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Hilmar Hoffmann Der Meister der Tricks und Kniffe

Wie Hilmar Hoffmann praktische Kulturpolitik in Frankfurt betrieb und schon bald nach seinem Ruhestand 1990 um sein Erbe kämpfte.

Hoffmann
So werden viele Hilmar Hoffmann in Erinnerung behalten. Foto: Christoph Boeckheler

Es ist 1985. Seit Jahren treibt Hilmar Hoffmann in Frankfurt am Main ein kulturelles Ausbauprogramm voran, das seinesgleichen nicht kennt in Deutschland. Ein Filmmuseum ist entstanden, ein Haus für Architektur, das erste Jüdische Museum Deutschlands kündigt sich an. Doch der Kulturdezernent will unbedingt als krönenden Abschluss dieser Kette noch ein Museum für Moderne Kunst (MMK) verwirklichen. Am 26. Februar 1981 schon hatte es der Magistrat beschlossen, bald darauf wurde Peter Iden, Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Rundschau, zum Gründungs-Direktor ernannt. Iden und Hoffmann erwerben immer mehr Kunstwerke – doch eines fehlt noch: Eine Arbeit von Joseph Beuys, damals so etwas wie der Superstar des deutschen Kunstbetriebs.

Um den Meister gnädig zu stimmen, braucht es eine Geste der Stadt. Hoffmann und Iden bestürmen den konservativen Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU), Beuys persönlich im Römer zu empfangen. Gerade erst hat der Künstler weltweit auf sich aufmerksam gemacht, als er am Rande des italienischen Städtchens Bolognano 400 Bäume für ein Naturschutzgebiet gepflanzt hat. Solche Aktionen sind OB Wallmann ein Gräuel – diese linksradikalen Grünen, die seit 1981 im Stadtparlament sitzen, nerven dauernd mit ähnlichen Vorschlägen.

Aber Hoffmann lässt nicht locker. Schließlich sagt Wallmann zu, Beuys für höchstens zwanzig Minuten in sein Büro zu bitten. Der Künstler erscheint im langen Wintermantel, mit Filzhut und einer schusssicheren Weste und überreicht dem OB eine langstielige rote Rose, die mächtig nach Knoblauch stinkt – weil Beuys seinen Garten damit düngt.

Der Künstler und der Politiker verstehen sich überraschend gut. Beuys bleibt zwei Stunden und freut sich über die freundliche Aufnahme in der angeblich so kalten Stadt des Kapitals. Wallmann hatte verstanden, was Hoffmann wollte. Ein Jahr später hören Iden und der Kulturdezernent, dass der Kölner Kunsthändler Rudolf Zwirner die Beuys-Installation „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ zum Kauf anbietet. Hoffmann telefoniert mit Zwirner und lädt ihn sofort in seine Villa am Stadtrand in Oberrad ein. In einer Nacht wird der Kauf durch die Stadt ausgehandelt.

Aber der Preis! 2,5 Millionen Mark soll der Beuys kosten. Wallmann sagt dem Kulturdezernenten offen: Keine Chance, das in der CDU-Mehrheitsfraktion durchzubekommen. Hoffmann eilt in die CDU-Fraktionssitzung. Die Stadtverordneten sind empört und unwillig. Der Kulturdezernent verspricht: Der Beuys wird in einer besonderen Abteilung untergebracht, die man nur durch ein Drehkreuz betreten könne, wenn man vorher fünf Mark eingeworfen habe. Die CDU-Fraktion wird nachdenklich, stimmt am Ende zu.

Natürlich ist dieser besondere Eintritt nie erhoben, das Drehkreuz nie installiert worden – aber „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ ist heute eine der großen Installationen im Museum für Moderne Kunst.

So hat Hilmar Hoffmann praktische Kulturpolitik gemacht; er war ein Meister der Psychologie, der Tricks und Kniffe. So gelingt es ihm, den Spielraum für die Kultur mächtig zu erweitern. Als er 1970 von Oberhausen an den Main kommt, umfasst der Frankfurter Kulturetat 68 Millionen Mark. Als Hoffmann 1990 in den Ruhestand geht, ist der Kulturhaushalt auf 377 Millionen Mark angestiegen.

Die konservative CDU-Mehrheit hatte begriffen, dass sich mit Kultur auch weit über die Stadtgrenzen hinaus Werbung für eine Kommune machen lässt. Ein wichtiger Unterstützer des Kulturdezernenten ist damals der Büroleiter des Oberbürgermeisters, Alexander Gauland – heute Bundessprecher der Alternative für Deutschland (AfD).

Hoffmann dagegen hat seine Ziele in der Kulturpolitik stets über die Parteidisziplin als Sozialdemokrat gestellt. „Ich war und bin kein Ideologe, ich habe die Dinge nie ideologisch gesehen.“ Eher ließe er sich als „freier Linker“ einordnen.

Hoffmanns Abschied 1990 ist nicht ganz freiwillig. Er muss erkennen, dass seine Art, Politik zu machen, von der neuen rot-grünen Mehrheit im Römer kritisch gesehen wird. Sie setzt die Priorität eindeutig auf Ökologie, Wohnungsbau und multikulturelle Gesellschaft – die Kultur tritt in den Hintergrund.

Schon bald muss Hoffmann um sein Erbe kämpfen. Am 22. Oktober 1993 legt der rot-grüne Magistrat die „Liste der Grausamkeiten“ vor, einen Etat-Entwurf mit harten Einschnitten gerade in der Kultur. Die Museen müssen künftig Eintritt erheben. Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD) will das von Hoffmann gegründete Kommunale Kino schließen und so 1,2 Millionen Mark im Jahr sparen. In einem Interview erklärt Reisch, Filme könne man sich auch „per Video reinziehen“.

Es gibt einen Aufschrei in den Feuilletons. Die „taz“ erklärt Reisch zur „Videotin“.

Hoffmann aber kämpft. Er mobilisiert prominente Regisseure, Kameraleute, Schauspieler bis hin nach New York und Moskau. Am Ende bleibt das Kommunale Kino, bis heute. Vieles andere aber geht für die Kultur verloren – so wird das traditionsreiche Theater am Turm (TAT) aufgegeben und das Volksbildungsheim verkauft – später entsteht dort ein Multiplexkino. Der Eintritt für Erwachsene in den Museen gilt heute noch.

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