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Jüdin Karolina Cohn Daran erinnern, dass sie existierte

Seit Montag erinnern Stolpersteine im Nordend an die jüdische Familie Cohn. Der Name der ältesten Tochter Karolina ist durch einen Fund bei Ausgrabungen im ehemaligen KZ Sobibor bekannt geworden.

Stolpersteine
Die neu verlegten Stolpersteine. Foto: peter-juelich.com

Die Thomasiusstraße im Frankfurter Nordend ist nicht breit. Es bedarf keines großen Auflaufs, um sie zu blockieren. Doch die Menschentraube, die sich an diesem Montagvormittag vor dem Haus mit der Nummer zehn bildet, würde im Zweifel auch ausreichen, um eine von Frankfurts größeren Verkehrsadern lahmzulegen.

Rund einhundert Zuschauer drängen sich auf der schmalen Fahrbahn. Über ihre Köpfe hinweg versuchen Fotografen und Kameraleute einen Blick auf den einzigen freien Flecken Erde vor dem Gebäude zu bekommen. Jenen Platz, an dem seit gestern vier neue Stolpersteine an vier von den Nationalsozialisten ermordete Einwohner Frankfurts erinnern: die Familie Cohn. Vater, Mutter, zwei Töchter.

Es sind nicht die einzigen Stolpersteine, die an diesem Montag in Frankfurt verlegt werden. Doch bei keinem dürfte das öffentliche Interesse so groß sein. Internationale Medien haben ihre Reporter geschickt. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hält eine kurze Ansprache.

Es geht um eine Geschichte, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat. Im Oktober 2016 hatten Archäologen bei Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibor in Ostpolen ein dreieckiges Silber-Amulett entdeckt. Darin eingestanzt die hebräische Glückwunschformel „Mazal tov“, darunter ein Datum, der dritte Juli 1929. Und am unteren Rand ein Ortsname: Frankfurt am Main (Seite F12).

Nachforschungen führen schließlich zu Karolina Cohn, die bis zu ihrer Deportation ins weißrussische Minsk im November 1941 in der Thomasiusstraße lebte. Weil das jüdische Mädchen aus dem Frankfurter Nordend nur wenige Wochen nach Anne Frank geboren wurde und Letztere ebenfalls ein solches Amulett besessen haben soll, spekulieren nicht wenige Medien über eine mögliche Freundschaft zwischen beiden Frankfurter Mädchen. Inzwischen weiß man: In den Jahren 1928 und 1929 erhielten wohl zahlreiche neugeborene jüdische Mädchen in Frankfurt solche Amulette von der Gemeinde geschenkt.

„Wir erinnern die Welt daran, dass Karolina Cohn existiert hat, dass sie wichtig war, dass sie geliebt wurde“, erklärt Gregory Schneider, Vize-Präsident der Jewish Claims Conference, einer Organisation, die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik vertritt. Auf Betreiben der Claims Conference werden die Stolpersteine für die Familie Cohn an diesem Novembermontag in Frankfurt verlegt - fast auf den Tag genau 76 Jahre nach ihrer Deportation.

Das Gedenken an Karolina Cohn steht für Schneider stellvertretend für die rund 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. „Wir dürfen sie nicht vergessen“, so Schneider, „denn wenn wir sie vergessen, kann es wieder geschehen.“

Unter den Zuschauern der Stolpersteinverlegung befinden sich auch Barry und Michele Eisemann aus New York. Sie gehören zu jenen 34 heute noch lebenden Verwandten von Karolina Cohn, die bereits am Vortag in Frankfurt zusammengekommen sind. Ihr verstorbener Vater, Moritz alias Morris Eisemann, war der Bruder von Karolina Cohns Mutter, Else. Das einzige von sechs Geschwisterkindern, das die Shoa überlebte, weil er bereits 1930 in die USA ausgewandert war. „Dieses kleine Stück Metall“, sagt Barry Eisemann über das Medaillon aus Sobibor, „verbindet uns mit der Geschichte unserer Familie.“

Wie die Familie Cohn nach ihrer Deportation starb, ist bis heute ungeklärt. Ob Karolina nach Sobibor verschleppt und dort ermordet wurde, lässt sich nicht rekonstruieren. Die Frage, wie das Amulett nach Sobibor kam, bleibt damit ebenfalls unbeantwortet. „Manchmal aber stelle ich mir vor, dass Karolina das Amulett absichtlich fallen ließ“, sagt Schneider. Um daran zu erinnern, dass sie existierte.

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