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Islamkritiker Zahid Khan Roßmarkt Der Zorn beim Khan

Eine „Islamkritiker“-Veranstaltung auf dem Roßmarkt zieht ein kleines, aber bizarres Publikum an. Mehr als eine Stunde lang redet der "Buchautor" Zahid Khan. Doch kaum einer wird ihm zuhören.

Islamkritiker Zahid Khan (im karierten Hemd) spricht in einem abgetrennten Bereich auf dem Roßmarkt. Foto: Monika Müller

Die jungen Damen, die am Samstag um kurz vor 15 Uhr den Roßmarkt (Innenstadt) überqueren, tragen in Erwartung des abendlichen Spiels gegen Ghana Teufelshörner in Schwarz-Rot-Gold. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick entpuppen sich die National-Hörnchen als Hasenohren. Mit der Veranstaltung, die hier gleich beginnt, verhält es sich genau andersrum.

Als Zahid Khan ein junger Pakistani war, entführten ihn die Engel des Herrn nächtens zu den Bergen der Verwunderung. Dort sagte der Liebe Gott dem Khan, dass dieser ab sofort sein aktueller Prophet sei. Und weil der im eigenen Land nichts gilt, kam Khan nach Deutschland, wo er seitdem Bücher im Eigenverlag rausgibt, sich in Stoßzeiten mit einem halben Dutzend Jünger umgibt und in gewissen Kreisen als „Islamkritiker“ durchgeht, weil eines seiner Bücher den Titel „Die Verbrechen des Propheten Mohammed“ trägt.

Anschlag als PR-Coup

Eine gewisse Berühmtheit erlangte Khan durch angebliche Mordanschläge, die alle naselang auf ihn ausgeübt würden. Bis sich vor ein paar Wochen vor dem Landgericht Darmstadt herausstellte, dass zumindest der jüngste Anschlag nichts weiter als ein PR-Coup war, den sein vermeintlicher Erzgegner, der deutsche Muslim Stefan Nagi, angezettelt hatte, um Khans Sache Werbung zu verschaffen. Er halte wie Khan die Salafisten für die größte Bedrohung Deutschlands, hatte Nagi vor Gericht gesagt. Er hatte auch sämtliche Demonstrationen gegen Khan und seine Bücher organisiert, die Demonstranten bezahlt und die Filme ins Internet gestellt. Jetzt sitzt der Mann im Bau. Und Khan sind mangels Organisation die Gegendemonstranten für seine Veranstaltungen weggebrochen. 

Zahid Khans neues Buch heißt „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Das ist auch der Titel der Veranstaltung. Mehr als eine Stunde lang wird Khan erzählen, was er sich bei dem Buch gedacht hat. Und keiner wird ihm zuhören.

Nicht die in Bataillonsstärke angerückten Polizisten, die auf dem Roßmarkt ein Riesengelände abgesperrt haben, auf dem Kahn mit sieben Getreuen, einem Mikro und zwei Deutschlandfahnen reichlich verloren steht. Nicht die vielleicht 40 Zuhörer, die den Eindruck machen, als tummelten sie sich in ihrer Freizeit eher in „islamkritischen“ Blogs und die Khan als so eine Art Gallionsfigur zu betrachten scheinen.

Nicht die Passanten, die kurz stehenbleiben, lauschen, lachen, weiterziehen. Nicht die beiden alten Gegendemonstranten, die „Ja! Der Islam gehört zu Deutschland“-Transparente gedruckt und mitgebracht haben, die keiner haben will. Auch nicht Polizeipräsident Achim Thiel, der mal schnell vom Shopping vorbeischaut, alles „sehr bunt“ hier findet und das Recht der „Meinungsfreiheit“ lobt, auch wenn sie manchmal nervt. 

Während Khan redet, diskutieren am Rande der Absperrung ein blonder und ein schwarzhaariger junger Mann. Der Schwarzhaarige trägt seine kurze Frisur streng gescheitelt. Man kennt diese Frisur, sie hat normalerweise einen Bart. Die Frisur hat eine Zahnspange.

Nationalstaaten, sagt der Blonde, seien eine Fehlkonstruktion aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Die Frisur spricht sich für ein „Europa der Vaterländer aus“. Die USA hingegen sind der Frisur zu „verjudet“, weshalb er sie lieber als „JewSA“ bezeichne. Der Blonde lässt nicht locker. „Deutschland ist doch das, was wir daraus machen. Wenn mein Bruder adoptiert ist, dann ist er trotzdem mein Bruder, wenn ich ihn als solchen sehe.“ Die Frisur will wissen, ob der adoptierte Bruder Deutscher sei. Der Blonde gibt auf.

Michi rollt die Deutschlandfahne ein

Er lasse sich nicht eines Landes verweisen, in dem er seit einem halben Jahrhundert lebe, arbeite und Steuern zahle, brüllt ein alter Muslim, der zufällig vorbeigekommen ist und den Quatsch offenbar ernst nimmt. „Was ist dein Gesetz?“ duzt ihn ein junger Kerl aus dem Inneren der Absperrung, an dessen Arm die Banderole „Ordner“ prangt. „Der Koran? Die Scharia?“ Der Alte greift mit vor Erregung zitternden Fingern in sein Portemonnaie, zückt seinen Personalausweis und hält ihn dem Ordner unter die Nase. „Das ist mein Gesetz!“, schreit er heraus. „Das ist nur ein Fetzen Papier. Das macht dich nicht zu einem Deutschen.“ Der Ordner spuckt die Worte aus. 

Zahid Khan redet eineinviertel Stunden lang. Er erzählt vom Islam, der Deutschland und die Welt bedrohe. Er erzählt es auf Englisch, sein Deutsch ist nicht so gut wie das der Frisur oder des Ordners. Nach Zahid Khan darf auch noch „der Michi von der German Defence League“ ans Mikro. Er erzählt dasselbe wie Khan, nur zehnmal so schnell und auf gut Deutsch. Der Ordner, die Frisur und ein paar andere Zuhörer spenden Beifall. Der aufgebrachte Muslim unterhält sich, mittlerweile deutlich entspannter, mit ein paar Polizisten, die auf dieselbe Meinungsfreiheit wie ihr Präsident verweisen. Die beiden aufrechten altlinken Gegendemonstranten haben vier weitere Menschen getroffen, die sich solidarisch zeigen und ein Pro-Islam-Plakat umhängen. Ganz hinten rollt der Michi von der German Defence League die Deutschlandfahne ein. 

Zahid Khan mag ein Prophet mit Häschenohren sein. Einige seiner Gefolgsleute tragen respektable Hörner. Doch der Teil von Zahid Khan, der das bemerken würde, ist vermutlich in den Bergen der Verwunderung geblieben.

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