Heinrich Siesmayer „Nur vorwärts und nicht verzagt ...“

Heinrich Siesmayer, der große Gärtner, der Grünanlagen in Frankfurt und an so vielen anderen Orten gestaltete, wurde heute vor 200 Jahren geboren. Das Jubiläum feiert der Palmengarten ausgiebig.

Heinrich Siesmayer
Das alte Gesellschaftshaus im Palmengarten. Fotograf: Archiv von Barbara Vogt

Die Blume blüht, die Blume verblüht. Ein Garten lebt auf, ein Garten vergeht. Das ist der Lauf der Dinge. Aber einer, der Gärten macht, der Gärten erschafft, große Gärten, bedeutende Gärten – der bleibt. Franz Heinrich Siesmayer ist geblieben. Heute vor 200 Jahren wurde er in Karben geboren. Zeugnisse seiner Arbeit sind im weiten Umkreis Frankfurts zu sehen.

Wer durch den Bad Nauheimer Kurpark flaniert, wer den Bockenheimer Kurfürstenplatz oder den Friedhof an der Ginnheimer Landstraße besucht, der wandelt auf den gestalterischen Spuren der Brüder Siesmayer. Nicolaus, der ältere, war für die Sorge um die Pflanzen zuständig, Heinrich wuchs zum Gartenkünstler heran. Später kamen immer neue Großtaten hinzu, die Kurparks in Bad Homburg, Wiesbaden, Falkenstein, der Frankfurter Grüneburgpark, der Mannheimer Luisenpark. An die 1000 Gartenanlagen gestaltete Siesmayer, der Jüngere, nach eigenen Angaben in Deutschland und im benachbarten Ausland, wie Barbara Vogt berichtet, die so viel über den großen Gartengestalter weiß wie sonst niemand. Daher weiß sie auch: Nicht bei allen diesen Gärten ging es um Neuanlagen, sondern oft um Überarbeitungen. „Daher sollte man eher von 500 bis 600 Parks und Gärten ausgehen.“ Aber auch das sei ja durchaus beachtlich.

Die bekannteste und wichtigste Tat Siesmayers bleibt bis heute der Palmengarten, grüne Oase im dicht bebauten Frankfurt, Ort des Staunens und Erholens im betuchten Westend. Die Straße, die daran vorbeiführt, trägt seinen Namen.

Die Familie Siesmayer kam um 1770 aus Freising in den Taunus, um sich dem Gärtnern und Kunstgärtnern zu widmen. Der junge Heinrich Siesmayer lernte Anfang der 1830er Jahre beim Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz, der unter anderem die Idee fürs Nizza am Main hatte: 1832 eröffnete dort die „Mainlust“, ein Vergnügungslokal mit von Platanen gesäumter Gartenterrasse. Siesmayer blieb nach der Ausbildung noch einige Jahre als Obergärtner bei Rinz und setzte etwa die Vergrößerung des Wiesbadener Kurparks in die Tat um.

Die gärtnerischen Entwürfe aus solch alten Zeiten sehen oft rührend aus mit ihren akkurat gezeichneten Bäumchen in langen Reihen, Gruppen und Kolonnen. Dazu geometrische Figuren, die Beete beschreiben, Teiche und Gebäude. Leider ist nicht allzu viel erhalten – das Firmenarchiv der „Gebr. Siesmayer“ ging im 20. Jahrhundert offenbar verloren.

Barbara Vogt, Gartendenkmalpflegerin und Leiterin des Veranstaltungsprogramms Garten Rhein-Main, gliedert Wachstum und Aufstieg der Siesmayerschen Firma in drei Teile. Erstes Schlüsselwerk war demnach der Park am Hofgut Goldstein, ein Auftrag der Reichsgräfin Louise Wilhelmine von Bose, fertiggestellt 1846. Es folgten die Kuranlagen zu Bad Nauheim; den Auftrag schnappte sich Siesmayer in einem Wettbewerb, den die kurhessische Regierung ausgeschrieben hatte. Der Park, schreibt der Mann in seinen Lebenserinnerungen, war „eine meiner größten Ausführungen in meiner beinahe fünfzigjährigen selbständigen Thätigkeit“.

Und dann die dritte große Wurzel des Erfolgs, der Palmengarten. 1866 bot Herzog Adolph von Nassau seine Sammlung exotischer Pflanzen, die Biebricher Wintergärten, zum Verkauf an. Siesmayer wurde zunächst als Makler engagiert. Er gewann die stets zu gemeinnützigen Taten aufgelegten Frankfurter Bürger als Finanziers und entwarf sodann auf der Basis der Biebricher Schätze „einen sogenannten Gesellschaftsgarten“, hielt Vogt fest, „dessen Zentrum das Gesellschafts- und Palmenhaus bildet“. Von Anfang an, mit der Eröffnung 1871, sei die Anlage mit ihrem etwa 2400 Quadratmeter großen „Blumenparterre“ ein wirtschaftlicher Erfolg gewesen. In Siesmayers eigenen, uns inzwischen vertrauten Worten: „Eine meiner interessantesten und bestgelungensten Ausführungen“.

Was der Gartenkünstler mit dem Geld der Leute aus dem „Verschönerungsverein Frankfurt am Main“ machte, die sich zur „Gesellschaft zur Erwerbung und Hierherverlegung der Biebricher Wintergärten“ zusammengeschlossen hatten, diente nicht nur der Pflanzenschau. Siesmayer schwebte vor, etwas zu schaffen, das auch andernorts in Europa bereits in Mode war: ein gediegenes Etablissement, ein öffentlicher Wintergarten mit Restauration und angeschlossenem Park – ein Ort des Vergnügens und zugleich der Bildung. „Nun hieß es, aus einer Ebene etwas ganz Neues, Imposantes zu schaffen, und dies war meine Aufgabe“, hielt er später fest. Und imposant, ja, das wurde es. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen kam zur Eröffnungsfeier, ehe er später Kaiser wurde. Besucher von weither lockte der Palmengarten. Erweiterungen folgten, etwa eine fulminante Hängebrücke über den Weiher und das „Schweizerhäuschen“ auf dem Gipfel der 15 Meter hohen Steingrotte; beides heute nur noch Erinnerungen auf Fotografien.

Konzerte, Oper, Ballett gehörten zum regelmäßigen Programm des Gesellschaftshauses, das 1878 niederbrannte, aber – auch dies ein Beleg für die immense Wertschätzung des Palmengartens – innerhalb von nur zehn Monaten wiedererrichtet wurde.

Neben den mondänen Prachtbauten verwendete Siesmayer viel Energie auf das von ihm so benannte Blumenparterre: neu eingeführte, niedrige Zierpflanzen, in feinen Mustern angeordnet. Es gab Rabatten, Teppich-, Blattpflanzen- und Rosenbeete, wie Vogts Buch „Siesmayers Gärten“ aufzählt (im Programm der Kulturregion Rhein-Main, erschienen im Societätsverlag). Und inmitten des Parterres ein Wasserbecken mit Springstrahl, das bis heute erhalten blieb. Aus Zierpflanzen angeordnete Wappen, Namen von Personen oder Ereignissen waren eine Attraktion der Zeit. Und stets hat man vor dem geistigen Auge: die Herren mit Zylindern und Damen mit Sonnenschirmen, wie sie an der Pracht entlangwandelten. Ein Genuss für jene, die Muße und Geld haben, das gilt auch heute noch, vielfach im Palmengarten zu gewahren.

Apropos Palmen: Was verlässliche Wärme braucht, zog später ein, zu Zeiten, als die Technik Fortschritte machte. Das Tropicarium für die ganz erstaunlichen Besonderheiten wurde erst in den 1980er Jahren gebaut.

Als Heinrich Siesmayer sich langsam zurückzog und sein Sohn Philipp die Firma leitete, blühte das Gartengeschäft noch einmal auf. Doch mit Beginn des 20. Jahrhunderts gingen die Kommunen dazu über, ihre Grünflächen in eigener Regie zu pflegen. Dann kamen der Krieg und die wirtschaftliche Depression. 1932 war das Unternehmen „Gebr. Siesmayer“ pleite. Heinrich Siesmayer selbst, der 1900 starb, war schon Jahre vor seinem Tod „unheilbar krank und geistig umnachtet“, wie Barbara Vogt seinem umfangreichen Testament entnehmen konnte.

Siesmayers Motto lautete: „Nur vorwärts/und nicht verzagt/Nicht viel rechts und links gefragt/Mit Gott gewagt“. Er liegt auf dem Neuen Bockenheimer Friedhof an der Ginnheimer Landstraße beerdigt, den er selbst entwarf.