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Höchst und Unterliederbach Pianisten unter freiem Himmel

Ein Höchster Musikschullehrer stellt drei Klaviere auf öffentlichen Plätzen auf. Gleich drei davon stehen bis Ende Juni in Höchst und Unterliederbach. Die Motivation dahinter: Interesse für klassische Musik wecken und gegen das Image des Elitären vorgehen.

Einfach mal in die Tasten hauen am Bikuz. Foto: Andreas Arnold

Die Menschen, die am Dienstagmittag am Höchster Bahnhof Richtung Bikuz laufen, schauen etwas ungläubig. Auf dem Vorplatz steht ein altes, bunt bemaltes Klavier. Eine Damen klimpert dort einige Takte von „An der Nordseeküste“. Mehrere Neugierige lauschen der Melodie. Die Frau am Piano ist Gisela Schraub. Erst vor acht Jahren hat die 75-Jährige aus Eschborn Klavierspielen erlernt. „Seitdem ist es mein liebstes Hobby.“ Einmal auf einem öffentlichen Platz zu musizieren, dass wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Aristo Khosrobeik schaut Schraub beim Spielen zu. Der Klavierlehrer der Höchster Musikschule Clavina hatte die Idee, „Frischluftklaviere“ unter freiem Himmel aufzustellen. Gleich drei davon stehen bis Ende Juni in Höchst und Unterliederbach. Menschen möchte Khosrobeik damit das Interesse an klassischer Musik näher bringen. „Gerade hier in Höchst müssen wir auf Leute aus sozial benachteiligten Familien zugehen und können nicht verlangen, dass sie selbst etwas machen“, sagt der gebürtige Iraner.

Darüber hinaus möchte Khosrobeik auch gegen das Image des Elitären vorgehen, das dem Klavierspiel anhänge. Auch will er „Verbindungen unterschiedlicher Nationalitäten“ miteinander entstehen lassen. Deshalb lädt ein Schild, das er auf dem Piano angebracht hat, in sieben Sprachen zum Musizieren ein.

Keine Angst vor Diebstahl oder Vandalismus

Die Klaviere hat Kunstpädagogin Petra Saltuari mit einer Kinderkunstgruppe farbenfroh bemalt. Sie wünscht sich, „dass durch das Projekt Menschen zusammenfinden, die sonst aneinander vorbeigegangen wären“. Schüler des benachbarten Friedrich-Dessauer-Gymnasiums seien schon spontan zum Spielen gekommen. „Ein solches Instrument verändert die Atmosphäre eines Platzes, weil es dort ungewöhnlich ist und die Leute aus ihrem Alltagsfilm herausholt.“

Dass eines der Klaviere mutwillig zerstört oder geklaut werden könne, glaubt Initiator Khosrobeik nicht. „Ich kann mir vorstellen, dass die Leute einen gewissen Respekt davor haben.“ Auch macht er sich keine Sorgen, dass die Instrumente nass werden könnten. Er habe die Klaviere gebraucht gekauft, „das wird ihre letzte Reise sein“.

Aria Pietilä aus Sossenheim ist mit ihrem Mann Jaakko zufällig vorbeigeradelt. Ihr erster Gedanke, als sie das alten Instrument gesehen hat, sei gewesen: „Wann setzt sich mein Mann endlich mal wieder ans Klavier?“. Darauf angesprochen, gibt er seiner Frau das Versprechen, bald wieder in die Tasten zu hauen und erzählt von seinem edlen Instrument, das er seinerzeit für 3000 Mark gekauft habe. Man kommt ins Plaudern, und der Wunsch der Initiatoren nach Begegnung und Austausch erfüllt sich. Zum Schluss setzt sich Jaakko Pietilä doch noch ans Frischluftklavier und spielt „La Paloma“.

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