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Interview Jürgen Lutz „Der Kampf gegen neue Baugebiete ist absurd“

Jürgen Lutz vom Verein Mieter helfen Mietern wirbt dafür, dass Menschen Veränderungen in ihrem Umfeld akzeptieren.

Neue Mietwohnungen nahe des Messeturms. Foto: dpa

Herr Lutz, die Zahl der Menschen, die eine Sozialwohnung suchen in Frankfurt, wächst immer weiter ...
... wobei diese knapp 23 000 Menschen ja nur die sind, die sich beim städtischen Amt für Wohnungswesen haben registrieren lassen. Das heißt: Das sind nur die, die noch Hoffnung haben, durch ihre Registrierung irgendwas zu erreichen. Wer keine Hoffnung mehr hat, der meldet sich gar nicht mehr bei der Stadt. Und das sind viele.

Das heißt, es gibt eine erhebliche Dunkelziffer von Menschen, die dringend eine Sozialwohnung bräuchten, aber gar nicht registriert sind?
Ja, so ist es.

Wie hoch ist diese Dunkelziffer?
Ich schätze, es geht in Frankfurt um weitere 20 000 Menschen. Schon in den 80er Jahren waren ja 12 000 Haushalte registriert, die eine Sozialwohnung suchten. Die Stadt hat dann zusätzliche Kriterien eingeführt, um die Zahl zu drücken.

Welche sind das?
Man muss zum Beispiel einen Arbeitsplatz haben und mindestens zwei Jahre in Frankfurt leben.

Das heißt, Arbeitslose finden gar keine Berücksichtigung?
Nur, wenn sie länger als zwei Jahre in Frankfurt leben.

Die Wartezeit für eine neue Sozialwohnung beträgt mittlerweile mehrere Jahre. Und steigt immer weiter.
Das liegt daran, dass die Zahl der Sozialwohnungen in der Stadt immer weiter sinkt. Wer endlich eine Unterkunft ergattert hat, zieht natürlich nicht mehr um. Bei der Warteliste gibt es verschiedene Dringlichkeitsstufen. Wer unmittelbar von Obdachlosigkeit bedroht ist, etwa durch eine Räumungsklage oder ein Räumungsurteil, der genießt Vorrang.

Sind diese Verhältnisse durch den gesteigerten Neubau von Sozialwohnungen überhaupt zu verbessern? Das ist doch ein Wettlauf, der gar nicht zu gewinnen ist?
Das ist richtig. Nach jahrzehntelangen Versäumnissen kann man diesen Wettlauf nicht gewinnen. Es geht nur darum, das Leid zu mildern. Wir setzen uns als Initiative das Ziel, zumindest die dringendsten Fälle in einer überschaubaren Zeit zu versorgen.

Was wäre dafür notwendig?
Die Zahl der Sozialwohnungen in Frankfurt müsste verdoppelt werden. Die städtische Wohnungsholding ABG müsste viel mehr bauen und müsste mehr Belegungsbindungen vergeben. Vor allem aber müssten die Kommunalpolitiker sich viel mehr engagieren.

Was meinen Sie damit?
Es müssten endlich Entscheidungen beim Bauland für Wohnungen getroffen werden. Vor der Kommunalwahl wurden alle möglichen Wohnbaugebiete angekündigt, nach der Kommunalwahl werden die Ankündigungen Stück für Stück zurückgenommen. Das gilt etwa beim Ernst-May-Viertel und beim Innovationsquartier. Erst sollte die Autobahn 661 auf einer Länge von 1,8 Kilometern mit einem neuen Wohnviertel überbaut werden, jetzt sind davon nur noch mehrere Hundert Meter übriggeblieben. Das ist schizophren. Das geht gar nicht. Die Politiker verlieren dadurch stark an Glaubwürdigkeit.

Fast gegen jedes neue Wohnquartier kämpfen Bürgerinitiativen. Können Sie diese Menschen verstehen?
Natürlich kann ich sie zunächst einmal verstehen. Ich möchte auch nicht unbedingt eine neue Siedlung vor meiner Nase haben. Aber es ist ganz grundsätzlich so: Wenn man immer mehr Menschen nach Frankfurt lockt, um die Wirtschaftskraft der Stadt zu stärken und neue Arbeitsplätze zu schaffen, dann braucht man auch neue Wohnungen. Das heißt: Die Menschen müssen Veränderungen in ihrem Umfeld in Kauf nehmen.

Das heißt, es geht darum, den Egoismus zu überwinden?
Ja, darum geht es. Der Einzelne muss zugunsten der Allgemeinheit zurückstehen. Es braucht einen Bewusstseinswandel in Frankfurt. Es muss sich endlich das Bewusstsein durchsetzen, dass neue Wohnungen dringend gebraucht werden. Der Kampf gegen neue Wohnungen ist absurd.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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