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Journalist Keyvan Dahesch "Feldmann hat nie abgespült"

Mit 16 Jahren kam er aus dem Iran, blind, fremd, ohne Bildung. Im FR-Interview erzählt der Journalist Keyvan Dahesch, wie er es trotzdem schaffte, den neuen OB in die SPD zu holen und den Bundespräsidenten zu wählen.

02.07.2012 16:08
Felix Helbig und Katharina Sperber
Der blinde Journalist Keyvan Dahesch beim FR-Interview in seiner Bad Homburger Wohnung Foto: Martin Weis

Mit 16 Jahren kam er aus dem Iran, blind, fremd, ohne Bildung. Im FR-Interview erzählt der Journalist Keyvan Dahesch, wie er es trotzdem schaffte, den neuen OB in die SPD zu holen und den Bundespräsidenten zu wählen.

Der blinde Journalist Keyvan Dahesch war immer etwas Besonderes: der erste in seiner persischen Familie, der nach Deutschland auswanderte, der erste blinde SPD-Ortsvereinsvorsitzende in Frankfurt, der erste Blinde in der Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt. Heute lebt der 70-Jährige mit seiner stark sehbehinderten Frau Anni in einer schönen Drei-Zimmer-Wohnung im Kurstift Bad Homburg. Erlesene Teppiche auf dem Boden, eine weiße Decke auf dem Esstisch, im Arbeitszimmer ein Computer mit einer elektronischen Blindenschrift-Zeile unterhalb der Tastatur. Wir sitzen im Wohnzimmer, Keyvan Dahesch lässt sein Leben Revue passieren. Auch wenn er jetzt im Taunus wohnt, die Stadt seines Herzens bleibt Frankfurt.

Herr Dahesch, Frankfurt hat jetzt einen neuen Oberbürgermeister: Peter Feldmann. Sie selbst haben ihn 1979 in die SPD aufgenommen. Dennoch waren Sie nicht dafür, dass Feldmann als OB kandidiert. Warum?

In Bonames hatten wir in den 70er Jahren eine gute SPD-Ortsgruppe. Wir waren sehr nahe an den Leuten, engagierten Orchester, feierten Maifeste, machten einen Fotowettbewerb. Aus unserer Ortsgruppe, deren Vorsitzender ich einige Jahre war, ist niemand zu den Grünen übergelaufen als die Startbahn West gebaut wurde. Wir haben den Leuten Heimat geboten. Peter Feldmann hat sich nur für Kundgebungen oder solche Dinge interessiert. Wenn aber nach einem Tanz in Mai nachts die Gläser gespült werden mussten, da hat man ihn nicht gesehen. Das Geschirr haben der blinde Keyvan Dahesch und seine Frau gespült, obwohl meine Frau gar kein SPD-Mitglied ist. Bis 1985 habe ich Feldmann nie in einer Funktion im Ortsverein gesehen. Mit Fleiß hat er sich aus jeder Arbeit herauszuhalten versucht. Aber ich wünsche ihm jetzt alles Gute und viel Erfolg.

Seit wann sind Sie Sozialdemokrat?
Seit dem 5. April 1965.

Wie kommt ein Mann aus der persischen Oberschicht dazu, in die SPD einzutreten?
Ganz einfach. Ich hatte viele sozialkritische Bücher gelesen und wollte, dass es in der Welt gerecht zugeht. Und wer in Hessen etwas werden wollte, musste in der SPD sein.

Sie wurden 1941 in Teheran geboren – blind. Ein Schicksalschlag für Ihre Eltern. Denn damals glaubte man, dass die Behinderung des Kindes eine Strafe für die Sünden der Eltern sei.
Meine Eltern waren sehr gebildet, die glaubten das nicht. Aber sie waren hilflos. Wie sollten sie mich erziehen, wie bilden, was sollte aus mir werden?

Sie wurden sehr behütet?
Ich durfte nie allein gehen, nicht mal auf die Toilette. Da musste stets ein Dienstbote dabei sein und vor der Tür warten. Und ich wurde mit den besten Leckereien gefüttert nach dem Motto, wenn er schon nichts sieht, soll er wenigstens gut essen. Als ich 1958 mit 16 Jahren nach Deutschland kam, war ich ein sehr dicker Jugendlicher.

Wie viel wogen Sie denn?

(Keyvan Dahesch steht aus dem Sessel auf, lacht und zeigt mit den Händen, wie dick er gewesen sein muss. )

Jetzt wiege ich ungefähr 76 Kilo. Damals 120! Ich war fast so hoch wie breit.

Gab es keine Ärzte oder Therapeuten im Iran, die Ihnen helfen konnten?
Dass ich hell und dunkel unterscheiden konnte, ist mir zum Verhängnis geworden. Meine Eltern waren ja begütert und so suchten sie viele Ärzte auf. Der eine diagnostizierte Vitaminmangel. Dann habe ich also zwei Jahre lang jeden Tag eine Vitamin-A-Spritze in den Po bekommen. Der nächste Arzt in der nächsten Stadt sagte, der Junge leidet an Kalzium-Mangel. Dann habe ich ein Jahr lang jeden zweiten Tag eine Kalzium-Spritze in die Vene bekommen.

Ihre Eltern verschlossen sich nicht einmal religiösen Menschen, die glaubten, dass Gebete helfen könnten?
Mein Vater arbeitete im Kulturministerium und wurde in die verschiedensten Provinzen geschickt, so auch in die Stadt Meschehd in der Provinz Khorasan. Dort liegt ein Heiliger des schiitischen Islam begraben. Einige religiösen Leute rieten meinen Eltern, sie sollten mich eine Nacht an das Grab binden. Und so geschah es. Ich saß da also auf dem Marmorboden mit einem Tuch an das Grab gebunden. Diejenigen, die mich hingebracht hatten, rieten mir: Bete, bete die ganze Nacht, morgen kannst du wieder sehen. Meine Eltern waren nicht so ganz so davon angetan, aber die ungebildeten, frommen Leute waren überzeugt davon, dass es helfen würde. Also bin ich da die ganze Nacht gelegen, aber am nächsten Morgen war ich nicht geheilt. Einmal ist sogar eine alte Frau, die sehr fromm war und zu den dienstbaren Geistern meiner Eltern gehörte, mit mir an das Grab gegangen und hat gesagt, sie bete mit mir die ganze Nacht. Auch das hat nicht geholfen. Zum Glück ist mein Vater dann in eine 1600 Kilometer entfernte Stadt versetzt worden.

Und damit war Ihr Schicksal besiegelt?
Nein. Irgendwann haben die persischen Ärzte zu meinen Eltern gesagt, fahren Sie nach Deutschland, die deutschen Ärzte sind weltberühmt, die können helfen. Für den Fall, dass ich länger in Deutschland therapiert werden sollte, haben mich meine Eltern in die Stadt Isfahan gebracht, wo es eine Schule der deutschen Christoffel-Blinden-Mission gab.

Was taten die Ärzte in Deutschland?
Mein Augenleiden, wie sie es nannten, konnten sie nicht heilen. Da habe ich gesagt, auch wenn ich nicht geheilt werden kann, ich bleibe dennoch in Deutschland.

Da waren sie aber erst 16 Jahre alt. Warum wollten sie nicht zu Ihren Eltern zurückkehren, im Iran hatten sie Ihr Zuhause?
Mir fehlte dort die Perspektive. Das einzige, was ich gelernt hatte, war ein persisches Instrument: die Tar. Ich hatte einen Hauslehrer, der es mir beigebracht hatte. Ich habe dieses Instrument so gut beherrscht, dass ich im Hörfunk auftrat – nicht als Blinder, sondern als Musiker klassischer persischer Musik. Meine Eltern und meine Geschwister haben mir ab und zu etwas vorgelesen. Ich bin auch zur normalen Schule gegangen, doch davon habe ich nichts gehabt. Ich konnte doch nicht sehen, was an der Tafel stand und auf ein blindes Kind haben die Lehrer keine Rücksicht genommen. Ich hatte ein Radio, hörte die Stimme Amerikas und BBC. Das hat mich gebildet.

Was haben Sie da gelernt?
Bei der BBC gab es wissenschaftliche Vorträge, die haben mir ungemein gefallen. Und meine Eltern haben mir schon geholfen: Die BBC hat beispielsweise von Bildern im Louvre in Paris berichtet. Dann habe ich meine Eltern gefragt, was ist der Louvre und sie haben es mit erklärt.

Ihre Eltern haben Ihre Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, akzeptiert?
Ja. Sie fanden es gut, dass ich hier eine Bildung bekam.

Aber in Deutschland waren Sie nicht nur der Blinde, sondern auch der Fremde?
Aber was hätte ich im Iran machen sollen, immer nur die Tar spielen? Ich wollte hierbleiben und für mich selbst sorgen. Denn ich wusste, wenn meinem Vater im Iran etwas zustößt, dann wird keiner mehr für mich aufkommen können.

An eine akademische Ausbildung war nicht zu denken

Sie haben eine Blindenschule in Stuttgart besucht. Welche Berufe standen Ihnen danach offen?
Das waren nicht viele: Korbmacher, Bürstenbinder, Stenotypist oder Telefonist. Aber das wollte ich alles nicht. An eine akademische Ausbildung war gar nicht zu denken, ich hatte ja erst in Deutschland mit der Schulbildung begonnen und kein Abitur. Am Ende wurde ich Masseur und medizinischer Bademeister. Das Staatsexamen 1961 habe mit Gut bestanden. Das war für mich ein Glückserlebnis. Alle späteren Ausbildungen habe ich immer mit einer Eins abgeschlossen.

Wollten sie Ihre Familie im Iran beeindrucken?
Ja, ich hatte ja noch drei Geschwister, die alle was geworden waren. Mein jüngerer Bruder zum Beispiel ist nach London gegangen und hat dort promoviert.

War es einfach eine Stelle als Masseur zu finden?
Na, das war schon mühsam, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen. In Bad Dürrheim im Schwarzwald war ich dann sogar leitender Masseur.

Und dort haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Nein, nein, das war schon in Frankfurt. Zuerst habe ich sie auf einer Tanzveranstaltung getroffen. Und ich glaube, sie hat sich in meine dunklen Locken verliebt. Aber da ich schon beim ersten Tanz handgreiflich geworden bin, wollte sie gar nichts mehr von mir wissen. Im Iran hatte man mir erzählt, dass in Deutschland damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg acht bis zehn Millionen Männer fehlten und die deutschen Frauen dankbar für jeden Mann seien, den sie kriegen könnten. Also dachte ich, jede Frau wartet nur drauf, dass der Keyvan Dahesch kommt. Mit dieser blödsinnigen Ansicht habe ich mich bei vielen Frauen unbeliebt gemacht.

Wir haben gehört, Sie lassen sich noch heute gern abschleppen?
Wie bitte? Nein, nein.

Doch, im Turn- und Sportverein Nieder-Eschbach.
Ach so. (lacht) Jeden Freitag gehe ich zum Rathaus, fahre nach Gonzenheim und von dort aus zwei Haltestellen weiter zu meinen TuS-Freunden. Wenn ich beim Walking ohne Stöcke laufe, habe ich das eine Ende eines Therapiebands in der Hand, das andere hat meine Begleiterin. Dann geht’s los. Montags gehe ich zum Turnen „Fit in die Woche“. Da bin ich der einzige Mann unter 20 Frauen.

Und wie hat es damals doch noch mit ihrer Frau geklappt?
Als ich aus Bad Dürrheim nach Frankfurt zurückkehrte, traf ich sie wieder. Und weil ich mich inzwischen gebessert hatte, hat sie mich geheiratet.

Sie waren als Masseur erfolgreich, aber das reichte ihnen nicht. Warum nicht?
Ich wollte immer weiterkommen und habe mich ständig weitergebildet. Zum Beispiel im Bildungswerk Hessen Süd. Dann habe ich mich an der Akademie der Arbeit in Frankfurt beworben. Die war für junge Leute, die kein Abitur hatten, aber dennoch an der Universität studieren wollten. Wir waren da 70 Bewerber und die ganze Prüfung dauerte zehn Tage, schriftlich und mündlich. Da sind einige durchgefallen, ich nicht, ich war unter den Besten und bekam ein Stipendium der Gewerkschaft.

Nach dem Abschluss der Akademie haben Sie sofort eine Stelle bekommen?
Die Sehenden ja, ich nicht. Ich brauchte ja eine sogenannte Assistenz, also einen Vorleser. Den bekam man in den 70er Jahren aber nur als Beamter. Also habe ich auf mein Studium noch eine Beamtenausbildung draufgesetzt und bin dann Pressesprecher im hessischen Landesamt für Versorgung und Soziales geworden.

Wissen Sie noch wie Ihre erste Pressemitteilung lautete?
Nein. Aber ich erinnere mich, dass mir Kollegen von der Frankfurter Rundschau, der Deutschen Presseagentur und dem Hessischen Rundfunk geholfen haben. Ich schickte denen die Inhalte, die in einen grässlichen Behördendeutsch geschrieben waren. Die Kollegen haben das Ganze in verständliches Deutsch übersetzt, mir abends am Telefon vorgelesen und ich habe das dann leicht verändert als Pressemitteilung verschickt. Das war etwas konspirativ.

Haben Sie Ärger bekommen?
Den Beamten hat das nicht gefallen. Aber da habe ich nur gesagt, die Journalisten konnten mit dem verdrehten Deutsch nichts anfangen und haben es halt umformuliert.

Später haben Sie als freiberuflicher Journalist für viele Zeitungen, darunter auch die FR, geschrieben – und tun es manchmal heute noch. Vor allem wenn es um die Interessen behinderter Menschen geht. Sie können auf ein reiches Leben zurückblicken. Was haben Sie jetzt noch vor?
Meine Frau und ich haben 2006 die Anni-und-Keyvan-Dahesch-Stiftung gegründet. Sie soll Behinderten helfen. Das Startkapital lag bei 133.000 Euro, inzwischen habe ich 65.000 Euro dazugebettelt.

(Die Uhr über dem Sofa schlägt zur vollen Stunde elfmal, gleich darauf beginnt eine weitere Uhr im Nebenzimmer, sich bemerkbar zu machen, schließlich eine dritte in der Küche, sie kann sogar sprechen. „Es ist elf Uhr“, sagt sie.
Am Revers seines dunklen Anzugs trägt Keyvan Dahesch die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Sie blitzt im hellen Licht.)

Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Darauf bin ich sehr stolz. Sie ist mir mehr wert als das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ich habe in dieser Stadt meine Frau kennengelernt, ich habe in dieser Stadt meine Ausbildung gemacht, ich habe in dieser Stadt gearbeitet und ich habe in dieser Stadt...

(Keyvan Dahesch stockt in seiner Rede, er schluchzt, hält sich die Hand vor das Gesicht und kann nicht weitersprechen. Dann bringt er seinen Satz zum Ende.)

... und weil ich in dieser Stadt so viel Liebe und Anerkennung bekommen habe – 38 lange Jahre.

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