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Inkasso-Mafia Liebesgrüße von der Schwarzmeerküste

Ein Mitglied der türkischen Inkasso-Mafia hat unberechtigte Inkasso-Forderungen gestellt und kräftig abkassiert. Nun steht er in Frankfurt vor Gericht.

Glaubt man der Anklage, dann hat Köksal A. mit Lug und Trug mindestens 200 000 Euro Profit gemacht. Glaubt man Köksal A., hat er mit Ach und Krach gerade mal 10 000 Euro Profit gemacht. Einig sind sich Verteidigung und Anklage, dass die Geschäfte in jedem Fall hochprofessionell gemanagt worden waren. Und noch werden, wenn auch nicht mehr von Köksal A.

Seit Dienstagmorgen müssen sich der 42 Jahre alte A. und seine 45 Jahre alte Verlobte Fatma S. wegen Betrugs und Geldwäsche vor dem Landgericht verantworten. A. soll Teil einer von Türken dominierten Betrügergruppe sein, die durch falsche Inkassoforderungen an bundesweit weit mehr als 100 000 Adressaten Kasse machte.

Die Masche: Mit Hilfe eines Online-Briefportals, das virtuelle Briefe in analoge verwandelt, verschickten sie ohne jegliche Grundlage Inkassoschreiben an völlig schuldlose Adressaten. Zuvor hatten die Betrüger mit Hilfe von Bankern und Anwälten vor allem in Bulgarien und Rumänien Scheinfirmen mit so schönen Namen wie „Weltforderungsmanagment“ gegründet. Beiliegende Überweisungsträger, offizieller Firmenbriefkopf – alles machte bis auf gelegentliche orthografische Schwächen einen halbwegs manierlichen Eindruck.

Die Forderungen bewegten sich in einem Rahmen zwischen 50 und 400 Euro. Die meisten Angeschriebenen durchschauten den Schwindel, einige zahlten. Der Gesamtschaden geht höchstwahrscheinlich in die Millionen, allein bei den jetzt angeklagten Taten zwischen Oktober 2014 und Juli 2016 sollen Fake-Schuldner ohne zwingenden Grund mehr als eine halbe Million Euro an Institute wie die Banca Transilvania überwiesen haben. Außer sich vor Vorfreude auf den im Mahnschreiben angekündigten „Vor-Ort-Besuch von unseren Außendienst-Mitarbeitern“ überwiesen manche gar doppelt.

Köksal A., so sehen das auch die Ankläger, war nie Chef der Truppe, sondern fungierte auf mittlerer Ebene für den nach wie vor flüchtigen Bandenchef Özgur T. Aber spätestens Ende 2015 soll er sich selbstständig gemacht, mit Hilfe seiner Verlobten – der Beihilfe vorgeworfen wird – Büroräume in Dinslaken gemietet, Scheinfirmen gegründet, „Drucker und Kopierer und Kuvertiermaschine zu einer Druckstraße zusammengesetzt“ und auf eigene Rechnung angebliche Schuldner unter Druck gesetzt haben.

Der Angeklagte sieht sich selbst in milderem Licht. 2011 sei er als selbstständiger Transportfahrer pleitegegangen und habe sich von einem Landsmann 75 000 Euro geliehen, um seine Mitarbeiter auszahlen zu können. Der Landsmann habe dann in einseitigem Einverständnis die Kreditzinsen verdoppelt und ihn gezwungen, in seinem Auftrag Firmen in Bulgarien zu gründen. Erst habe er gedacht, diese dienten der Logistik, doch spätestens als er die Firmennamen gegoogelt habe und beim Verbraucherschutz gelandet sei, habe er Bescheid gewusst.

Das Gewerbe und dessen Sitten hätten ihm aber nicht behagt. Nachdem ein Business-Meeting in Istanbul in eine zünftige Schießerei gemündet sei, bei der er selbst lebensgefährlich verletzt worden sei, habe er aussteigen und sein Heil in ehrlicher Arbeit suchen wollen. Die selbstgebastelte Druckstraße habe eigentlich dazu dienen sollen, in Deutschland lebende Türken mit Wahlwerbung für die türkische Regierungspartei AKP zu erfreuen. Aber nach einem garstigen wenn auch schusswaffenfreien Streit mit einem AKP-Funktionär habe eine andere regierungsnahe Organisation den eigentlich ihm versprochenen Auftrag erhalten – und er sei gezwungen gewesen, wieder als Befehlsempfänger im illegalen Inkassogewerbe zu arbeiten.

Als Geständnis ist das eher mau. Aber schon am ersten Verhandlungstag erzählt A. von den Strukturen der Organisation, von den „Finanzagenten vor Ort“ (Unterklasse) und deren Kontrollbehörde, den „Aufpassern“ (Mittelklasse), zu denen er selbst gehört habe. Und er will den Ermittlern auch Namen aus der Oberklasse nennen, die von Istanbul und Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste aus ihr Netz webe. A. fürchtet um sein Leben, seine Anwälte sprechen von „konkreten Bedrohungen“.

Der Prozess ist bis Ende des Jahres terminiert.

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