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Hebammen in Frankfurt „Ein wahnsinniger Mangel“

Gefragt sind Hartnäckigkeit und vor allem Glück – denn fast die Hälfte der jungen Mütter in Frankfurt findet keine Hebamme. Absolventinnen einer neuen Schule sollen die Situation entschärfen.

Hebammenschule
Die Leiterin der neuen Hebammenschule in Frankfurt, Nadja Zander, demonstriert den Weg, den ein Baby durch das Becken der Mutter nimmt. Foto: Rolf Oeser

Die 30-jährige Fatiha Elbay hat vor einem Monat einen Sohn bekommen, doch bis heute hat sie keine Hebamme gefunden, die nach der Geburt nach dem Winzling und ihr selbst schaut. „Ich habe in der Klinik jede Hebamme gefragt, die ich gesehen habe“, erzählt sie. Aber keine habe noch Kapazitäten gehabt. Dabei hatte Elbay eigentlich rechtzeitig mit der Suche begonnen – das Baby in ihrem Bauch war da noch nicht mal zwölf Wochen alt.

Doch alle ihre Versuche schlugen fehl. Ihre erste Adresse – die Hebamme, die sie schon nach der Geburt ihres ersten Kindes betreut hatte, war in der Zwischenzeit verzogen. Eine Liste, die ihr die alte Hebamme gab, ergab auch nichts. Eine der Frauen verwies sie dann auf eine Internetseite, auf der weitere Hebammen auflistet sind. Doch diese Ergebnisse seien besonders mager gewesen. „Entweder kam gar keine Rückmeldung oder es waren nur sehr unprofessionelle Rückmeldungen“, so Elbay. Danach hat sie die Suche aufgegeben.

Wie Elbay geht es vielen Frauen in Frankfurt, weiß Gabriele Dyckmans, die beim Gesundheitsamt der Stadt im Bereich Kinder- und Jugendmedizin arbeitet. „Es ist wirklich schwierig, weil wir keine Hebammen haben“, sagt sie.

Fast die Hälfte der jungen Mütter würde nicht fündig, weiß Dyckmans. Die Zahlen erhoben hat der Kinderschutzbund im Rahmen des Projekts Babylotsen. 2016 wurden dazu einen Monat lang alle Frauen befragt, die in den drei großen Kliniken – Bürgerhospital sowie Uniklinikum und Klinikum Höchst – entbunden haben. Fast die Hälfte der Frauen hatte da noch keine Hebamme gefunden. Besonders schlecht sah es in Höchst aus - dort hatten 54 Prozent noch keine Nachbetreuerin.

„Beim ersten Kind wäre ich hilflos gewesen ohne Hebamme“, berichtet Elbay. „Ich wäre komplett aufgeschmissen gewesen. Es gibt ja viele Aspekte, warum man gerne eine Hebamme hätte“, sagt sie. „Man betritt ja totales Neuland“, sagt sie zu der Situation nach der Geburt.

Warum schreit das Kind? Muss die Mutter sich Sorgen machen, wenn es zu viel schläft oder gelb im Gesicht ist? Und wie klappt es mit dem Stillen? Ist es normal, dass das höllisch weh tut? Verheilen die Wunden der Mutter gut, die durch die Geburt entstanden sind? Um all diese Fragen kümmert sich eine Nachsorgehebamme. Jede gesetzlich versicherte Frau hat nach einer Geburt zwölf Wochen lang Anspruch auf diese Unterstützung durch eine Hebamme, bei Bedarf sogar bis zum Ende der Stillzeit.

Doch der Anspruch läuft ins Leere, weil es keine Hebammen gibt. Das ist ein deutschlandweites Problem. Ein Stadt-Land-Gefälle kann die Hebamme Denize Krauspenhaar, die im Vorstand des Hessischen Hebammenverbands ist, nicht sehen. Es gebe einfach insgesamt einen „wahnsinnigen Mangel“. Dafür gibt es laut Krauspenhaar mehrere Gründe. Zum einen seien viele Hebammen, die in Krankenhäusern arbeiteten, so beansprucht, dass sie nicht mehr wie früher nebenher noch Nachsorgen machten. Für andere, die nicht Vollzeit arbeiten wollten, lohne sich die Arbeit als Freiberuflerin nicht, sagt sie. Nur in Vollzeit sei das lukrativ. Andernfalls stünden Arbeit und Kosten einerseits und der Ertrag andererseits nicht in einem guten Verhältnis. Deshalb hörten viele auf, die früher Teilzeit gearbeitet hätten. Und die fehlten.

In Frankfurt ist aber Besserung in Sicht. Seit vergangenem Jahr gibt es erstmals eine Hebammenausbildung in Frankfurt. An der Carl Remigius Medical School in Niederrad, die zur Hochschule Fresenius gehört, hat Anfang September der zweite Jahrgang begonnen, und zwar mit doppelt so vielen Ausbildungsplätzen wie im vergangenen Jahr. 2017 begannen 24 Hebammenschülerinnen die dreijährige Ausbildung, 2018 sind es erstmals 48. Aktuell sind also mehr als 70 Hebammenschülerinnen in Frankfurt in der Ausbildung. Die Hoffnung ist, dass einige von ihnen später an den hiesigen Krankenhäusern bleiben.

Weil 15 Schülerinnen Schulleiterin Nadja Zander für ihr letztes Ausbildungsjahr von Aschaffenburg nach Frankfurt gefolgt waren, hat die Frankfurter Hebammenschule vergangene Woche die ersten Absolventinnen gefeiert. Einige der Absolventinnen werden laut Mitteilung der Hebammenschule in der Mainmetropole bleiben und werden künftig an ihren Ausbildungskrankenhäusern arbeiten. Dadurch könne das Bürgerhospital nun seinen Stellenschlüssel erfüllen.

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