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Juden in Frankfurt Auswanderung bisher kein Thema

Nach den Anschlägen in Frankreich und Dänemark ist die Stimmung bei den Frankfurter Juden zwiespältig. Trotz der teils schlechten Stimmungen ist aber eine Auswanderung bei den meisten bislang kein Thema.

Eliahu Bernstein betreibt das Restaurant "Carmel" im Frankfurter Nordend Foto: Peter Jülich

Carmel ist der Name eines recht üppig bewachsenen Gebirgszuges im Norden Israels. Der Begriff kann mit „Weingarten Gottes“ übersetzt werden. Und ein solcher Garten existiert – wenn auch ohne den Duft der trockenen Pinienwälder – seit einigen Monaten auch in Frankfurt. Genauer gesagt in der Eckenheimer Landstraße im Nordend. Hier hat Ele Bernstein im vergangenen Sommer seinen Traum verwirklicht und ein israelisch-mediterranes Restaurant eröffnet.

Wenn man Bernstein zu seiner Speisekarte befragt, gerät er ins Schwärmen. Da wäre etwa das Shakshuka, ein Gemüsegericht, das mit Eiern in der Pfanne serviert wird und laut Bernstein sonst weit und breit nirgends zu finden sei. Oder Malabi, ein Pudding mit Rosenwasser. Oder die mit Hackfleisch und Zwiebeln gefüllten Getreideklöße.

Bernstein könnte ewig erzählen. Seit über vierzig Jahren lebt der gebürtige Israeli schon in Deutschland – doch erst jetzt kommt der 67-jährige Koch in den Genuss, wirtschaftlich erfolgreich die Speisen seines Geburtslandes zubereiten zu können: Fast dreißig Jahre lang hatte er zuvor eine Pizzeria im Oeder Weg betrieben.

Die israelischen Speisen kommen an: Neben vielen Nordend-Bewohnern kommen auch Gäste aus Israel. Im Internet häufen sich die Lobesbekundungen. „Ich hätte nie gedacht, in Frankfurt so ein Restaurant zu finden“, schreibt etwa die Nutzerin eines Gastro-Portals aus Tel Aviv über Bernsteins „Carmel“.

An die Öffentlichkeit

Ob denn keine Unruhe aufkomme, wegen der jüngsten Anschläge in Dänemark und Frankreich? Bernstein verneint. Negative Erfahrungen mache er so gut wie keine. Die Gästezahlen steigen. Der Gastronom sieht sich als Teil einer weltoffenen Stadt, in der Religion und Herkunftsland keine besondere Rolle spielen.

Ganz anders sieht das Elishewa Patterson. Spätestens seit der gebürtigen Frankfurterin im vergangenen Jahr ein Hakenkreuz an die Hauswand geschmiert wurde, ist ihre Stimme aus der Stadtöffentlichkeit nicht mehr wegzudenken. Umtriebig macht Patterson Antisemitismus zum Thema und organisiert eine Demonstration nach der anderen.

Doch die Geschehnisse der letzten Tage schocken selbst Patterson. Die Stimmung unter Juden in Frankfurt sei „katastrophal“, die Leute seien „fassungslos“. Noch mehr, als nach den verbalen Ausfällen vieler Palästinenser im vergangenen Jahr – Stichwort „Kindermörder Israel“. „Ich habe nicht gedacht, dass es noch eine Steigerung geben kann“, so Patterson.

"Mir fehlt der Aufschrei"

Doch von Resignation ist keine Spur. „Ich habe keine Angst und gehe jetzt noch mehr in die Öffentlichkeit“, sagt die Aktivistin, die bereits für Samstag wieder eine Demonstration auf der Zeil angemeldet hat. Thema: Alle Menschen stehen zusammen gegen den Terror. Auf der Facebook-Seite der Veranstaltung sind Muslime und Juden zu sehen, die einander die Hände reichen.

Doch bislang tröpfeln nur spärlich Anmeldungen zur Veranstaltung ein, bis Mittwoch hatten auf Facebook gerade mal ein paar Dutzend Menschen ihre Teilnahme bestätigt. Dieses Phänomen hatte Patterson bereits nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ bemerkt. Zu der von ihr angemeldeten Demo unter dem Motto „Je suis Charlie“ seien 800 Leute gekommen – zu der darauf folgenden Demo „Je suis Juif“ nur 50. „Mir fehlt der Aufschrei“, sagt Patterson und beklagt die Gleichgültigkeit vieler Frankfurter Nicht-Juden.

Bei den jüdischen Gemeinden in Frankfurt und Offenbach gibt man sich indes gelassen. In der Gemeinde in Frankfurt ist eine mögliche Auswanderung nach Israel „bisher kein Thema“. Das betonte der Vorsitzende der Gemeinde, Salomon Korn, im Gespräch mit der FR. Der 71-jährige sagte, unter den knapp 7000 Mitgliedern der Frankfurter Gemeinde könne es einige wenige geben, die darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Ihn habe aber bisher keiner darauf angesprochen.

Maximale Sicherheit erreicht

Den Appell des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an Juden in aller Welt, nach Israel zu kommen, kommentierte Korn zurückhaltend. „Es ist die Frage, ob es diplomatisch klug ist gegenüber den jeweils betroffenen Ländern.“

Die Anschläge der jüngsten Zeit in Paris und Kopenhagen haben nach Korns Worten an den Sicherheitsmaßnahmen der Jüdischen Gemeinde nichts geändert. Nach jedem Anschlag werde überprüft, ob beim Schutz der jüdischen Einrichtungen in Frankfurt etwas geändert werden müsse. „Wir fragen uns jedes Mal: Haben wir etwas übersehen?“ In Frankfurt habe die Gemeinde aber bereits einen maximalen Sicherheitsstandard erreicht.

Korn lobte die gute Zusammenarbeit mit Polizei und Sicherheitsbehörden. Für die Mitglieder der Gemeinde habe es im täglichen Leben keine Veränderungen gegeben. Das gelte auch für die Schule im Philanthropin im Nordend und für den Kindergarten. „Für die Kinder ist der Anblick von Polizisten leider Normalität.“

Kaum mehr Zuwanderung

Das jüdische Gemeindezentrum in der Savignystraße werde seit seiner Eröffnung im Jahre 1986 bewacht. Auch der Sicherheitsdezernent der Gemeinde in Frankfurt, Leo Latasch, betont, dass man wegen der Bedrohung von Rechts schon seit Jahrzehnten auf Terrorismus eingestellt sei.

Ähnlich wird die Lage in Offenbach eingeschätzt: „Wir haben mit dem Sicherheitspersonal gesprochen, schränken unsere Gemeindearbeit aber nicht ein“, heißt es aus der dortigen jüdischen Gemeinde.

Auch das subjektive Sicherheitsgefühl bei den Juden in Frankfurt hat sich nach Einschätzung des Gemeindevorsitzenden Korn nicht verändert. „In Frankfurt ist es nach meiner Kenntnis kein Risiko, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen.“ Zur Entwicklung der Frankfurter Gemeinde in jüngster Zeit sagte Korn, die Zuwanderung sei zum Stillstand gekommen. Die Zahl der Mitglieder stagniere deshalb seit Jahren.

Seminar über Toleranz

Routiniert klingen die Stellungnahmen des Jüdischen Museums und der Bildungsstätte Anne Frank. So stehe man sowieso „im permanenten Austausch mit der Polizei, was unsere Sicherheit anbelangt“, sagt die Sprecherin der Bildungsstätte, Eva Berendsen. Mehr Gedanken über die Sicherheit als diese Woche habe man sich jedenfalls neulich gemacht, als in der Bildungsstätte eine Ausstellung über den Völkermord an den Armeniern eröffnet wurde.

Konkrete Maßnahmen zur Sicherheit wurden indes beim Zionistischen Jugendverband getroffen, der seinen Sitz in Frankfurt hat. „Wir achten vorerst darauf, manche Aktivitäten lieber innen und nicht im Freien abzuhalten“, so der Jugendleiter der Organisation, Shai Levi.
Doch auch hier möchte man den Kopf nicht in den Sand stecken: So plane der Verband für den kommenden Monat ein Seminar mit Teilnehmern aus ganz Europa in Amsterdam. Das Thema: Toleranz.

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