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Interview zu Neo-Salafisten „Die meisten sind Mitläufer“

Neo-Salafisten sind oft Teenager, meist männlich und halten sich für die wahren Muslime. Und sie wollen in den Heiligen Krieg. Davor soll Thomas Mücke von der hessischen Beratungsstelle gegen Salafismus sie bewahren. Eine Aufgabe, die den Schlaf rauben kann.

27.10.2014 07:56
Zur Person: Thomas Mücke (56) ist Pädagoge und Politologe. Der Berliner hat die hessische Beratungsstelle gegen Salafismus mit aufgebaut, deren Zentrale zu dem bundesweit tätigen Verein Violence Prevention Network (VPN) gehört. Mücke ist VPN-Mitbegründer und neben der Erziehungswissenschaftlerin Judy Korn auch Geschäftsführer. Foto: dpa

Thomas Mücke und seine Kollegen sprechen mit Jugendlichen, um sie vor religiösem Extremismus zu bewahren. Dafür gehen sie in Schulen, Moscheen, Gefängnisse und Wohnungen. Der Pädagoge hat die Beratungsstelle gegen Salafismus in Frankfurt mit aufgebaut, die an diesem Montag (27. Oktober) von Innenminister Peter Beuth (CDU) eröffnet wird. „Die Extremisten haben nur eine Chance, wenn die Islamangst in der Gesellschaft wächst“, sagt Mücke im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Schaffen Sie es wirklich, radikalisierte Jugendliche aus den Kreisen der Islamisten zu lösen?
Ja. Wenn man mit den jungen Menschen direkt in Kontakt tritt, kann man wirklich mit ihnen arbeiten. Aber dafür brauchen wir Menschen, die wissen, was in ihnen vorgeht, die verlässlich sind und nicht belehrend. Sie müssen Geduld haben. Ein Radikalisierter ist nicht von heute auf morgen deradikalisiert.

Und für diese Arbeit sind Sie rund um die Uhr da?
Ja, auch nachts. Wenn eine Mutter vermutet, dass ihr Kind nach Syrien ausreisen will, müssen wir schnell handeln.

Wie oft haben Sie Erfolg?
Das Projekt in Hessen läuft erst seit Juli, aber wir haben bereits mit 19 jungen Menschen direkt Kontakt, die in der gefährdeten Szene sind und teils schon in Syrien waren. Zwei von ihnen haben deutlich gesagt, sie wollen aussteigen. Die vielen Jahre unserer Arbeit haben gezeigt: In 15 Prozent der Fälle können wir nichts Positives bewirken. Aber in 85 Prozent schon.

Wie erfahren Sie von gefährdeten Jugendlichen?
Vor allem über die Eltern. Die Radikalisierung geht oft so schnell und tief, dass Eltern damit überfordert sind. Dann muss man direkt mit den Jugendlichen arbeiten, was jetzt in Hessen gemacht wird. Schulen, Jugendeinrichtungen und Moscheen – egal, jeder kann sich an uns wenden.

Das Projekt in Hessen ist klein. Reichen ihre Mitarbeiter?
Sicher nicht, angesichts der wachsenden Szene. Aber so ein Projekt sollte man nicht plötzlich mit sehr viel Geld ausstatten. Ich fürchte, dass jetzt in anderen Bundesländern zu schnell gearbeitet wird, weil das Thema heiß ist. Damit kann man viel kaputt machen. Man muss die richtigen Mitarbeiter finden, sich vernetzen und schrittweise vorgehen.

Um welche Jugendliche geht es bei Ihrer Arbeit?
Jeder ist anders. Aber es gibt gemeinsame Punkte. Wir sehen oft Familienbrüche, es fehlt der Vater. Die Jugendlichen suchen emotionale Zugehörigkeit bei den Extremisten. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, kommen eher aus sogenannten bildungsfernen Schichten, sind leicht zu beeinflussen. Die meisten Neo-Salafisten sind Mitläufer, berufen sich zwar auf ihre religiösen Wurzeln, haben aber von der Religion wenig Ahnung.

Arbeiten in der Beratungsstelle vor allem Muslime?
Unser Projektleiter und die drei festen Mitarbeiter haben eine muslimische Identität, die freien Mitarbeiter nicht alle. Gerade anfangs ist der muslimische Hintergrund der Türöffner. Radikalisierte lehnen viele Gesprächspartner ab. Sie leben in ihrer eigenen Welt, in der die einen gut, die anderen böse sind.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagt, es gehe bei der Beratungsstelle auch darum, das öffentliche Bild des Islam in Deutschland zu schützen. Ist das auch Ihr Ziel?
Ja. Der äußere Feind der Extremisten ist der dekadente Westen. Ihr innerer Feind aber sind jene, die den Islam als Religion verstehen und ihn verbinden mit Demokratie. Extremisten wollen, dass sich die Mehrheit gegen den Islam wendet, damit sich die Ausgegrenzten radikalisieren. In diese Falle dürfen wir auf keinen Fall geraten. Die Extremisten haben nur eine Chance, wenn die Islamangst in der Gesellschaft wächst.

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