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Holocaust Schwieriges Gedenken

Die Europäische Zentralbank als Ort der Erinnerung an die Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 rückt in immer weitere Ferne. Der Ort scheint seiner historischen Wirkung nun endgültig beraubt.

Architektenskizze für eine Gedenkstätte Großmarkthalle. Foto: Stadtplanungsamt Frankfurt

Mag sein, dass man sie gar nicht baut. Je länger diskutiert wird, desto mehr scheint die Errichtung einer Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle in Frage gestellt zu werden. Eine Debatte zum Thema „Gedenkorte (für morgen) gestalten“ am Mittwochabend im Haus am Dom hat jedenfalls mehr Zweifel als Überzeugung zutage gebracht.

Der Keller, der zum Sammellager wurde, die (eingelagerten) Eisenbahngleise, auf denen Juden-Transporte gen Osten rumpelten, und das Stellwerk, aus dem die Abfahrt ins Lager gelenkt wurde – diese Erinnerungsstücke gibt es noch. Alle mit dem Bau einer Erinnerungsstätte befassten Architekten nehmen sie als Eckpunkte für ihre Entwürfe. Sie mühen sich ab, die Teile durch die Sicherheitsanlagen der Europäischen Zentralbank hindurch so zusammen zu bringen, „dass sich Bezüge zur Deportation herstellen“, wie Marcus Kaiser vom Kölner Büro „Katzkaiser“ in der von den Grünen organisierten Veranstaltung sagte.

Info vor Ort

Und je mehr dazu ausgeführt wurde, je deutlicher war: Das klappt nicht. Schon weil der Sammelkeller künftig nur noch aufgesucht werden kann, wenn die neue Grundstückseigentümerin Europäische Zentralbank Führungen zulässt. Aber auch, weil „vieles verschwunden ist“ auf dem Gelände, wie der Berliner Architekt Cyrus Zahiri sagte.

Die Halle ist nur noch ein nacktes Gerippe, die Aura des Authentischen ist dahin. Nikolaus Hirsch, Gedenkstättenbauer und Direktor der Städelschule, hakte ein: Solle sich „an einem Ort etwas manifestieren“, dann müsse „von dem Ort noch etwas da sein“. Der Ort Großmarkthalle, das sei „jetzt einfach die EZB“, „der Ort spricht nicht mehr aus sich heraus“. Und bald stehe ein riesiges Hochhaus da. Der Sozialpsychologe Harald Welzer wunderte sich ohnehin, „dass man diese Räume so auratisiert; mir ist der Keller total egal“.

Möglich, dass man „einen Zipfel braucht, an dem man das Gedenken aufhängen kann“. Weder Taten noch Täter kämen aber nur an einem bestimmten Ort vor; der Prozess von Ausgrenzung und Vernichtung habe alle und alles berührt: „Der Holocaust“, sagte Welzer, „findet in den Küchen statt“. Und das müssten alle erfahren, darüber gelte es zu informieren, stellten am Tisch die jungen Frauen von „Faites votre jeu“ heraus, die sich im historischen Klapperfeld um eben dies bemühen.

Der Ort interessiere nicht, es gelte, „die richtigen Fragen aufzuwerfen“, meinte Katharina Rhein. Und für ihre Mitstreiterin Mirja Keller käme am Sitz der EZB doch nur „kameraüberwachtes Gedenken mit gut auswendig gelerntem Betroffenheits-Vokabular“ heraus. Was den Architekten Zahiri zum Widerspruch reizte. Auch Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums, hatte Zweifel: „Sobald man weiß, was da passiert ist, verändert sich ein Ort.“ Klar sei aber auch ihm: „Das Wissen spielt die Hauptrolle.“

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