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Inge Werth Ausstellungen würdigen Inge Werth

Zwei Ausstellungen in Frankfurt würdigen das Werk der 86-jährigen Fotografin Inge Werth, die sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat

Ausstellungen in Frankfurt
Die Fotografin im Arbeitsraum ihres Hauses in Wehrda bei Hünfeld. Foto: peter-juelich.com

Mit ihrer Mutter musste sie sich dem endlosen Treck der Flüchtlinge aus dem deutschen Osten anschließen, als 1944 die russischen Truppen den Krieg in das Land des Aggressors trugen. Die monatelangen Erfahrungen von Tod, Gewalt, Kälte und Zerstörung fasst die Überlebende heute in einem Satz zusammen: „Ich habe Glück gehabt.“ Das soll heißen: Die damals 14-jährige ist nicht vergewaltigt worden, nicht einmal äußerlich verletzt. Nur die Erinnerungen sind geblieben, die immer wieder zurückkehren: die Todesangst des englischen Bomberpiloten, der abgeschossen worden war. „Die großen Wunden“ an ihren Füßen. Der Kampf um Kartoffeln oder Kohlen: „Es gab sogar hilfsbereite russische Soldaten, die haben uns Mädchen beim Klauen geholfen.“

Werth gießt heißen Kaffee ein und spricht über ihren Vater. „Ich habe sehr viel von ihm.“ Zum Beispiel die unbändige Reiselust der Tochter, die sie um die halbe Welt trieb. „Mein Vater ist zur See gefahren, war lange in den USA, ist von dort ausgewiesen worden, weil er sich für Farbige eingesetzt hatte.“

Von Pasewalk über Stralsund kommen Mutter und Tochter schließlich in Hamburg an. Inge versucht sich in verschiedenen Berufen. Anwaltsgehilfin. Vertreterin für Parfüm. In der Firma wird der Chef übergriffig: „Ich habe laut gesagt: Ich kündige – ich bin ein sehr spontaner Mensch!“

Werth sprudelt geradezu über von Anekdoten und Szenen. Sie kommt als junge Frau nach Hamburg, erhält ihre erste Kamera als Geschenk. Und sie entdeckt, was sie ihr Leben lang nicht losgelassen hat: „die Neugier, mit Bildern zu erzählen.“

Es ist Anfang der 60er Jahre der Beginn einer großen Karriere. „Ich habe immer ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet“, sagt sie stolz. Soll heißen: Sie hat nie eine feste Anstellung gehabt. Hat als freie Fotografin rasch für namhafte Magazine und Zeitungen gearbeitet: Für den „Spiegel“, für die „FAZ“ und die Frankfurter Rundschau. 1963 geht sie zum ersten Mal für Reportagen nach Israel. Und sie erlebt die offene Ablehnung der Überlebenden des Holocaust für das Tätervolk.

„Als ich in Tel Aviv an der Dizengoff-Straße ein Café betrat, hat sich ein Mann sofort von mir abgewandt – er konnte und wollte die deutsche Sprache nicht hören.“ Aber die Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlicht eine Seite mit den Arbeiten der jungen Fotografin, es ist so etwas wie ihr beruflicher Durchbruch.

Was ist das Geheimnis ihrer Fotografien? Es ist das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz. In einer Gegenwart, die von einer Bilderflut gekennzeichnet ist, die keine Scham mehr kennt, wirken die Fotos von Werth geradezu diskret. Sie hat immer gewusst, was sie nicht zeigen wollte. „Das Entblößen war nicht mein Ding“, sagt sie stolz, „ich wollte das heimliche Fotografieren nicht.“

Und dennoch ist sie an vielen Brennpunkten der Zeitgeschichte dabei. Als Anfang 1968 die Studentenrevolte in Paris losbricht, begleitet Werth die Geschehnisse mit der Kamera bis zum Ende. „Der Mann, mit dem ich damals zusammengelebt habe, war mit dem Bruder von Daniel Cohn-Bendit befreundet.“

Das hat ihr viele Türen geöffnet. Ganz beiläufig sagt sie lächelnd: „Ich war eine Linke – und eine Linke bin ich immer noch!“ Werth kramt in einem großen Karton mit Fotos und Fundstücken. Fördert ein Buch zutage: „Paris brennt“ von Arno Münster aus dem Jahr 1968. Zu dieser Dokumentation der Revolte steuerte Werth die aufrüttelnden Bilder bei.

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