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Juden in Frankfurt Jüdisches Leben in Frankfurt

Oft ist von „Jüdischem Leben“ in Frankfurt die Rede. Doch wie sieht dieses Leben abseits von Klischees und Antisemitismusdebatten eigentlich aus? Eine Spurensuche.

Juden in Frankfurt
Zentrum des religiösen Lebens: die Westend-Synagoge in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Foto: Michael Schick

Rabbiner Avichai Apels Blick geht zu der Uhr, die über dem Eingang des Gebetsraums in der Frankfurter Westend-Synagoge hängt. Als ob er sich noch einmal versichern müsste, dass der Reporter mit seiner Feststellung richtig liegt. 50 Minuten dauert an diesem Dienstagvormittag bereits das Pressegespräch. Ebenso lange, hatte der Reporter angemerkt, rede man nun schon über Antisemitismus. Ob ihn das manchmal nerve, will der Journalist wissen.

Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Frankfurt setzt zu einer längeren Erklärung an, überlegt es sich aber schon nach zwei Sätzen anders. „Ja, es nervt!“, platzt es aus ihm heraus. „Es nervt in dem Sinne, dass man drüber sprechen muss, obwohl man gerne über andere Dinge sprechen möchte.“

Worüber Rabbiner Avichai Apel sprechen möchte, ist das Thema einer vom Mediendienst Integration organisierten Pressetour: „Jüdisches Leben in Frankfurt“ lautet der Titel. Doch wie fast überall in der Welt scheint es auch in Frankfurt nicht möglich zu sein, über jüdisches Leben zu sprechen, ohne festzustellen, dass es weiterhin bedroht ist. Was dabei unterzugehen droht: Es gibt jüdisches Leben in der Stadt – und das ist äußerst facettenreich.

Eines der Zentren dieses Lebens ist die Westend-Synagoge in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Von außen verrät das mittlerweile fast 107 Jahre alte Gebäude nichts von der Betriebsamkeit in seinem Innern. Als das Gotteshaus im Jahre 1910 eingeweiht wurde, war es das Zentrum des liberalen Judentums in Frankfurt. An diesem Dienstagvormittag, ein Jahrhundert später, sind es hingegen vor allem junge Männer, die durch die labyrinthartigen Gänge eilen.

Ihre Kleidung – weiße Hemden, schwarze Anzüge, unter denen die geknöpften Schaufäden (Zizijot) des Gebetsmantels hervorlugen –, weisen sie als Anhänger der jüdischen Orthodoxie aus. Die meisten sind Schüler der in der Synagoge ansässigen Jeschiwa, einer Art Hochschule für das Studium von Thora und Talmud. Sie eilen zum Morgengebet. Die Orthodoxen sind die augenfälligste Manifestation jüdischen Lebens, doch beileibe nicht die einzige. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt ist eine Einheitsgemeinde. Orthodoxe, Progressive, Liberale, alle Strömungen des Judentums finden in der Westendsynagoge Platz.

Und für alle 7000 Mitglieder ist die Synagoge in der Freiherr- vom-Stein-Straße das Zentrum religiösen Lebens. „Im großen Saal“, sagt Rabbiner Avichai Apel, „kommen alle zusammen.“

Rund 100 jüdische Gemeinden gibt es in Deutschland. Viele davon sind klein und existieren überhaupt nur noch, weil in den 90ern Zehntausende Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion die Reihen wieder füllten. Frankfurt zählt zu den größten. „Und wir sind eine sehr lebendige Gemeinde“, betont Apel, „auch im Sinne von Integration.“

Daniel Kempin hat schon rein äußerlich wenig mit den jungen Thora-Schülern gemein. Seine Kippa, die religiöse Kopfbedeckung, ist bunt verziert. Auf den ersten Blick würde das ungeübte Auge sie vielleicht für den Teil einer westafrikanischen Tracht halten. Seit 1983 steht er als Interpret jüdischer Musik auf der Bühne. „Eine Zeit, als man mir noch regelmäßig zu meinem guten Deutsch gratuliert hat“, erinnert er sich. Kempin ist in Wiesbaden geboren. Heute ist er Co-Leiter des interreligiösen Chores Frankfurt.

Seit 1995 gehört er als Kantor dem egalitären Minjan an, einer Gemeinschaft, der mit Rabbinerin Elisa Klapheck eine Frau vorsteht – was von Orthodoxen nie akzeptiert würde. Doch auch dieser progressive Teil der jüdischen Gemeinschaft hat seinen Platz in der Westend-Synagoge. „Neben der Mikwe die Treppe rauf“, sagt Kempin.

„Man lebt in Frieden miteinander. Aber man erkennt den Unterschied“, fasst Rabbiner Apel das Miteinander in der Einheitsgemeinde zusammen. Reibungslos geht das nicht immer. Erst im März hatte die Jüdische Gemeinde die Zusammenarbeit mit der orthodoxen Gruppierung „Chabad“ vorübergehend beendet, weil diese respektlos gegenüber dem Gemeinderabbinat aufgetreten sei. „Die Tatsache, dass wir unter einem Dach sind, heißt nicht, dass wir uns in den Armen liegen“, stellt Daniel Kempin lapidar fest.

Als Zentrum jüdischen Lebens würde Mordechai Barak sein Café wohl kaum beschreiben, auch wenn der eine oder andere Roman auf Hebräisch das Bücherregal im Café Morcolade ziert. „Wir sind ein Café mit einem israelischen Touch“, sagt Barak der seit neun Jahren in Frankfurt lebt und seit anderthalb Jahren das Café in der Eichwaldstraße in Bornheim betreibt. Es sei ein Treffpunkt für alle, sagt er. Und doch stehen nicht wenige Besucher des Cafés für eine neue Art jüdischen Lebens in Frankfurt. Eine neue Art Diaspora: Israelis, die bewusst nach Deutschland emigrieren.
„Ich bin total atheistisch“, sagt Adi Hagin von sich selbst, „ich fühle mich mehr als Israeli denn als Jüdin“. Vor drei Jahren zog die Journalistin nach Frankfurt, der Liebe wegen. Ihr Mann ist Deutscher. Das zweite Kind ist gerade zehn Tage alt. In Israel, wo es das Institut der Zivilehe nicht gibt, hätten sie nicht heiraten können. Einer der Gründe, warum sich das Paar für Deutschland entschieden hat.

Rund 20 000 Menschen, die aus Israel ausgewandert sind, leben inzwischen in Deutschland, davon 1232 in Frankfurt. Dani Kranz, Leiterin des Israelprojekts an der Universität Wuppertal, gehört zu ihnen. Und sie hat zum Thema israelische Migration nach Deutschland geforscht. 54 Prozent der israelischen Auswanderer haben einen deutschen Partner, nur 30 Prozent sind deutscher Abstammung. 70 Prozent bezeichnen sich als säkular, und 42 Prozent beklagen einen zu großen Einfluss der Religion auf die israelische Gesellschaft.

„Die jüdische Gemeinschaft hier aber basiert vor allem auf Religion“, sagt Adi Hagin. Ein Angebot für sie und viele Israelis, die sich als links-liberal definieren, sei das nicht. „Ich glaube, ich würde mich einem israelischen Araber näher fühlen als einem Mitglied der Gemeinde hier.“ Viele israelische Auswanderer zeichnet eine äußerst kritische Haltung gegenüber dem Staat Israel aus. „Hier aber erleben sie, dass sie qua Kategorie in Sippenhaft genommen werden“, erklärt Dani Kranz. Der neuere Antisemitismus, der im Gewand vermeintlicher Israelkritik daherkommt, unterscheidet nicht zwischen säkular oder religiös.

So muss man doch wieder über Antisemitismus reden. Etwa über die 48 antisemitischen Vorfälle allein in Hessen, die der Bildungsstätte Anne Frank in den letzten 24 Monaten gemeldet wurden. Über Beleidigungen, Drohungen, Mobbing gegen jüdische Schüler, unvorbereitete Lehrer, die entweder schweigen oder überreagieren.

„Die meisten bleiben mit ihren Erfahrungen allein“, sagt Julia Bernstein, die an der Frankfurter FH zu „Diskriminierung und Ungleichheitserfahrungen“ forscht. „Und wir wissen aus der Forschung, dass viele Juden in der Öffentlichkeit ihr Jüdischsein verbergen.“

Ein dunkles, langanhaltendes Tröten unterbricht Bernsteins Ausführungen. Irgendwo bläst ein Rabbiner mit dem aus einem Widderhorn gefertigten Schofar zum Morgengebet. „Das ist wunderbar, das hier zu hören“, sagt Bernstein sichtlich gerührt. Es ist ein Zeichen jüdischen Lebens. Eines von vielen in Frankfurt.

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