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Jüdische Gemeinde Frankfurt Wer Angst hat, wird anfällig

Der Zentralrat der Juden macht religiösen Fundamentalismus zum Thema einer Tagung in Frankfurt. Der Publizist Micha Brumlik erntet für seinen Beitrag Beifall und Widerspruch zugleich.

Verschleierte Frauen bei einer Salafisten-Veranstaltung in Offenbach. (Archivbild) Foto: dpa

Was bringt junge Menschen dazu, sich radikalen religiösen Gruppen anzuschließen? Bei Ahmad Mansour waren es vor allem Mobbing und Zukunftssorgen, die ihn anfällig machten. Als er als Schüler in die Gruppe eines radikalen Imams geriet, waren seine Ängste „von heute auf morgen weg“, sagt Mansour, arabischer Israeli und Islamismus-Experte. Er habe Jahre gebraucht, um sich aus dieser Ideologie herauszuarbeiten. „Aber meine Person zeigt: Es ist machbar, wenn man die richtigen Leute trifft und die richtigen Bücher liest.“

Es ist ein besonderer Abend bei der Jüdischen Gemeinde im Westend. Als ein Höhepunkt der Konferenz „Die Faszination fundamentalistischer Weltbilder“, organisiert vom Zentralrat der Juden in Deutschland, berichtet der heute in Berlin lebende Mansour aus seinem Leben und von seiner pädagogischen Arbeit mit jungen Muslimen. Es seien auch das Gottesverständnis vieler konservativer Imame, die ständige Angst vor der Hölle und die Tabuisierung der Sexualität, die junge Muslime in die Hände der Fundamentalisten trieben, sagt Mansour. Zur Flüchtlingsdebatte stellt er Forderungen an Politik und Gesellschaft: Die Geflüchteten benötigten „Zugänge in die Mehrheitsgesellschaft“, es brauche viel mehr Fördermittel und Projekte, um es „diesmal anders zu machen als bei den Gastarbeitern und ihren Kindern“.

Zugleich müsse man junge Muslime befähigen, sich kritisch mit ihrer eigenen Religion auseinanderzusetzen. Man müsse autoritäres Denken und Antisemitismus auch unter Migranten offen und mittels „gewinnender Arbeit“ ansprechen. „Ich weiß, wie schwer das ist“, sagt Mansour.

Insgesamt drei Tage beschäftigt sich die prominent besetzte Tagung mit Fundamentalismus, mit religiösen Strömungen also, die im Glauben einen absoluten Wahrheitsanspruch anmelden und damit meist auch weltlichen Machtwillen legitimieren.

Wahrheit, Macht, Gewalt

Es geht um Salafismus und den „Islamischen Staat“, um die Identitätssuche junger Muslime in Deutschland und die Angst vieler Juden vor wachsendem Antisemitismus. Das Thema habe eine „traurige Relevanz“, sagt Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) bei der Eröffnung der Konferenz am Mittwoch. Die Behörden hätten die islamistische Szene fest im Blick – um Fundamentalismus zu bekämpfen, sei aber gerade der gesellschaftliche Diskurs wichtig, sagt Beuth. Er freue sich daher sehr über die Konferenz.

Zur Eröffnung spricht auch der Pädagoge und Publizist Micha Brumlik – über fundamentalistische Strömungen in Judentum. Auch sie hielten dogmatisch an ihrer Lesart der heiligen Texte fest; ihre Idee „unbedingter Autorität“ sei mit demokratischen Lebensweisen „grundsätzlich unvereinbar“, sagt Brumlik. Als Beispiele nennt er die antizionistisch-orthodoxe Gruppe „Neturei Karta“ und die nationalreligiöse Siedlerbewegung in Israel, die er als Hindernis für den Frieden im Nahen Osten kritisiert. Aus dem Saal erntet Brumlik Beifall und Widerspruch zugleich: Es ist ein Saal voller Streitkultur.

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