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Juden-Ghetto in Frankfurt Bauen auf Ghetto-Überresten?

Vor 30 Jahren wollten Besetzer verhindern, dass das Juden-Ghetto am Börneplatz in Frankfurt bebaut wird. Micha Brumlik war dabei und blickt zurück.

Die riesige Baugrube auf dem Stadtwerke-Gelände 1987. Foto: Institut für Stadtgeschichte (3)

Herr Brumlik, im Frühjahr 1987 stießen Bauarbeiter bei der Ausschachtung für das neue Kundenzentrum der Stadtwerke am Börneplatz auf Überreste des alten jüdischen Ghettos. Wie haben Sie reagiert, als Sie diese Nachricht erreichte? 
Ich war überrascht, aufgeregt und etwas erfreut. Man hätte natürlich wissen können und müssen, dass an dieser Stelle früher das alte jüdische Ghetto lag. Aber offenbar gab es niemanden in der Stadt, der daran auch nur gedacht hätte, nicht mal im Bauamt. Das war ein großer Unterschied zum Beispiel zu der Stadt Köln. Dort blieben die Überreste der jüdischen Welt stets im kommunalen Gedächtnis. 

Woran lag es, dass es in Frankfurt damals so anders war? 
Ich denke, man könnte von einer kollektiven Amnesie sprechen. Frankfurt hatte sich nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sehr stark dem städtebaulichen Neuanfang verschrieben. Es gab zwar in der Stadt Intellektuelle von Rang, wie etwa die Philosophen der Frankfurter Schule. Aber es gab kein historisches Bewusstsein. 

War das nicht Teil einer großen Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit? 
Man kann es Verdrängung nennen oder auch stadthistorische Vergesslichkeit. 

Sie gehörten damals zu den jungen Aktivisten der Jüdischen Gemeinde, die forderten, dass das Stadtwerke-Zentrum auf keinen Fall auf den Überresten des Ghettos gebaut werden sollte. Eine ihrer Parolen hieß „Macht Geschichte nicht zunichte“. Wie reagierte die Jüdische Gemeinde insgesamt? 
In der Jüdischen Gemeinde hat das zu erheblichen Spannungen geführt. Es gab heftige Debatten zwischen der übergroßen Mehrheit der Überlebenden des Holocaust und uns Jungen. Die Alten sagten, ihr redet ja nur von Ghettos, wir haben sie überlebt. Bei mir war das anders, bei mir gab es einen sehr direkten Bezug. Die Familie meiner Mutter hatte in der Synagoge am Börneplatz gebetet. Die Mehrheit der Jüdischen Gemeinde war der Meinung, dass man den Konflikt um den Börneplatz nicht zu scharf führen sollte. 

Die Mehrheit von CDU und SPD im Stadtparlament hatte bis dahin nur geplant, hinter dem Stadtwerke-Neubau ein Mahnmal für das jüdische Ghetto anzulegen. 
Besonders stur blieb der damalige CDU-Oberbürgermeister Wolfram Brück. Es gab Äußerungen von ihm, die an Antisemitismus grenzten. So sagte er zum Beispiel, wenn die Jüdische Gemeinde die Überreste des Ghettos retten wolle, müsse sie dafür bezahlen. Es ist schon unverständlich, dass ein sogenannter Konservativer so etwas sagen konnte. 

Der damalige sozialdemokratische Kulturdezernent Hilmar Hoffmann setzte sich sehr für die Jüdische Gemeinde ein, aber am Ende gab es nur einen Kompromiss. Das Stadtwerke-Gebäude wurde errichtet, aber ein Drittel der Fläche wurde für eine Dependance des Jüdischen Museums reserviert. Hoffmann sagt heute, das sei ein fauler Kompromiss gewesen, dem er nie hätte zustimmen dürfen. Sehen Sie das auch so?
Ja. Gelungen finde ich das nicht. Man hat damals das Beste daraus gemacht, was innerhalb des Magistrats möglich war. Aber das Museum Judengasse ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte etwas, das im Weichbild der Stadt unübersehbar ist. Aber das Museum ist versteckt. 

Die bittere Ironie ist ja, dass die Stadtwerke wenige Jahre später vom Börneplatz wegzogen. 
Daran sieht man, dass es damals mit der Bebauung so ernst nicht gewesen sein kann. Ich bin sehr gespannt auf den Tag, an dem die vertraulichen Magistratsakten zum Börneplatz zugänglich sein werden. Dann erst wird man wissen, was wirklich die Hintergründe waren.
 
War der Börneplatz-Protest für die Jüdische Gemeinde so etwas wie ein Zeichen neuen Selbstbewusstseins?
Das wahre Coming-Out hatte es schon zwei Jahre zuvor gegeben, als Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die Bühne des Schauspiels besetzten, um die Aufführung des Fassbinder-Stücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zu verhindern. Da war auch Ignatz Bubis dabei, der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er war sehr aufgeregt. Zuvor hatte es 1985 schon den Skandal von Bitburg gegeben, als US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Kohl Kränze auf einem Soldatenfriedhof niederlegten, auf dem auch SS-Männer begraben waren. Da hatte die Jüdische Gemeinde auch heftig protestiert. Günther Rühle, früher FAZ-Feuilletonchef und 1985 Intendant des Schauspiels, hatte von einem „Ende der Schonzeit“ geschrieben. 

Bubis und Salomon Korn, der spätere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, gehörten ja nicht zu den Börneplatz-Besetzern. 
Nein. Korn hat aber einen Kompromiss gewählt: Seine beiden Kinder waren unter den Besetzern der Börneplatz-Baustelle . 

Was lässt sich aus dem Börneplatz-Konflikt lernen? 
Grundsätzlich gilt in einer Zeit rasanten Wachstums und zunehmender Geschichtslosigkeit, dass es wichtig ist, an die Vergangenheit einer Stadt zu erinnern. Ob man so weit gehen muss wie Frankfurt heute in der Altstadt, ist eine andere Frage. 

Wie stehen Sie zur Rekonstruktion der Altstadt zwischen Dom und Römer? 
Ich habe grundsätzlich meine Meinung geändert, was den Wiederaufbau anbelangt. In den 80er Jahren war ich gegen den Bau der Alten Oper gewesen. Ich wollte die Opern-Ruine als klaffende Wunde im Zentrum der Stadt erhalten. Heute bin ich der Meinung, dass ein Wiederaufbau das historische Bewusstsein schärft. Das gilt etwa für den Wiederaufbau der Altstadt von Warschau. Oder jetzt beim Stadtschloss in Berlin. In Frankfurt bin ich mittlerweile versöhnt mit der Römerberg-Ostzeile aus den 80er Jahren. 

Und die neue Altstadt? 
Die muss ich mir erst noch genau anschauen. 

 

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