Lade Inhalte...

Jochem Jourdan Der sanfte Revolutionär

Der Architekt schafft seit Jahrzehnten mit seinen Gebäuden öffentliche Räume, in denen es sich gut leben lässt. Bauen ist für ihn ein Handwerk, das in Philosophie und Kunst wurzelt. Am Sonntag, 23. September, wurde er 75 Jahre alt.

22.09.2012 20:35
Claus Jürden-Göpfert
Auf das Ensemble der früheren Landeszentralbank an der Taunusanlage, das 1986 fertiggestellt wurde, ist der Architekt besonders stolz. Foto: Chris Hartung

Der Architekt schafft seit Jahrzehnten mit seinen Gebäuden öffentliche Räume, in denen es sich gut leben lässt. Bauen ist für ihn ein Handwerk, das in Philosophie und Kunst wurzelt. Am Sonntag, 23. September, wurde er 75 Jahre alt.

Nur wenige Meter sind es, die wegführen von der verkehrsumtosten Taunusanlage. Durch ein breites Portal betritt der Besucher einen großen, stillen Innenhof, der geradezu klassisch anmutet. An einer Längsseite eine von Säulen gesäumte Arkade. Die Schritte der wenigen Passanten, die den sonnengewärmten Platz queren, hallen nach. Und tatsächlich plätschert dort im Schatten von geranktem Grün ein Brunnen, das Wasser ergießt sich über Metallplatten im Boden. Aus dem Halbdunkel löst sich ein kleiner Mann, dessen ungebändigter Haarschopf vom Grauen ins Schlohweiße tendiert. Jochem Jourdan lächelt zur Begrüßung sein typisches Lächeln, verschmitzt, ein wenig verlegen.

„Das ist ein Gebäude-Ensemble, auf das ich wirklich stolz bin“, sagt der Architekt mit leiser Stimme. „Es ist ein Platz, der zum Verweilen einlädt.“ Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit das Quartier der damaligen Landeszentralbank eingeweiht wurde, das er zusammen mit Wolfgang Rang, Michael Landes, Norbert Berghoff und seinem engsten Partner Burkhard Müller entworfen hatte. Am Sonntag feierte Jourdan, einer der erfolgreichsten deutschen Baumeister, seinen 75. Geburtstag. Er hasst all dieses Geschwurbel um Bilanz ziehen, das Werk Revue passieren lassen – er fühlt sich mitten im Leben.

„Ich habe in all der Zeit einiges sehr Schöne machen können.“ Mehr ist dem gebürtigen Gießener, der sich selbst gerne ironisch als „Schlammbeißer“ tituliert, spontan nicht zu entlocken. Er zeigt lieber, lässt seine Gebäude sprechen. Die Linde, die sich über eine Pergola mit Glyzinien um den Brunnen rankt. Die sechs grünen Garten-Terrassen, die gliedernd in die Häuser eingreifen, die Passage für Fußgänger, die zur Alten Oper hinüberführt. „Es waren die besten Gebäude, die in Frankfurt in den 80er Jahren entstanden.“ So viel Stolz muss sein. Immer war ihm der öffentliche Raum ein Anliegen.

Er schimpft auf den Zustand mancher Frankfurter Plätze. Wie etwa des Goetheplatzes, „diese Einöde rund um das Gutenberg-Denkmal“, die man verzweifelt durch „überflüssige Installationen wie das Grüne-Soße-Festival“ zu füllen versuche: „Das trägt zur Verödung und zur Unansehnlichkeit der Stadt bei.“

Seine Neugestaltung der historischen Gerbermühle in Oberrad besticht durch „die wunderbaren Außenanlagen zum Main hin“. Sein Haus am Dom ist für ihn nicht denkbar ohne „das Wirtshaus darin und davor: Das wollten wir unbedingt!“

Jourdan lernte von großen Lehrmeistern

Jourdan regt sich auf darüber, dass ein großer grüner Müll-Container mitten im Innenhof platziert wurde. Unmöglich. Gedankenlos. Zerstört das ganze Raumgefüge. Er meidet große, plakative Worte wie „demokratisches Bauen“. Aber genau darum geht es natürlich.

Jourdans Architekten-Generation, das war „die erste nach der nationalsozialistischen Zeit“. Die erste, „in der sich die Architekten der Welt geöffnet haben“. Sechzehn Semester ließ er sich Zeit als Student in Darmstadt, heute undenkbar. Er lernte von großen Lehrmeistern, dem Stadtplaner Max Guther, der dafür kämpfte, Stadtentwicklung als ein interdisziplinäres Gesamtes zu sehen, den Verkehr und seine Folgen ebenso einzubeziehen wie die Kunst. Und von dem Architekten Karl Gruber, der ein unermüdlicher Streiter für den künstlerischen Städtebau war. „1963 fuhr ich zum internationalen Studenten-Konvent in Delft“ in den Niederlanden, das weitete den Horizont. „Es war eine Zeit des Aufbruchs.“

Sie revoltierten an der Universität: „Die Repression aus der Nachkriegszeit war noch zu spüren.“ 1968 zog Jourdan mit bei den großen Demonstrationen der Studentenbewegung, „mit meinem Sohn Felix als Baby in der Tragetasche“.

Wir schaffen es, von den gestrengen Wachleuten am Eingang die Erlaubnis zu bekommen: Wir dürfen hinein ins Innere des Hauptgebäudes, das heute zur Bundesbank gehört. Die große Halle mit ihrem Terracotta-Boden, das Treppenhaus, das sich eng hinaufschraubt ins Unendliche, das der Architekt als Zitat des expressionistischen Bauens von Peter Behrens versteht.

Aber Jourdan hinterließ Spuren weit über Frankfurt hinaus. Er wandelte den Kirchberg in Luxemburg „vom autogerechten zum europäischen Quartier“, aber er entwarf auch eine Einkaufsmall in Kassel. Den Einfluss des Autos zurückzudrängen, benötigt Zeit. Doch das Studium der griechischen Philosophen hat ihn Geduld gelehrt: „Man muss verstehen, wie lange eine Idee braucht.“ Schon Platon habe gegen die Sklavenhaltergesellschaft gekämpft. Aber wann fiel sie dann tatsächlich? „Wir können nur kämpfen, wenn wir Hoffnung haben“, brummt der Baumeister. Schlägt den Weg quer durchs Bahnhofsviertel Richtung Innenstadt ein, will unbedingt noch zum Haus am Dom.

Jourdan ist ein sanfter Revolutionär. Er verkündet keine plakativen Umstürze, er bringt lieber in aller Stille alles in Bewegung. Als er das Haus am Dom entwarf, verschmolz er es mit dem denkmalgeschützten Hauptzollamt, schuf gleichzeitig vor dem größten Frankfurter Gotteshaus einen Platz, an dem man heute gerne sitzt.

Das war ihm wichtig. Dafür nahm er den Aufstand in Kauf, der losbrach, als er das Haus ohne Dach entwarf. Das damalige Stadtoberhaupt Petra Roth (CDU) wetterte öffentlich, trat als Vertreterin des gesunden Volksempfindens auf. Jourdan lächelt in der Erinnerung. „Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung mit der Oberbürgermeisterin.“ Am Ende gab Jourdan nach, setzte ein Dach auf.

In Frankfurt entsteht "sehr gute Architektur"

Der Mann, der zwei Hochhaus-Rahmenpläne für Frankfurt kreierte, weiß, unter welchem wirtschaftlichen Druck Architekten heute stehen. Aber noch immer entstehe gerade in Frankfurt, der Hauptstadt der Finanzwirtschaft, „sehr gute Architektur“. Der Opernturm zum Beispiel oder die unterirdische Städel-Erweiterung, die Gartenhallen. „Es wird immer Architekten geben, die subversiv genug sind, um das Diktat des Geldes zu überwinden.“ Jourdan lacht leise.

Angekommen am Dom. Es ist warm an diesem Nachmittag, ein letztes Aufbäumen des Sommers. Kurze, bunte Kleider, T-Shirts prägen das Bild im Nachmittagslicht an den Tischen vor dem „Cucina della Grazie“. Die Szenerie wirkt italienisch und Jourdan freut sich. Prosecco und Espresso kommen auf den Tisch. Die Vorfahren des Architekten waren Waldenser, emigriert aus dem Piemont, aus religiösen Gründen vertrieben. „Es war eine freiheitliche Bewegung, eine Armutsbewegung.“ Liberal? Er schüttelt entschieden den Kopf. „Das Wort liberal gefällt mir nicht.“

Die zurückliegenden Jahrzehnte erscheinen ihm als eine einzige lange Reise. „Es gab keine Samstage und keine Sonntage, ich habe nie zwischen Freizeit und Arbeit getrennt.“ Im Alter von sechzehn Jahren lernte er seine spätere Ehefrau kennen, seither leben sie gemeinsam. „Es ist ein großes Glück.“ Er streicht das weiße Haar zurück, dessen widerspenstige Strähnen stets aufs Neue über die Stirn fallen.

Ein Paar, das fast 60 Jahre zusammen ist. „Ich habe vieles von meiner Frau gelernt.“ Sie, die Philosophie und Literaturwissenschaften studiert hatte, weitete nicht nur seinen Blick. Sie stärkte ihm den Rücken. „Ich war sehr schüchtern, ich konnte nicht gut sprechen.“

In ihm wächst seit Jahren ein Plan

Die Leute strömen aus dem Dom ins Sonnenlicht. Jourdan hängt seinen Gedanken nach. In ihm wächst seit Jahren ein Plan. „Ich möchte einen Stadtteil bauen, den es noch nicht gibt“, sagt er schließlich. Ein Quartier, in dem er seine Vorstellungen vom ganzheitlichen Denken verwirklichen kann. „Architektur war immer der Versuch, eine Vorstellung vom Universum zu gewinnen.“

In seinem Stadtteil würden die Kunstwerke eine große Rolle spielen. Immer hat Jourdan mit Künstlern zusammengearbeitet. Mit dem Frankfurter Thomas Bayrle zum Beispiel, mit dem er seit langem befreundet ist. In dem Einkaufszentrum in Kassel, das der Architekt entwarf, gestaltete Bayrle Räume. „Die historischen Ornamente haben ihre Bedeutung verloren, an ihre Stelle ist die zeitgenössische Kunst getreten.“ Am Kirchberg in Luxemburg ließ er eine große Skulptur von Richard Serra aufstellen.

Manchmal träumt Jourdan noch vom Aufbruch seiner Generation in den 60er Jahren. Oder gar vom Bauen der 20er mit Ernst May und den anderen Ikonen. „Damals entsprach Architektur einer sozialen Bewegung, heute ist alles viel individualistischer.“

Man muss damit leben. Auch mit Verlusten. Seine Gedanken fließen in Zeichnungen, in flüchtige Momentaufnahmen mit Feder und Tinte, festgehalten in einem Notizbuch, das Jochem Jourdan stets bei sich trägt. Seine Bauwerke aber werden länger bleiben und künden von einem, der seine Kunst versteht.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen