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Hessens Polizei vor Gericht „Brachialgewalt“ wegen Nichtigkeiten

Als Frankfurter Polizeivizepräsidentin hat Sabine Thurau nach der Aussage von Kriminalbeamten mit übertriebener Härte über die Suspendierung eines Hauptkommissars informiert. Und das ist nicht der einzige Vorwurf an sie.

Die ehemalige LKA-Präsidentin Sabine Thurau zieht wieder vor Gericht. Foto: FR/Kraus

Die Szene wird zum Tribunal. Es geht nicht mehr um Jochen Z., 53 Jahre, der sich gemobbt fühlt und 30.000 Euro vom Land Hessen haben will. Der Zivilprozess wird zur Abrechnung mit Sabine Thurau, der ehemaligen Vizepräsidentin der Frankfurter Polizei, die hier und heute im Zeugenstand steht. Der Raum ist zum Brechen voll, viele Besucher – die meisten von ihnen aktive oder ehemalige Polizisten – müssen stehen. Ihre Wut auf Thurau ist beinahe greifbar. Das Klima im Gerichtssaal wird zunehmend unerträglicher – was auch an den Temperaturen liegt.

Und an den Aussagen des halben Dutzends Polizisten, die vor Thurau im Zeugenstand stehen und alle mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählen.
Am 29. März 2006 erlebt das Frankfurter Polizeipräsidium eine Art Überfall. Sabine Thurau, im Schlepptau etliche Beamte des Landeskriminalamts, beruft eine Versammlung ein. Den bass erstaunten Polizisten erklärt sie, dass Jochen Z. in schwere kriminelle Machenschaften verwickelt und mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert sei. Sie, Thurau, werde alles dafür tun, dass er nie wieder in den Polizeidienst zurückkehre. Es sei den Kollegen untersagt, mit ihrem ehemaligen Chef Kontakt aufzunehmen.

„Die Loyalität endet da, wo die Rechtswidrigkeit beginnt“, sagt Thurau. Dann lobt sie die Polizisten, die Jochen Z. belastet hatten, nennt sie „Vorzeigebeamte“, die unter ihrem persönlichen Schutz stünden – und warnt alle davor, sich an ihnen zu rächen. So der Tenor sämtlicher Aussagen der Polizisten.

Wort gegen Wort

Jürgen V., 44 Jahre, der sich ebenso wie Z. als Mobbing-Opfer sieht, spricht von „dem einschneidendsten Erlebnis“, dass er je gehabt habe. Matthias G. ergreift noch in der Veranstaltung Partei für seinen Chef, erinnert an die Unschuldsvermutung – und wird nach eigener Aussage so lange auf der Arbeit schikaniert, bis er selbst um Versetzung bittet. Walther B., 64 Jahre, mittlerweile Hauptkommissar im Ruhestand, hat eigentlich gerade einen Vertrag unterschrieben, „um dem Land Hessen noch ein Jahr länger dienen zu können“. Am Morgen nach der öffentlichen Demütigung seines Chefs löst er den Vertrag auf. „Es wäre mir nicht möglich gewesen, ein Jahr mit solchen Kollegen zu arbeiten.“ Gemeint sind nicht nur die Denunzianten. Gemeint ist vor allem Thurau.

Thuraus Auftritt vor Gericht gerät zur Farce. Sie erscheint in Begleitung eines Anwalts, der ihr offenbar eingehämmert hat, jeden Satz mit „Ich erinnere…“ zu beginnen, was etwas irreführend ist, denn eigentlich erinnert sich Thurau an nicht viel, vor allem nicht daran, was sie gesagt habe. Lediglich, dass sie angekündigt habe, Jochen Z. werde nicht mehr als Führungskraft an seine alte Stelle zurückkehren – das habe sie aus „fürsorglichen Gründen“ gesagt, da sie gesehen habe, dass in der Abteilung eine „feindselige Stimmung“ geherrscht habe – „das Tischtuch“ zwischen den einzelnen Ermittlungsgruppen sei „regelrecht zerschnitten“ gewesen. Nie habe sie gesagt, Jochen Z. werde nie mehr als Polizist arbeiten, sie erinnert sich auch nicht, seine Kollegen vor Kontaktaufnahme gewarnt zu haben. Es folgt noch eine Weisheit: „Die Wahrnehmungen der Menschen sind immer unterschiedlich.“ Dann ist ihr Auftritt vorbei.

Es steht Wort gegen Wort. Die beinahe deckungsgleichen Aussagen der Polizisten gegen Thuraus Erinnerungsschwund. Die Verhandlung zieht sich. Es ist halb sieben, als der Richter Justus Koch, der damals als Staatsanwalt gegen Jochen Z. ermittelt hatte, im Zeugenstand Tacheles redet. An Thuraus Wortwahl erinnert auch er sich nicht mehr. Aber er sagt, dass der Staatsanwaltschaft schon im Vorfeld klar gewesen sei, dass Z’s mögliche Verfehlungen maximal „dienstrechtlicher Natur“ gewesen seien – unerlaubte Fahrten mit dem Dienstauto, dienstlich unbegründeter Besuch von Fußballspielen.

Schon im Vorfeld der Ermittlungen, die später eingestellt wurden, sei klar gewesen, „dass das nicht viel Erfolg versprach“. Das hätte die Staatsanwaltschaft auch Polizeipräsident Achim Thiel und Vize Thurau mitgeteilt – doch die Polizeiführung habe auf einer Verfolgung bestanden.

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