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Hitze in Frankfurt Das gelbe Schwein

Ohne Sonne kein Leben. Aber der grelle Fixstern hat auch seine Schattenseiten. Frankfurt jedenfalls hatte schon oft Pech mit der Sonne. Daran sollte man stets denken. Auch bei 35 Grad Celsius.

Erbarmungslos brennt der grelle Fixstern auf uns herab. Foto: dpa

Zu heiß zum Lernen

In Frankfurt gilt, wie in ganz Hessen, der „Erlass für andere Unterrichtsformen und Unterrichtsausfall bei großer Hitze“. Große Hitze findet man laut Erlass „an Tagen, an denen um 11 Uhr an einem für die Temperatur im Schulgebäude repräsentativen Unterrichtsraum 25 Grad oder mehr erreicht werden“.

Sollte es soweit kommen, dann kann auf die „besondere Belastungssituationen für die Schülerinnen und Schüler der Grundstufe und der Mittelstufe mit folgenden Maßnahmen eingegangen werden:

1.) Durchführung alternativer Formen des Unterrichts wie beispielsweise Unterricht an anderen Lernorten.

2.) Kein Stellen von Hausaufgaben.

3.) Beendigung des Unterrichts nach der fünften Stunde.“

Man kennt diese drei Punkte von früher. Damals nannte man das allerdings „Oberstufe“, es war völlig normal und nicht an die Temperatur gekoppelt. Was ist eigentlich aus dem guten alten Hitzefrei geworden?

Zu heiß zum Denken

Arthur Schopenhauer hatte es überall probiert. In Berlin. In Mannheim. In München, Bad Gastein und Dresden. Nichts passte dem kränkelnden Genie. 1831 war Schopenhauer vor der Cholera aus Berlin nach Frankfurt geflohen, und nach einem kurzen Mannheimer Intermezzo entschied er sich endgültig, die Funken seines Geistes in Frankfurt sprühen zu lassen.

Schopenhauer hatte viele gute Gründe. „Gesundes Klima. Schöne Gegend… Das Naturhistorische Museum. Besseres Schauspiel, Oper und Concerte. Mehr Engländer. Bessere Kaffeehäuser. Kein schlechtes Wasser. Die Senckenbergische Bibliothek. Keine Überschwemmungen. Weniger beobachtet. Die Freundlichkeit des Platzes und seiner ganzen Umgebung… Keine so unerträgliche Hitze im Sommer.“

Gesundes Klima. Keine Hitze im Sommer. Unter diesen Umständen konnte ein freier Geist wie der Schopenhauers munter gedeihen. Er lernte, die Menschen zu hassen, vor allem die Weiber, entwickelte sich zum grantigen Sonderling, der lediglich noch mit seinem Pudel Atman zurecht kam, wurde weltberühmt, kurz: er lebte herrlich und in Freuden.

Dann kam der Sommer 1859. Ein furchtbarer Sommer. Die nüchterne Beschreibung des Deutschen Wetterdienstes lässt nur erahnen, wie selbst unsensiblere Zeitgenossen als Schopenhauer gelitten haben müssen. Anno 1859 sei zwar der Juni mit 15 Tagen mit mindestens 25 Grad weniger heiß gewesen als der Juni 2003 mit 25 Tagen. Dafür habe das Thermometer im Juli 1859 aber an 29 Tagen mindestens 25 Grad angezeigt und im August an 26 Tagen. Zum Vergleich: In Sommer 2003 gab es laut Wetterdienst im Frankfurter Raum im Juli 25 Tage mit mindestens 25 Grad und im August 23 Tage.

Die logische Konsequenz: Schopenhauer verlor vollends die Nerven, verkrachte sich mit seinem Vermieter, schnappte sich Pudel und Haushälterin, zog ins Nachbarhaus und verstarb ebenda im darauffolgenden Jahr.

Man könnte zwar sagen, die Hitze oder besser deren angebliches Fehlen habe Frankfurt Schopenhauer ja erst beschert. Genauso gut kann man aber auch sagen, dass die Hitze ihn uns wieder genommen hat. Verflucht sei die Hitze! Aber was die angeblich erträgliche Frankfurter Sommerhitze anbelangt muss man sagen: Hier irrte Schopenhauer!

Zu heiß für Schnakenschnackseln

Die Wissenschaft hat festgestellt: Wie die Mücke sich vermehrt, hängt auch von der Temperatur ab. Es waren natürlich Frankfurter Wissenschaftler, die diese bahnbrechende Erkenntnis 2012 der Weltöffentlichkeit präsentierten. Das Team um Markus Pfenninger, Goethe-Uni, und Carsten Nowak, Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, hatte die beliebte Zuckmückenart Chironomus riparius bei unterschiedlichen Temperaturen brüten lassen. Die Zuckmücken waren vorher in allen Gegenden Europas eingesammelt worden. Siehe da: Die Zuckmücke zeugt sich am liebsten bei gewohnten Temperaturen fort.

Im Klartext: Die gegenwärtige Klimalage beflügelt zwar die Libido der portugiesischen Zuckmücke, die Frankfurter aber lässt sie kalt. Das zumindest ist ja mal eine gute Nachricht. Für die Frankfurter, nicht für die Portugiesen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Frankfurter Forscher bei ihrer Arbeit keinesfalls ein sinnvolles und menschheitsbeglückendes Ziel wie die endgültige Ausrottung jedweder Stech- und Zuckmücke verfolgten. Vielmehr gelte es, „den Prozess der Klimaanpassung künftig besser zu verstehen“.

Too hot to Mambo

Im Juli 2013 war der Sänger Lou Bega zu Gast in Frankfurt. Bega hatte Ende der Neunziger mal einen Sommerhit, „Mambo Number 5“ hieß der, und ist wohl einer der Gründe, warum viele nicht mehr ganz so gerne an die Neunziger zurückdenken. 2013 jedenfalls war Bega wieder in Frankfurt, und auf dem Weg ins Studio des Hessischen Rundfunks, wo er in der Sendung „Hallo Hessen“ die Hörer bitten wollte, doch bitte sein neues Album zu kaufen, erzählte er der Frankfurter Neuen Presse schnell noch, dass er sich einen Sonnenstich geholt habe, weil er zuviel Cabrio gefahren sei und dabei zu wenig getrunken habe.

Lou Bega forderte die Menschen damals dazu auf, viel zu trinken. Und sein neues Album zu kaufen. Das allerdings hilft nicht gegen den Sonnenstich. Trinken schon. Dabei gilt eine einfache Faustregel: Wenn man so viel getrunken hat, dass man nicht mehr fliehen kann, obwohl gerade auf der Ü-40-Party „Mambo Number 5“ gespielt wird, dann ist man zwar nicht unbedingt vor einem Sonnenstich gefeit. Es ist einem aber egal.

Zu heiß für die Nachmittagsvorstellung

„In Frankfurt sind die Nächte heiß“ heißt eine völlig zu Recht in Vergessenheit geratene, deutsch-österreichische Filmperle aus dem Jahr 1966, die der österreichische Regisseur Rolf Olsen zu verantworten hat. Darum geht’s: Der junge Peter kommt von Wien nach Frankfurt, um seine Verlobte Vera zu besuchen, die er zu seinem Verdruss ermordet vorfindet. Woraufhin sich der Wiener durch sämtliche Betten Frankfurts recherchiert, und derer sind viele. „Erleben Sie die hinreißende Vera Tschechowa, den blutjungen Star aus ,Noch minderjährig‘. Unter der erfahrenen Regie von Rolf Olsen reift ihr Stern zu voller Blüte heran“, lobt die Cineasten-Homepage „Eskalierende Träume“.

„Gemeine Rauschgiftschmuggler, ruchlose Häscher, dreckige Kindertreiber, fiese Kanaillen, streitsüchtige Radaubrüder – im Moloch der Großstadt tummeln sich lichtscheue Gestalten, denen man nicht auf der Hintertreppe begegnen möchte.“ So viel hat sich in Frankfurt also gar nicht verändert. Den Film gab es immerhin einmal – brutal auf etwa eine Stunde runtergekürzt – auf VHS. Aber bei solchen Filmen kommt es ja nicht auf die Länge an. Wer’s noch kürzer mag: Auf Youtube gibt es eine Zusammenfassung, die das Geschehen auf vier Minuten runterbricht. Der englische Titel des Films „Callgirls of Frankfurt – The soft girls who make it the hard way“ lässt zudem erahnen, dass es gar nicht so sehr um meteorologische Spitzenwerte, sondern vielmehr um die gefühlte Temperatur geht.
1966 scheint ein prima Jahr für Rolf Olsen gewesen zu sein. Außer dem Frankfurt-Film drehte er in diesem Jahr noch „Das Spukschloss im Salzkammergut“, schrieb die Bücher für „Grieche sucht Griechin“, „Sartana“ und „Gern hab‘ ich die Frauen gekillt“ und spielte in „00Sex am Wolfgangsee“ mit. Klimamäßig war das Jahr nicht so prickelnd, jedenfalls nicht in Frankfurt. Dort fiel das Thermometer von Anfang bis Mitte Juli langsam aber sicher von 28 auf 14 Grad Celsius.

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