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Juden in Frankfurt „Jude gilt auf Pausenhöfen als Schimpfwort“

Leo Latasch, Sicherheitsdezernent der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, über antisemitische Vorfälle und Gewalt an Schulen und warum oft darüber geschwiegen wird.

Ostpark
Schmierereien im Ostpark im April 2016. Foto: Christoph Boeckheler

Leo Latasch ist in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt als Dezernent für Sicherheitsfragen zuständig.   

Herr Latasch, bei unseren Recherchen zum Thema antisemitische Alltagserfahrungen haben wir immer wieder das Gefühl bekommen, dass die Betroffenen mit ihren Erlebnissen gar nicht oder nur sehr ungerne an die Öffentlichkeit gehen möchten. Stimmt dieser Eindruck.
Ja, es sind schon Ängste vorhanden, die auf negativen Erfahrungen basieren. Viele haben Angst davor, dass, wenn man diese öffentlich macht, die Probleme noch größer werden könnten. Ein Beispiel: Wir haben in Frankfurt einige Schulen mit einem sehr hohen Migrantenanteil. Dort erleben jüdische Schüler teilweise offenen Antisemitismus. Der wird oft abgetan unter dem Motto: Die Täter, das sind eben kleine dumme Kinder. Dabei geht es nicht nur um Beleidigungen, sondern auch um Gewalt. Auch wenn sich die Sensibilität von Lehrern deutlich gebessert hat, ist das nach wie vor ein ernstes Problem. Da Eltern nicht überall sein können, bleibt die Angst, dass, wenn öffentlich darüber gesprochen wird, dies die Gewalt erst richtig hochkocht.

Betroffene berichten auch oft davon, dass, wenn sie das Thema im nichtjüdischen Freundeskreis ansprechen, oft die Haltung vorherrscht, Antisemitismus spiele im Alltag doch eigentlich keine Rolle mehr ...
Wer das heute sagt, der liest wohl keine Zeitung und/oder hat kein Fernsehen. Man muss sich ja nur die Erhebungen zu antisemitischen und rassistischen Einstellungen in der Bevölkerung ansehen. Natürlich haben wir dieses Problem nach wie vor. Und es wird täglich größer. Von wegen nicht existent! Es zeigt sich an jeder Ecke.

Vor einigen Wochen erregte der Fall eines jüdischen Schülers in Berlin, der von hauptsächlich muslimischen Mitschülern so lange drangsaliert und bedroht wurde, bis er die Schule verließ, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Sind Ihnen ähnliche Fälle auch aus Frankfurt bekannt?
Bisher ist mir aus Frankfurt ein solch konkreter Fall nicht bekannt, dass die Schule – wie in dem Fall in Berlin – komplett die Augen verschließt. Aber strukturell haben wir auch hier ähnliche Probleme. Angefangen damit, dass „Jude“ auf vielen Pausenhöfen als Schimpfwort gilt. Man muss es leider so sagen, dass der Antisemitismus gerade von muslimischen Jugendlichen immer mehr zum Problem wird. Und bislang sehe ich keine erfolgversprechenden Lösungsansätze. Weder von den Schulämtern noch von der Landes- oder Bundesregierung. Verstehen Sie mich nicht falsch: Antisemitismus finden Sie in allen gesellschaftlichen Gruppen. Aber im schulischen Bereich ist es vor allem ein Problem, das von muslimischen Jugendlichen ausgeht.

Dabei sollte die Schule eigentlich ein geschützter Raum für alle sein ...
Mir sind eine Handvoll Fälle bekannt, in denen auch in Frankfurt jüdische Schüler – entschuldigen Sie den saloppen Ausdruck – vermöbelt wurden. Wenn es die Lehrer nicht mitkriegen sollen, wird halt abgewartet und im Zweifel vor der Schule zugeschlagen. Man muss es leider so deutlich sagen: Je höher der Migrantenanteil an einer Schule ist, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solchen antisemitischen Übergriffen kommt. Es sind, auch das muss man sagen, immer noch Einzelfälle. Aber die sind da. Und wir reden nicht von einem Vorfall im Jahr. Das passiert kontinuierlich.

Können Sie denn beispielsweise muslimische Gemeinden in Frankfurt mit dem Thema konfrontieren?
Ja, wir können es ansprechen. Es gibt aber das Problem, dass man oft nicht genau weiß, mit wem man jetzt reden soll. Die muslimischen Gemeinden sind ja nicht in einer Organisation zusammengeschlossen, es gibt also viele individuelle Ansprechpartner. Das ist ein strukturelles Problem. Wir haben uns in den letzten Jahren oft mit Vertretern von muslimischen Gemeinden getroffen. Und die haben uns glaubhaft versichert, dass sie sich um das Thema kümmern. Das Ergebnis aber ist insgesamt unbefriedigend.

Wenn Mitglieder Ihrer Gemeinde von antisemitischer Gewalt betroffen sind, welche Hilfestellung kann die Gemeinde bieten?
Zunächst einmal müssen wir davon erfahren, was aber bei einer Gemeinde von rund 7000 Mitgliedern in der Regel der Fall ist. Wenn uns ein antisemitischer Vorfall bekannt wird, schalten wir uns ein, vor allem wenn es um den Kontakt zu Institutionen geht. Auch auf der Ebene der Politik gibt es in Frankfurt unter den demokratischen Parteien keine, bei der wir nicht ein offenes Ohr finden würden. Aber wie gesagt, wir müssen von solchen Vorfällen erfahren.

Welche Unterstützung würden Sie sich von der Stadt wünschen?
Dass mehr Augenmerk auf Schulen gerichtet wird. Erwachsene können sich oft selbst wehren oder Hilfe organisieren, Kinder und Jugendliche nicht oder nur eingeschränkt. Antisemitische Strukturen unter Jugendlichen, denen nicht bereits in diesem Alter massiv entgegengewirkt wird, verschwinden nicht von alleine, sondern bleiben für den Rest des Lebens bestehen. Dem muss stärker begegnet werden.

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