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Interview mit Attac-Mitgründerin Sundermann „Anfang einer neuen Welle“

Attac-Mitgründerin Jutta Sundermann spricht im FR-interview über die Occupy-Bewegung - die Unterstützung der Protest-Camps und die anstehenden Demonstrationen.

11.11.2011 19:45
Jutta Sundermann Foto: privat

Frau Sundermann, versucht das Netzwerk Attac mit der geplanten Umzingelung des Frankfurter Bankenviertels und des Berliner Regierungsviertels die Bewegung Occupy zu okkupieren?

Nein. Attac ist Teil der neuen Demokratiebewegung. Attac-Leute sind an fast allen Orten dabei, wo Occcupy auftauchte oder noch präsent ist. Wir setzen so unsere Arbeit fort, die wir vor elf Jahren begonnen haben.

In den vergangenen Monaten haben sich andere Bewegungen hervorgetan. Die sogenannten Wutbürger in Stuttgart, Occupy in New York, London oder in Frankfurt. Von Attac war seit langem wenig zu hören.

Dieser Eindruck ist falsch. Attac steht mal mehr, mal weniger medial im Fokus. Das steht nicht in unserer Macht. Wir haben allerdings seit 2001 nach dem G-8-Gipfel in Genua kontinuierlich zu verschiedenen Themen gearbeitet. Die Bankenkrise haben wir seit 2008 mit verschiedenen Aktionen wie dem Banken-Tribunal im vergangenen Jahr begleitet. Allerdings war es zu Beginn der Banken-Krise fast unmöglich, den Protest zu mobilisieren, zu organisieren und auf die Straße zu bringen – unter anderem, weil das Problem lange so abstrakt war, scheinbar über unsere Köpfe hinwegging. Aber niemand kann Bewegung am Schreibtisch planen. Das kann auch Attac nicht. Der Zulauf zu Attac ist aber groß. Wir sind in dieser Zeit weiter gewachsen auf nun 26.000 Mitglieder.

Was wollen Sie mit der Aktion „Banken in die Schranken“ erreichen?

Wir wollen ein Zeichen setzen. Wir wollen gleichzeitig Regierungs- und Finanzmacht umzingeln, um zu zeigen, dass wir beide im Auge behalten. Zusätzlich wollen wir die Bewegung erweitern. Von den Gewerkschaften hat man lange nichts gehört zu dem Thema. Nun ruft der DGB ebenfalls zu den Demonstrationen auf. Danach wollen wir uns zusammensetzen, um gemeinsam nach Strategien und Möglichkeiten der Einmischung zu suchen.

Schärfen Sie mit der Aktion ihr globalisierungskritisches Profil oder laufen Sie Gefahr, ihre Ansätze zu verwässern aus Rücksicht auf die Bündnispartner?

Bei der Aktion sehe ich die Gefahr der Beliebigkeit nicht. Wir fordern dreierlei: Banken entmachten, Reichtum umverteilen und Demokratie erkämpfen. Das sind zentrale Attac-Forderungen. Occupy ist da noch offener, ist viel mehr eine Such-Bewegung. Deshalb sind sie auch noch nicht so festgelegt auf bestimmte Forderungen. Trotzdem gibt Occupy einen wichtigen Impuls.

Ihnen ist es im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen gelungen, mit dem noch sehr heterogenen Bündnis Occupy zusammenzuarbeiten? Wie geht das?

Wir haben den Vorteil, dass unser Bundes-Büro in der Nähe des Occupy-Camps vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt liegt. So waren wir täglich vor Ort, haben ständig mit Occupy-Aktiven gesprochen. Wir haben darüber hinaus mehrfach unsere Hilfe angeboten – beispielsweise bei der Organisation von Demonstrationen. Wir haben aber auch unsere Idee zu der Umzingelungs-Aktion vorgestellt, die nun von Occupy-Aktiven unterstützt wird.

Planen Sie weitere gemeinsame Aktionen mit Occupy?

Die nächsten Wochen werden sicher spannend. Zum einen bleiben wir in Kontakt mit den verschiedenen Teilen der Bewegung, zum anderen werden wir weiter mit den Organisationen aus dem Demo-Bündnis kooperieren. Wir werden also viel zu tun haben auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten der Einmischung.

Wie sehr erinnern Sie die Anfänge von Occupy an den Beginn ihrer Organisation?

Occupy ist neu und unberechenbar und deshalb besonders attraktiv. Das hat Attac in den Jahren 2001 bis 2003 auch intensiv erlebt. Ein Unterschied ist, dass Attac von Anfang an eine Mischung war aus Individuen, die sich vernetzt haben, und Organisationen, die das Netzwerk begleitet haben. Relativ schnell war ein Kern von Forderungen zusammen, etwa die, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. Außerdem hatten wir schnell einen organisatorischen Kern und ein ehrenamtlich betriebenes Büro. Wir haben auch fix auf den Zuspruch der Menschen reagiert und so Tausende Mitglieder gewinnen können. So entstand ein dauerhaftes Engagement.

Schafft sich also jede Generation ihre eigene Bewegung?

Bewegungen sind nichts Lineares. Sie entwickeln sich wellenartig. Vielleicht ist Occupy der Anfang einer neuen Welle.

Das Gespräch führte Andreas Schwarzkopf

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