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Historisches Museum Frankfurt „Es war Top Secret“

Das Historische Museum Frankfurt gibt dem Jüdischen Museum neun gestohlene Objekte zurück.

Provenienzforschung
Das wertvollste Objekt, das zurückgegeben wurde, ist das Frauenkostüm mit Obergewand und Rock, aus der Zeit um 1790. Foto: peter-juelich.com

Ein baumwollenes Frauenkostüm aus dem Jahr 1790, ein seidener Tora-Wimpel und eine Schabbat-Lampe aus dem 19. Jahrhundert und weitere Objekte aus der Sammlung des Historischen Museums liegen ausgebreitet auf einem Tisch im Historischen Museum, in dessen Sammlung sie Jahrzehnte zu Unrecht überdauerten. Das Historische Museum hat am Mittwoch insgesamt neun Objekte, die vermutlich aus dem im November 1938 geplünderten Frankfurter Museum für jüdische Altertümer stammen, dem Jüdischen Museum zurückgegeben.

Der Historiker Jürgen Steen hat die Judaica bei der Provenienzforschung im Historischen Museum entdeckt. Steen war von 1974 bis 2010 Kurator des Historischen Museums, seit 2010 arbeitet er ehrenamtlich für das Haus. Er selbst habe in all den Jahren nichts von der Existenz der Objekte erfahren, obwohl ein Bericht an den damaligen Kulturdezernenten vorlag. „Es war Top Secret“, sagte er.

Die Geschichte der nun aufgetauchten Objekte ist komplex. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Museum für jüdische Altertümer in Frankfurt zerstört und ausgeraubt. Der damalige Direktor des Historischen Museums, Ernstotto zu Solms-Laubach, habe am Tag nach dem Pogrom „eigenhändig“ Objekte aus dem Museum ins Historische Museum gebracht, sagte Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums. Nach dem Krieg habe sich das Museum verpflichtet, die damals gestohlenen Objekte an die Jewish Cultural Reconstruction zurückzugeben, was 1951 geschehen sei. Es sei „aber nicht alles zurückgegeben worden“, sagt Jürgen Steen heute, und weiter: Tatsächlich habe das „Museum bis 2000 an der Legende festgehalten“, dass alles zurückgegeben worden sei.

„Im Jahr 1957 wurden Kisten aufgemacht – da war das Entsetzen groß“, sagte Steen. Ein Bericht über die Existenz der Objekte wurde verfasst und an den damaligen Kulturdezernenten Karl vom Rath (FDP) verschickt, der von 1950 bis 1970 für die Frankfurter Museen zuständig war. „Geschehen ist aber nichts.“

Mit detektivischem Geschick kam Steen den Objekten auf die Spur. Er sichtete Inventarbücher, die im Museum aus der Zeit vor 1934 und nach 1945 erhalten sind, und verglich sie mit dem aktuellen Bestand. War etwas hinzugekommen? Trugen Objekte Aufschriften, die keinem Inventarbuch zugeordnet werden konnten? Steen fand das baumwollenen Frauenkostüm, das in einer Kiste lagerte, mit dem handschriftlichen Vermerk „aus jüdischen Besitz“ versehen. Die Bezeichnung der Tora-Rolle weise mit großer Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass sie aus der Sammlung Sigmund Nauheim stammt, die sich im Museum für jüdische Altertümer befand, sagte er. Auch die Schabbat-Lampe stamme wohl aus dem Vorläufer des Jüdischen Museums.

„Steen hat Scharfsinn und Gespür bewiesen“, sagte Museumsdirektor Jan Gerchow. „Hoffentlich setzt er seine Arbeit nach diesem Projekt fort.“ „Die Provenienzforschung ist zentrale Aufgabe aller Museen“, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Alle städtischen Museen, deren Sammlung in die Zeit vor 1945 zurückreiche, betrieben eine solche Forschung, oft gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Bei der Übergabe der Objekte handele es sich um „einen symbolischen Akt; denn beide Museen gehörten zur Stadt Frankfurt.

„Ich begreife es nicht als meine Rolle, dem Historischen Museum Vorwürfe zu machen“, sagte Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums. Sie warb für eine weitere Aufarbeitung der Museumsbestände. Der Anblick der neun Objekte habe sie „mit Trauer und Schrecken“ erfüllt, da so viel jüdisches Kulturgut verloren gegangen sei. Das Jüdische Museum will die Geschichte der Objekte aufarbeiten und mit den früheren Besitzern Kontakt aufnehmen, um zu prüfen, ob sie im Museum bleiben können.

Vier Frankfurter Museen präsentieren derzeit ihre Provenienzforschung. Im Historischen Museum ist „Legalisierter Raub“ zur Ausplünderung von Juden in Hessen 1933–1945 zu sehen sowie „Geerbt. Gekauft. Geraubt?“ über Alltagsdinge und ihre NS-Vergangenheit, bis 14. Oktober. Das Weltkulturenmuseum zeigt „Gesammelt. Gekauft. Geraubt?“ zum kolonialen und nationalistischen Kontext, bis 27. Januar; das Museum Angewandte Kunst beschäftigt sich mit der Sammlung Pinkus/Ehrlich, bis 14. Oktober. Das Museum Judengasse setzt sich in „Geraubt. Zerstört. Verstreut“ mit der Geschichte jüdischer Objekte auseinander, bis 14. Oktober.

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