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Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Lebensrettung auf dem Stundenplan

Das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium führt ein Training in Reanimation als Pflicht im Unterricht ein. Denn bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute.

30-mal drücken, zweimal pusten – künftig sollen alle Achtklässler am Gagern lernen, wie wiederbelebt wird. Foto: Christoph Boeckheler

Nackt liegt er vor den Schülerinnen, mit Sixpack und Rockabilly Hairstyle. Und er atmet nicht. Cara und Victoria geben aber ihr Bestes: Victoria drückt mit dem Handballen 30-mal den Brustkorb nach unten, Cara pustet ihm zweimal in den Mund. Zum Leben erwecken die beiden Schülerinnen den Elvis-Presley-Doppelgänger aber trotz aller Anstrengung nicht. Er ist ja auch nur aus Plastik. Und nur ein Torso. Eben eine Reanimationspuppe. Aber die Übung am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium ermutigt, „dass ich doch hoffentlich irgendwann jemandem helfen kann, wenn es nötig ist“, sagt die 14-jährige Victoria.

Die achten Klassen des Gymnasiums im Ostend werden dieser Tage in Reanimation geschult. Es ist ein Pilotprojekt, das die Schule am Dienstag begonnen hat, denn Wiederbelebung soll ab nun am Gagern Pflichtunterricht sein. Jedes Jahr soll es einen eintägigen Kurs für die achten Klassen geben, langfristig soll Reanimationsunterricht auch erneut in der Oberstufe verankert werden. „Durch den Pflichtunterricht erreichen wir alle Menschen eines Jahrgangs“, sagt Lehrer Jan Czudai, der das Projekt angestoßen hat und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz durchführt. „Und Ersthelfer spielen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand eine große Rolle.“

Czudai weiß, wovon er spricht. Denn er ist nicht nur Lehrer, sondern hat auch 15 Jahre als Rettungsassistent gearbeitet. „Ich habe es selbst immer wieder erlebt“, sagt er. Sechs bis sieben Minuten dauere es, bis der Rettungswagen vor Ort sei. „Wenn dann erst mit der Reanimation angefangen wird, dann ist das häufig zu spät.“ Irreversible Hirnschäden wären dann schon aufgetreten.

Wichtig deshalb: Laien sollten sofort Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. „Mit jeder Minute sinkt die Überlebensrate um zehn Prozentpunkte“, sagt Czudai. Doch derzeit würde nur in einem Fünftel der Fälle jemand anfangen, zu reanimieren. Viele aus Unwissenheit, „oft auch aus Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Sabrina Sütö, Bildungsreferentin beim Jugendrotkreuz. „Manche ekeln sich auch vor der Beatmung – aber sie sollten zumindest drücken.“ Das sei besser, als gar nichts zu tun.

Und bei der Herzdruckmassage lässt sich nichts falsch machen. Das haben auch schon die Achtklässler gelernt. „Beim Herz-Kreislauf-Stillstand ist derjenige ja schon tot“, sagt der 13-jährige Franz. „Das kann ja nicht mehr schlimmer werden.“ Und die 13-jährige Sabrina hat zwar etwas Angst, eine Rippe bei der Herzdruckmassage zu brechen, aber „besser er lebt mit einer gebrochenen Rippe, als er ist mit einer heilen tot“.

Der Reanimationsunterricht findet in Zusammenarbeit mit der Fachschaft Biologie am Gagern statt. „Da wird praktisch etwas gelernt und dann mit dem aktuellem Lernstoff in der Biologie verknüpft“, sagt Schulleiter Thomas Mausbach. So wie derzeit, da nehmen die Schüler gerade das Herz-Kreislauf-System durch.

Das Projekt ist aber ein enormer Aufwand. 16 Puppen hat das Rote Kreuz in der ganzen Stadt zusammensuchen müssen, vier Ausbilder stellt es. In anderen Bundesländern werden dagegen Lehrer geschult und Puppen für die Schulen angeschafft. In Baden-Württemberg etwa. Denn 2014 hat die Kultusministerkonferenz empfohlen, Wiederbelebung in den Regelunterricht aufzunehmen. „Doch Hessen hat nicht reagiert“, sagt Czudai. Dabei hätten Länder wie Dänemark durch regelmäßiges Wiederbelebungstraining an Schulen die Überlebensrate nach Herz-Kreislauf-Stillstand verdoppelt. „In Deutschland wird geschätzt“, sagt Czudai, „dass wir durch Pflichtunterricht mehr als 5000 Leben pro Jahr retten könnten.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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