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Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg geht

Am Donnerstag endet Nargess Eskandari-Grünbergs Zeit als Frankfurts Integrationsdezernentin. Leise Servus sagt die Grüne zu ihrem Abschied nicht.

Will sich weiter einmischen: Nargess Eskandari-Grünberg. Foto: Andreas Arnold

Ihr Abschied stand nicht auf dem Programm. „Empfang für Partnerinnen und Partner der Integration“ hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Einladung betitelt, mit der er zu Ehren von Nargess Eskandari-Grünberg vergangene Woche in den Römer bat. Doch natürlich war es ein Abschied. Jeder, der sprach, dankte der am 14. Juli aus dem Amt scheidenden Integrationsdezernentin in überschwänglichen Worten, die der Saal mit Applaus erwiderte. So viele wollten noch nach den offiziellen Reden das Wort ergreifen, dass der Protokollchef aus dem Saal stürmte und murmelte, er werde wohl nicht mehr gebraucht.

Sie hätten sich einen anderen Anlass für eine Würdigung gewünscht, sagten Fachhochschulpräsident Frank Dievernich und Goethe-Uni-Professorin Helma Lutz unisono und sprachen von einem großen Verlust für die Stadtgesellschaft. Sie habe „unkonventionell, klug, mutig, willensstark“ gehandelt, lobte Rosina Walter, Geschäftsführerin des Vereins Beramí. „Deine kleinen Füße hinterlassen ziemlich große Fußstapfen“, betonte Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth.

„Das ist ein sehr gutes Gefühl“, sagt Eskandari-Grünberg selbst, einige Tage später in ihrem Büro. „Ich fühle mich gestärkt von der Stadtgesellschaft. Und auch an der Basis der Grünen, in meiner Partei, fühle ich unheimliche Rückendeckung.“ Nein, auch auf Nachfrage mag sie ihrer Partei nicht den Vorwurf machen, nicht genug für sie und ihr Dezernat gekämpft zu haben. „Vor fünf Jahren haben die Grünen den Fehler gemacht, das Dezernat nicht zu einem hauptamtlichen aufgewertet zu haben, als sie nach dem Wahlerfolg die Chance dazu hatten.“ In den Koalitionsverhandlungen nach der jüngsten Kommunalwahl im März indes sei für die geschwächten Grünen schnell „die Grenze dessen, was möglich war“, erreicht gewesen.

Wer hat einen Gewinn davon?

So mag die 51-Jährige nicht mit Gram aus dem Amt gehen. Politik sei für sie nie Selbstzweck gewesen, sagt sie, die sich bereits als Schülerin im Iran politisch engagierte und deshalb als 17-Jährige unter dem Mullah-Regime im Evin-Gefängnis inhaftiert und gefoltert wurde, in Haft eine Tochter gebar, ehe sie nach Deutschland floh und auch hier wieder aktiv wurde, zunächst in der Kommunalen Ausländervertretung. „Ich brauche das wie Nahrung, mich für etwas einsetzen zu können.“ Und doch, sagt sie, „macht es mich traurig, zu gehen. Ich frage mich: wer hat einen Gewinn davon?“

In der Integrationspolitik brauche es jemanden, der auf den Tisch haut, eine „politische Instanz mit moralischer Haltung“. Es sei falsch, diese Aufgabe dem Bildungsdezernat zuzuweisen, das Sylvia Weber (SPD) nun übernimmt. Die SPD mache denselben Fehler, den die Grünen 2011 begingen, als sie nach den „großen“ Dezernaten verlangten, nach Bildung, nach Stadtplanung, statt der Integration mehr Raum zu geben. „Wir haben diesen Film schon mal gesehen, er ist schlecht“, hatte der Landesausländerbeiratsvorsitzende Enis Gülegen im Römer auch an die Zeit erinnert, als mit Jutta Ebeling (Grüne) schon einmal eine Politikerin die Integrations- neben der Bildungspolitik verantwortet hatte. „Das liegt nicht an der Hauptdarstellerin, sondern am Drehbuch.“

Bleibt man im Bild, dann wurde die Frankfurter Integrationspolitik in den vergangenen acht Jahren aber eben doch von ihrer Hauptdarstellerin geprägt. Als solche war Eskandari-Grünberg nicht unumstritten und schon ehe sie 2008 auf den im Amt verstorbenen Jean-Claude Diallo folgte, zur Zielscheibe von Anfeindungen geworden. 2007 im Streit um ein Moscheebauprojekt in Hausen, hatte sie als Vorsitzende des Integrationsausschusses einem Bürger, den der Migrantenanteil an Schulen sorgte, entgegnet: „Migration in Frankfurt ist eine Tatsache, wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie woanders hinziehen.“ Die Hassmails, die dem folgten, hätten aber „schlagartig aufgehört, als die bürgerliche Gesellschaft aufgestanden ist“.

Pegida-Anhängern die Stirn geboten

Eine wichtige Lektion über den Wert einer starken Zivilgesellschaft sei das gewesen, sagt sie und leitet über zum „wohl schönsten Moment“ ihrer Amtszeit, als sie Anfang 2015 auf dem Römerberg vor Tausenden sprach, die einer Handvoll Pegida-Anhängern die Stirn boten. „Da habe ich gefühlt, das ist Frankfurt, das ist meine Stadt.“

Es erfülle sie mit Stolz, dass sie in eben dieser Stadt einen „Paradigmenwechsel“ herbeigeführt habe, wie sie es nennt. Das Integrations- und Diversitätskonzept, das sie 2010 vorlegte und dem ein breiter Bürgerbeteiligungsprozess vorausgegangen war, habe „die Haltung zur Integrationspolitik komplett verändert“. Statt weiter Ausländerpolitik zu betreiben, habe das Konzept die Stadt in ihrer gesamten Vielfalt in den Blick genommen. „Ich habe immer gesagt, ich will nicht die Dezernentin für Ausländer sein, sondern für die gesamte Stadtgesellschaft.“

Mancher hatte ihr vorgehalten, das Konzept sei zu abstrakt – doch dem hält sie eine lange Liste mit Projekten entgegen, die ihr Dezernat angestoßen habe. Seien es neue Wege in der schulischen Elternarbeit, kultursensible Altenpflege oder interkulturelle Fortbildungen für Verwaltung und Polizei. Integration sei eben komplex und nicht damit erreicht, hier oder dort noch einen Sprachkurs anzubieten oder Migranten zum Kaffee zu bitten. „Integration heißt, Diversität auf Augenhöhe zu gestalten und gesellschaftliche Strukturen so zu verändern, dass jeder Mensch seine Potenziale entfalten kann.“ 70-Stunden-Wochen habe sie oft gehabt, sagt sie, ihr politisches Ehrenamt übte sie neben ihrem Beruf als Psychotherapeutin aus.

Ihre Mitarbeiter haben ihr zum Abschied ein Olivenbäumchen geschenkt. Ihm sei es eigen, heißt es, dass es erst nach Jahren Früchte trägt.

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