will an die Kindertransporte aus Nazi-Deutschland erinnern.

Oswald Stein und Lee Edwards
Oswald Stein (li.) und Lee Edwards sind Zeitzeugen der Kindertransporte aus Frankfurt. Foto: Peter Juelich

Als Lee Edwards vor zwei Wochen den Frankfurter Hauptbahnhof nach sehr langer Zeit wieder sah, spülte die Erinnerung die alten Bilder wieder hoch. Der abfahrende Zug, die unzähligen Kinder auf dem Bahnsteig. Und vor allem das verweinte Gesicht ihrer Mutter. Szenen eines Abschieds aus dem März 1939. Die Reichspogromnacht liegt erst einige Monate zurück. Edwards Familie hat beschlossen, dass die damals 15-Jährige gehen soll – nach Großbritannien, wo sie sicher sein würde vor der Verfolgung durch die Nazis. Die sogenannten Kindertransporte starten am Hauptbahnhof. Dort nimmt Edwards von ihrer Mutter Abschied – für immer.

„Wir wussten ja nicht, dass es ums Lebenretten ging“, sagt Lee Edwards 78 Jahre später. Aus der 15-Jährigen, die damals noch ihren Geburtsnamen Liesel Carlebach trug, ist inzwischen eine hochbetagte Frau geworden. Die grauen Haare zu einem Bubischnitt frisiert, sitzt sie leicht vorgebeugt hinter einem Tisch in einem Klassenzimmer der Ernst-Reuter-Schule in der Frankfurter Nordweststadt. Ihre Stimme ist klar, bei dem einen oder anderen Wort klingt durch, dass sie seit bald 70 Jahren in den USA lebt. Neben ihr sitzt ein adrett gekleideter Herr mit halblangen, grauen Haaren, die er nach hinten gekämmt hat. Auch Oswald Stein ist ein Kindertransport-Kind aus Frankfurt.

Stein und Edwards sind an diesem Tag an die Schule gekommen, um von ihren Schicksalen zu berichten. Sie sind Zeitzeugen, stehen stellvertretend für rund 20 000 jüdische Kinder, die dank der Kindertransporte vor dem Vernichtungswillen der Nationalsozialisten fliehen konnten. Ende der 30er, als viele Staaten trotz des Nazi-Terrors auf strengen Zuwanderungsregeln bestanden und jüdischen Flüchtlingen die Aufnahme verweigerten, stellten diese Transporte für viele jüdische Familien eine Möglichkeit dar, wenigstens ihre Kinder zu retten.

Großbritannien nahm knapp 10 000 Mädchen und Jungen auf. Dazu zählten Lee Edwards und Oswald Stein. Vor diesem Vormittag in der Ernst-Reuter-Schule waren die beiden bereits im Gagern-Gymnasium und vor Lehramtsstudenten aufgetreten. Möglich macht dies das Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“, das seit Ende der 80er Jahre Zeitzeugengespräche in Frankfurter Schulen organisiert.

Ein Beamer wirft alte Schwarz-Weiß-Fotografien an die Wand über den Köpfen der Zeitzeugen. Sie zeigen eine jugendliche Lee Edwards, die fröhlich in die Kamera blickt. Und Oswald Stein als Schuljungen irgendwo in der Römerstadt, unweit des Ortes, an dem er nun von seinem Schicksal berichtet.

„Für uns war das erst einmal ein Abenteuer. Aufenthalte im Ausland waren ja damals sehr außergewöhnlich“, erinnert sich Stein. Als er im Sommer den Zug am Frankfurter Hauptbahnhof bestieg, dachte er noch es sei eine Trennung für kurze Zeit und dass er seine Eltern in einigen Monaten wiedersähe. Tatsächlich sollte es acht Jahre dauern. Den größten Teil davon verbrachte er in einem englischen Internat.

Lee Edwards, alias Liesel Carlebach, war sich der Gefahr, in der sie und ihre Familie schwebten, stärker bewusst. „Meine Klassenkameradinnen wanderten allmählich aus. Da fragte ich meinen Vater, wann wir eigentlich auswandern.“ Dem stand entgegen, dass ihr zehn Jahre älterer Bruder bereits ein Jahr nach der Machtergreifung als aktiver Kommunist erst in Haft und später ins KZ kam. Sein Name: Emil Carlebach, späterer Mitbegründer der Frankfurter Rundschau.

Er war es auch, der die Familie bedrängte, Liesel außer Landes zu schaffen. Vater Moritz und Sohn hatten sich nach der Pogromnacht nach Jahren erstmals wieder gesehen – im Konzentrationslager Buchenwald, aus dem der Vater nach einem Monat entlassen wurde. Emil Carlebach überstand weitere sechs Jahre im KZ. Vater Moritz Carlebach starb bereits Ende März 1939 an den Folgen der Haft. Lee Edwards Mutter, Sophie Carlebach, wurde 1942 nach Izbica in Polen deportiert und dort ermordet.

Die Kindertransporte sind aus Sicht des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“ ein bislang zu wenig beachtetes Kapitel in der Geschichte des Holocausts. Das soll sich ändern. Das Projekt macht sich bereits seit längerem für ein Denkmal stark, das an die Rettung der Kinder erinnern soll. Ähnliche Mahnmale gibt es bereits in Berlin, in Großbritannien, Holland und Polen. Der Frankfurter Magistrat befürwortet diese Idee , wie es in einer Stellungnahme vom 13. März dieses Jahres heißt. Unklar ist, wo genau es stehen soll. Im Gespräch ist der Vorplatz des Frankfurter Hauptbahnhofs, der in den kommenden Jahren umgestaltet wird.

Ob Edwards und Stein das noch miterleben werden, steht in den Sternen. Auch die Zeitzeugen der Kindertransporte werden weniger, ihre Geschichten werden nach ihnen andere erzählen müssen. Von den Jahren in England und dem Leben danach. Lee Edwards zog es mit ihrem Mann zunächst nach Kanada und dann in die USA. Oswald Stein kehrte nach Frankfurt zurück. „Ich hatte ein sehr schönes Leben. Finito“, sagt Edwards.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum