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Immobilienhandel in Frankfurt Garten Eden der Spekulanten

Die Zustände im Frankfurter Immobilienhandel spotten jeder Beschreibung. Das ZDF-Magazin „Frontal 21“ versucht es heute abend dennoch.

IvI
Häuschen mit Garten gefällig? Das ehemalige IvI war vor wenigen Tagen noch für 2,9 Millionen Euro zu haben. Mittlerweile dürften es wohl ein paar Euro mehr sein. Foto: Andreas Arnold

Rund um das ehemalige Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI) wuchert es wie Unkraut. Das ist aber ganz natürlich– es ist Unkraut. Still ist es geworden um das einstige Rabatz-Epizentrum, seit die Polizei es im April 2013 auf Geheiß des zeitweiligen Besitzers geräumt und damit auch eine Art Traum beendet hat. „Wir nehmen mit dieser Aktion den Raum zurück, der zunehmend verknappt und vernichtet wird“, hatten die Aktivisten Anfang 2002 verkündet, als sie das leerstehende Gebäude besetzten. Auf Dauer hat sich das Unkraut durchgesetzt.

Und noch etwas anderes wuchert wie nichts Gutes: die Immobilienpreise. Das allerdings widernatürlich. Die Zustände im Frankfurter Immobilienspekulationsunwesen, die traumhaften Gewinnspannen binnen kürzester Zeit und nicht zuletzt der stete Verdacht, das alles könnte auch sehr viel mit Geldwäsche zu tun haben – all dies sind Themen eines Beitrags, der am heutigen Dienstagabend im ZDF-Magazin „Frontal 21“ gezeigt wird. Es geht in dem Beitrag zumindest indirekt auch um das IvI und die Menschen, die es ge- und wieder verkauft haben. Und es geht auch ein bisschen um Axel Kaufmann.

Geldwäsche, sagt Kaufmann, wäre schon ein möglicher Grund, warum die Immobilienpreise in Frankfurt schon seit geraumer Zeit Purzelbäume schlügen. Wenn Kaufmann einen Blick auf das verkrautete IvI wirft, dann könnte man fast meinen, er trauere den Hausbesetzern hinterher.

Tut er natürlich nicht. Kaufmann ist Ortsvorsteher des Ortsbeirats 2, der auch für das Westend zuständig zeichnet. Er ist Mitglied der CDU und Banker – also eher IvI-Feindbild. Aber selbst politische Gegner bescheinigen ihm, dass er seit Jahren mit Elan gegen Spekulation und für Mieterinteressen streitet. Notfalls auch auf der Straße.

Im Sommer 2014 lernte Kaufmann so auch den Doktor kennen, der sich im Lauf der kommenden Monate zu seinem Intimgegner entwickeln sollte – und der auch jetzt wieder im „Frontal 21“-Bericht eine Hauptrolle spielt. Damals war von Geldwäsche noch keine Rede. Es ging vielmehr um ein altes, vor allem im Westend populäres Spekulantenritual: Der Doktor, im Westend als Allgemeinmediziner, vor allem aber als potenter Makler bekannt, hatte vermietete Häuser in der Friedberger Landstraße und der Unterlindau und dort Roma in einer Kopfstärke einquartiert, die die Bausubstanz schlicht nicht hergab – in der Hoffnung, die neuen Bewohner würden die alten zügig vergrämen. Daraus wurde größtenteils nichts. Die alten Bewohner zeigten sich renitent, vor der Praxis des Doktors in der Feldbergstraße kam es zu Demonstrationen, „Spiegel TV“ berichtete.

Der Doktor log

Der Doktor ließ damals ausrichten, er habe mit der Gesellschaft, die die Häuser gekauft habe, nichts zu schaffen.

Dann verklagte er Kaufmann wegen Hausfriedensbruchs, übler Nachrede und Verleumdung. Ende 2015 stellte die Frankfurter Staatsanwaltschaft ihre diesbezüglichen Ermittlungen ein.

Heute ist klar, dass der Doktor damals gelogen hatte. Denn nicht nur er, auch der Chef der Eigentümergesellschaft, dessen Bekanntschaft er damals leugnete, saßen unlängst gemeinsam in Untersuchungshaft – festgenommen nach einer Razzia gegen die Baumafia im Oktober 2016. Es ging um den Verdacht der bandenmäßigen Steuerhinterziehung, des Vorenthaltens von Arbeitsentgelt und um Geldwäsche – allesamt Vergehen, die auch auf Frankfurter Baustellen von den Verantwortlichen eher als Kavaliersdelikte betrachtet werden.

Die Vorgeschichte zur Razzia: Zwei Frankfurter Jugendfreunde bringen es mit dem Betreiben von Wettbüros zu Wohlstand. Gemeinsam mit einem mittlerweile durch einen Treppensturz zu Marbella ums Leben gekommenen Kumpel, mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann der albanischen Mafia, steigen sie ins Immobiliengeschäft ein. Kurz darauf holen sie sich mit dem Doktor einen klangvollen Branchennamen mit ins Boot. Innerhalb weniger Jahre kaufen sie in Frankfurt ein Immobilienimperium in dreistelliger Millionenhöhe auf – das sie gegenwärtig aus der U-Haft heraus per Inserat zu verkaufen suchen –, was auch völlig legal ist.

Woher das ganze Geld kommt, ist unklar – aber auch nicht Gegenstand der Ermittlungen. Dass die überhaupt in Gang gekommen sind, ist wohl eher dem Zufall zu verdanken. Anlass war offenbar die telefonische Überwachung von Albanern, die im großen Stil mit Kokain handelten und sich dabei auch im Dunstkreis der Festgenommenen bewegten. Diese wiederum waren beim Immobilienkauf nie knauserig: Das letzte Objekt, ein Haus auf der Zeil mit angrenzendem Puff, kauften sie zu einem Preis, der mehrere Millionen über dem Schätzpreis lag. Ihm sei schon klar gewesen, sagt der Verkäufer, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen sei – das Angebot habe deutlich über dem sämtlicher Konkurrenten gelegen. Aber schließlich sei man eine Erbengemeinschaft und habe ein Haus zu verkaufen, da wolle man es manchmal lieber gar nicht so genau wissen.

Kaufmann hat es damals genau wissen wollen. Hat recherchiert, hat die komplizierten Firmengeflechte, die der Doktor und seine Kompagnons aufgebaut hatten, durchleuchtet, hat über die gezahlten Preise gestaunt. Kaufmann hatte damals Banken, die die Geschäfte des Doktors finanziert hatten, angeschrieben und vor einer möglichen Geldwäsche gewarnt. Er hat nie eine Antwort bekommen.

Über manche Sachverhalte kann man spekulieren. Andere sind amtlich. Etwa die: 2012 verkaufte die Universität das IvI für eine Million Euro an die Immobiliengesellschaft Franconofurt. Die ließ die Studenten rausschmeißen und verkaufte das Haus bereits im darauffolgenden Jahr für zwei Millionen Euro an den Doktor. Der war auch nicht ganz untätig, ließ das Haus entgegen der Denkmalschutzregeln entkernen (weswegen derzeit Ermittlungen laufen) und verkaufte es wohl weiter: Vor wenigen Wochen wurde das Objekt von einer neuen Gesellschaft im Internet für mittlerweile 2,9 Millionen Euro angeboten – inklusive „bewegter Geschichte“.

Das sind noch moderate Gewinne. Es war ebenfalls der Doktor, der im Februar 2014 die ehemalige Zentrale der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG in der Elbestraße für 5,6 Millionen Euro kaufte und im März 2015 für 9,75 Millionen Euro weiterverkaufte. Was der Doktor in der Zwischenzeit mit dem Gebäude angestellt hatte? Leerstehen lassen.

Geldwäsche? Spiele im Frankfurter Immobilienhandel seines Wissens nach keine Rolle, sagt ABG-Chef Frank Junker. Dass die Immobilienpreise in Frankfurt jeden Bezug zur Realität verloren hätten, erkläre sich durch die enormen Gewinnspannen, die sich tatsächlich erzielen ließen – wie man am Beispiel Elbestraße ja sehen könne. Die ABG habe damals an den Doktor verkauft, weil der das mit Abstand beste Angebot abgegeben habe, weit über Schätzwert.

Das sei ja alles gut und schön, sagt Kaufmann. Fakt sei aber, dass eine städtische Gesellschaft ohne Not ein Haus für 5,6 Millionen Euro verkauft habe, für das man ja offenkundig auch fast das Doppelte hätte bekommen können. Das müsse man, sagt Kaufmann, eigentlich auch mal in der lokalen Politik zum Thema machen, vielleicht mache er das sogar.

Bislang haben das irrsinnige Wertwachstum des IvI und der ABG-Zentrale die Fraktionen im Römer erfrischend kaltgelassen. Lediglich die Linken haben ein wenig ihrem Unmut Luft gemacht. Ansonsten scheinen die Parteien die auswuchernde Immobilienspekulation in Frankfurt hinzunehmen wie die Hässlichkeit der Konstablerwache: als wenig liebenswertes, aber nun mal gottgewolltes Naturphänomen.

Es sei etwas ruhiger geworden im Westend, sagt Kaufmann. In vielen der damals umstrittenen Häuser hätten Altbewohner und Roma längst Burgfrieden geschlossen. Seit den damaligen Demonstrationen und erst recht nach der jüngsten Verhaftungswelle seien die Spekulanten viel vorsichtiger geworden.

Der Doktor – im Gegensatz zu den anderen Verdächtigen mittlerweile aus der U-Haft entlassen, sei schon länger nicht mehr gesichtet worden. Aber er sei ja nicht der einzige Spieler in diesem Spiel, und nach wie vor sei das Westend die Lieblingsspielwiese der Spekulanten, „weil hier vermutlich das meiste rauszuholen ist“.

Derzeit hat Kaufmann seine eigene Spielwiese ausgeweitet: Er steht in Kontakt mit Mietern mehrerer Häuser in Offenbach, die ebenfalls im Firmengeflecht des Doktors gelandet sind und derzeit unter anderem um Strom und Wasser kämpfen – beides stand bereits kurz vor der Abklemmung, weil die gezahlten Nebenkosten nicht weitergeleitet worden waren.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt. Nicht mehr allein gegen die Festgenommenen, sondern auch gegen Banker, Notare, städtische Bedienstete. Wann die Geschichten prozessreif werden und was überhaupt angeklagt werden wird, ist noch unklar. Auch der ermittelnde Staatsanwalt soll in dem „Frontal 21“-Beitrag zu Wort kommen.

Derweil wuchert rund um das IvI weiter das Unkraut. Es war mal die Rede davon, dass eine Kita hier Platz finden sollte, vielleicht auch ein Jugendzentrum, aber nichts von alledem ist entstanden. Dafür, so hatte der derzeitige Besitzer in der rasch wieder vom Netz genommenen Anzeige gejubelt, liege mittlerweile eine „Baugenehmigung zur Umnutzung in ein Boarding-House“ seitens des Bauamts vor. Entkernt ist das Haus ja bereits.

Am Eingang des IvI ist eine Plakette angebracht: „Dieser Bau wurde 1954 vom Hessischen Staat als vorbildliche Leistung ausgezeichnet“, ist dort zu lesen. Das ist lange her.

Frontal 21 beginnt heute um 21 Uhr im ZDF .

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