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Juden in Deutschland Beschneidung "Die Jungen gehen in die Großstädte"

Seit dem Angriff auf einen Rabbi in Berlin und die Debatte um die Beschneidung von Jungen fragen sich Juden, ob sie eine Zukunft in Deutschland haben. Rabbiner Jonathan Konits bejaht diese Frage. Er glaubt, dass die jüdischen Gemeinden sogar noch wachsen werden.

14.09.2012 15:51
Absolventen des Rabbiner-Seminars auf dem Weg zur Ordination. Foto: Ina Fassbender

Die Jewish Experience ist ein vor ein paar Jahren gegründetes Forum, in dem sich jüdische Studenten und Erwachsene austauschen, Freundschaften schließen und berufliche Kontakte knüpfen. Es wird von Spendern und der Jüdischen Gemeinde unterstützt und nutzt deren Räume für Veranstaltungen. Die Teilnehmer kommen nicht nur aus Frankfurt, sondern auch aus anderen deutschen Städten, dem europäischen Ausland sowie Israel. Bislang gestalteten Referenten aus aller Welt das Programm. Jonathan Konits ist der erste fest angestellte Rabbiner des Forums.

Als einer von vier Absolventen des Berliner Rabbiner-Seminars wurden Sie als Rabbiner ordiniert. Was bedeutet das für Sie?

Für mich beginnt damit die professionelle Arbeit. Ich werde künftig als Rabbiner der Jewish Experience in Frankfurt Studenten und junge Erwachsene unterrichten. Es war immer mein Ziel, anderen Menschen die Thora beizubringen. Ich habe während meiner Seminarzeit unterrichtet. Jetzt kann ich meine eigenen Programme leiten und gestalten.

Wann haben Sie sich entschieden, Rabbiner zu werden?

Ich habe in den USA Philosophie studiert, an einem sehr kleinen College mit vier Jahrgängen und 1200 Studenten. In den Einführungskursen saßen manchmal nur vier oder fünf Leute. Dort habe ich einen Kurs besucht, in dem die jüdische und die westliche Philosophie verglichen wurde. Das Seminar war überfüllt. Da habe ich erkannt, wie groß das Interesse junger Menschen zwischen 18 und 20 Jahren ist, etwas über das Judentum zu erfahren.

Was unterscheidet ein Rabbiner-Studium von herkömmlichen Studiengängen?

Der größte Unterschied liegt darin, dass man jeden Tag mit ganzem Herzen dabei sein muss. Es geht nicht um den reinen Wissenserwerb. Man muss jederzeit Vorbild sein für andere.

Parallel haben Sie ein Masterstudium zum Thema christlich-jüdische Beziehungen absolviert. Wie ist das zeitlich überhaupt möglich?

Das Rabbinerseminar gestattet ein Studium, das themenverwandt ist. Hätte ich Tanz oder Ingenieurwissenschaften parallel studieren wollen, wäre das nicht möglich gewesen.

Welche Entwicklung werden die jüdischen Gemeinden in Deutschland nehmen?

Wir stehen vor drastischen Veränderungen. Nicht unmittelbar, aber in zehn Jahren bestimmt. Alle Einwanderer jüdischen Glaubens aus Osteuropa, die nach dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, wurden nach Quoten auf 16 Bundesländer verteilt. Die nächste Generation wird eher in die Großstädte gehen. Auch die Zahl der Juden in Deutschland wird weiter wachsen. Allein in Berlin leben inzwischen 10.000 Israelis. Die Gemeinden heute haben einen hohen Altersdurchschnitt, sind recht klein und weit verstreut. Die Jungen wollen in großen Städten leben. Es wird zu einem Konzentrationsprozess kommen.

Der brutale Überfall auf einen Rabbiner in Berlin-Schöneberg vor zwei Wochen hat Fassungslosigkeit und Betroffenheit ausgelöst. Wie schätzen Sie derzeit die Lage der Juden in Deutschland ein?

Ich kann nur über Berlin sprechen. Im Stadtbezirk Mitte gibt es keinerlei Probleme. Aber im Bezirk Wedding, der ja direkt angrenzt und in dem sehr viele Menschen türkischer und arabischer Herkunft leben, kann man kaum 200 Meter mit der Kippa gehen, ohne antisemitische Äußerungen registrieren zu müssen. Man ist praktisch gezwungen, eine Mütze über das Kippa zu tragen, um nicht aufzufallen.

Wie reagieren Sie darauf?

In Berlin geht es um die Frage, ob dieser hochkochende Antisemitismus toleriert wird oder nicht. Das verfolgen wir sehr genau. Es ist ja kein Geheimnis, dass es in Berlin einen Konflikt zwischen den jüdischen und arabischen Minderheiten gibt. Das ist eine Mischung, die sehr viel Aufmerksamkeit verlangt. Wir erwarten, dass sich die Politik eindeutig von solchen Übergriffen distanziert.

Das Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts sorgt seit Wochen für Diskussionen. Die Holocaustüberlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat gesagt, sie frage sich ernsthaft, „ob dieses Land uns noch haben will“.

Frau Knobloch gehört einer ganz anderen Generation an. Sie hat ihr ganzes Leben dem Ziel gewidmet, in Deutschland wieder jüdische Gemeinden aufzubauen. Dennoch ist es höchste Zeit, dass das Thema Beschneidung juristisch möglichst schnell geklärt wird. Das ist kein politisches Thema.

Warum nicht?

Für mich sind die Beschneidung und das Recht auf körperliche Unversehrtheit kein Widerspruch. Die Thora verbietet Tätowierungen und Piercings. Sie ist die führende Stimme für den Wert der körperlichen Unversehrtheit. Warum sollten Juden diesen Wert verkennen? Das ist doch absurd. Jeder würde die Stimme erheben, wenn eine Religion verlangte, dass man Kindern ein Bein abhacken muss. Es ist aber doch ein Unterschied zwischen einem Bein und der Vorhaut. Die meisten medizinischen Studien beweisen, dass die Beschneidung auch gesundheitliche Vorteile hat. Deshalb muss man dieses Thema doch nicht politisch debattieren. Wenn es rechtlich gesehen ein Thema ist, braucht man eben eine juristische Sonderregelung, eine Ausnahme. Ich verstehe allerdings nicht, warum es überhaupt dazu kommen muss.

Das Interview führte Peter Berger

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