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Jüdisches Leben in Frankfurt Keimzelle für den Wiederaufbau

Die jüdische Gemeinde feiert das 70-jährige Bestehen der Synagoge am Baumweg in Frankfurt. Die Synagoge war nach der Befreiung von der NS-Herrschaft ein zentraler Punkt des Wiederaufbaus der Gemeinde der jüdischen Überlebenden.

70 Jahre Baumweg-Synagoge
Die Gemeinde feiert 70-jähriges Bestehen der Baumweg-Synagoge. Foto: Rolf Oeser

Eher schlicht, unscheinbar, aber hell und freundlich, schnörkellos, aber wohnlich – so wirkt die Synagoge am Baumweg. Ein Gittertörchen führt in den Hof, durch den Hauseingang gelangt man über drei Stufen in den blau-weiß gefliesten Eingangsbereich und die Vorhalle der Gebetsstätte. Warmes Licht fällt durch die bunten Fenstergläser. Gedämpftes Stimmengewirr ist zu hören und zwischendurch ein Kinderlachen, das mit mahnendem Schmunzeln beantwortet wird. Den ganzen Ort durchzieht eine intime Atmosphäre.

Am Sonntag hat die jüdische Gemeinde die Stätte geehrt und 70-jähriges Bestehen gefeiert. Zum Schacharit-Morgengebet und Festakt mit Gebeten und Ansprachen der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel und Julian-Chaim Soussam sind mehr Menschen gekommen, als auf den 120 Sitzen in der Synagoge Platz finden.

Seit den 90er Jahren gibt es im Haus auch Wohnungen

Die Baumweg-Synagoge war nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 ein zentraler Punkt des Wiederaufbaus der Gemeinde der jüdischen Überlebenden. Die Geschichte der Synagoge zeige, dass sie mehr ist als ein Gebetshaus, sagt Vorstandsmitglied Marc Grünbaum. Sie sei vielmehr „die Keimzelle der jüdischen Gemeinde“ und zentraler Bezugspunkt in Frankfurt gewesen.

So finden dort seit der Rückkehr von Teilen der geflohenen und deportierten jüdischen Bevölkerung wieder regelmäßig Gottesdienste statt. 1947 wurden die Räume im Erdgeschoss zu einer Synagoge umgebaut, im Jahr darauf eingeweiht. Das 1906 erbaute Haus diente bis 1938 als Kindergarten der Moritz und Johanna Oppenheimer’schen Stiftung. Im Frühjahr 1939 musste die jüdische Gemeinde allen Besitz – auch die Synagogen – der Stadt Frankfurt übereignen.

Seit den 90er Jahren gibt es im Haus auch Wohnungen. Ursprünglich für die zugezogenen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion angebaut, werden sie heute als Sozial- und freie Wohnungen für Gemeindemitglieder genutzt. Der Wohnraum erklärt nur einen Teil der sehr vertraulichen Atmosphäre in der Synagoge. Die Mitglieder verweisen auf die vielen Kinder und Jugendlichen, die im Gemeindeleben mitwirken.

„Ohne Kinder gäbe es keine Gemeinde“

Sie unterstützen das Fest mit einer Gesangseinlage und halten eine eigene Ansprache. Almuth Jael Turré kommt seit sieben Jahren in den Baumweg und lebt mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern im Ostend. Einige der Kinder haben hier Bar- und Bat-Mizwa gemacht. „Es war für sie eine sehr persönliche Erfahrung durch die familiäre Atmosphäre und die vielen anderen Kinder im Haus“, erzählt Turré. Ihr gefällt, dass die Gemeinschaft etwas kleiner ist, hier sei es „weniger anonym“, als in der größten Frankfurter Synagoge im Westend.

Im vergangenen Jahrzehnt sind viele junge Familien in die Baumwegsynagoge dazugekommen, sagt Doris Adler, die das Jubiläumsfest mitorganisiert hat. „Wir feiern hier nicht nur das Bestehen der Synagoge, sondern auch, dass sie sich so bereichert hat mit jungen Familien und Kindern“, so Adler. Und ergänzt: „Vor einigen Jahren war unklar, ob das Haus bestehen bleibt, und heute erleben wir so einen großen Zuspruch“.

„Wenn ich hier rein komme, erinnere ich mich an meine Jugendzeit“, erzählt Anita Schwarz gerührt. Damals war die Synagoge noch Gemeindezentrum. Das ist heute im Westend. „Ich war hier sonntags im Jugendzentrum und in der Theatergruppe“, sagt Schwarz. „Ohne Kinder gäbe es keine Gemeinde.“

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