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Jesiden Bouffiers zerstobene Hoffnung

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) trifft Jesiden. Vorerst soll es keine Partnerschaft mit Kurden geben. Jesiden berichten über ihr verlorenes Sicherheitsgefühl in der kurdischen Heimat, aber auch in Deutschland.

Religionsgemeinschaften klagen IS an und fordern Hilfe für Opfer von Massenvergewaltigung und Folter. Foto: dpa

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Es ist erst wenige Wochen her, dass Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) mit Jesiden über hoffnungsvolle Pläne reden konnte. Eine Partnerschaft zwischen Hessen und dem irakischen Kurdistan war im Gespräch zwischen dem Regierungschef und dem Vorsitzenden der christlich-jesidischen Gesellschaft, Irfan Ortac. Die Religionsgruppe der Jesiden, die aus dem Kurdengebiet stammt, hatte bereits bei der Regierung von Kurdenführer Massud Barsani vorgefühlt.

Als Bouffier am Mittwoch bei Ortac und anderen mittelhessischen Jesiden in Lollar bei Gießen zu Gast ist, erscheint das wie eine ferne Vergangenheit. Jetzt berichten die Gastgeber von ermordeten und verschleppten Verwandten, von Vergewaltigungen vor der Dorfgemeinschaft und von Tausenden Menschen, die ohne Wasser und Brot auf der Flucht sind. Bouffier zeigt sich „bedrückt“.

Die schwere Last auf der Seele der Menschen ist spürbar unter dem Bild ihres Heiligtums Lalish. Doch sie erzählen gefasst vom Schicksal ihrer Volksgruppe und erheben Forderungen nach einer Schutzzone in Irak, der Versorgung der Traumatisierten und einer Aufnahme von Witwen und Waisen in Deutschland. Bouffier erwidert: „Die erste Priorität muss es sein, dort dieses Morden zu beenden.“

„Sicherheitsgefühl zerstört“

Der jesidische Psychologieprofessor Sefik Tagay berichtet dem Gast, das Sicherheitsgefühl der Jesiden sei nicht nur in der kurdischen Heimat zerstört, wo Terroristen der Gruppierung Islamischer Staat (IS) wüteten. Dieses Gefühl sei „auch in Deutschland massiv erschüttert“. Dazu trage es bei, wenn radikale Islamisten in Deutschland demonstrieren könnten. Als Bouffier fragt, ob sich muslimische Nachbargemeinden bei den Jesiden gemeldet und ihre Anteilnahme geäußert hätten, reagieren sie mit einem Schulterzucken. Es ist zu spüren, wie willkommen    ein Signal von Muslimen wäre, doch die Jesiden wollen kein Öl ins Feuer gießen. Bouffier dagegen spricht aus, dass er sich ein klares Bekenntnis islamischer Gemeinden „jenseits aller Glaubensgegensätze“ wünschen würde, auch vom einen oder anderen islamischen Verband. Der IS-Terror breche schließlich „mit allem, was unsere Zivilisation ausmacht“.

Fast jeder zehnte der weltweit rund eine Million Jesiden lebt in Deutschland. In Hessen sind es mit 4000 relativ wenige.

Besucher Bouffier spricht sich für die   Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga aus, die Deutschland auf den Weg gebracht. Die Jesiden zeigen sich zurückhaltender. „Waffenlieferungen sind wirklich nur dann gut, wenn damit Minderheiten geschützt werden“, sagt Irfan Orhac, der für die SPD im Gießener Kreistag sitzt. Die kurdischen Kämpfer hatten die Jesiden nicht gegen IS-Truppen verteidigt.

Bouffier aber beharrt: „Die einzigen, die im Moment in der Lage sind, überhaupt etwas zu sichern, sind die Peschmerga.“ Die Vereinten Nationen seien dagegen „ein zahnloser Tiger, wenn die Welt sich nicht einig ist“.

Nach einer Stunde muss Bouffier weiter nach Kassel. In Lollar bleiben die Jesiden zurück, voller Angst um Angehörige im Irak.

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