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Hausbesetzung in Frankfurt Teilerfolg für Project Shelter

Eine Hausbesetzung in Frankfurt endet damit, dass der Eigentümer möglicherweise bereit ist, Project Shelter das leerstehende Bistro im Erdgeschoss als Treffpunkt nutzen zu lassen. Die Aktivisten können es selbst nicht fassen.

Die Hausbesetzung endet für die Aktivisten mit einem Teilerfolg. Foto: christoph boeckheler*

Es ist schon dunkel, als eine Aktivistin um kurz vor 23 Uhr ans Mikrofon tritt, die Musik leiser dreht und gute Neuigkeiten ankündigt. Die Menge vor dem Haus wird mucksmäuschenstill. Man habe sich mit dem Hauseigentümer geeinigt, sagt die Frau, er verzichte auf einen Strafantrag. Eventuell dürfe man das Erdgeschoss sogar vorübergehend nutzen. Der losbrechende Jubel ist so laut, dass man nichts von dem, was sie noch durchsagt, verstehen kann. Die Leute, die vor dem Gebäude gewartet haben, brechen in Freudenrufe aus, reißen ihre Hände in die Luft, beginnen spontan auf der Straße zu tanzen. „Ich hab’s dir doch gesagt“, ruft eine Frau, bevor sie sich ihrer Mitstreiterin in die Arme wirft. „Refugees are welcome here“, skandiert die Menge, und dann, immer lauter: „Project Shelter! Project Shelter!“

Frankfurt hat einige Hausbesetzungen erlebt in den letzten Monaten und Jahren, aber so wie die am Dienstagabend ist keine davon abgelaufen. Aktivisten der Initiative „Project Shelter“, die sich seit eineinhalb Jahren für ein selbstverwaltetes Zentrum für obdachlose Arbeitsmigranten einsetzt, dringen gegen 20 Uhr in ein leerstehendes Gebäude in der Berger Straße ein, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es sie und ihre Forderungen noch gibt. Die Besetzer hängen Transparente an das Eckhaus zur Großen Spillingsgasse, spielen Musik ab, verteilen Flugblätter. Nach kurzer Zeit fahren erste Polizisten vor, alles läuft ab wie immer. Vor dem Haus laufen schon die Absprachen, wie man sich im Fall einer bald zu erwartenden Räumung verhalten solle.

Doch die Räumung kommt nicht. Stattdessen taucht der Eigentümer des Hauses, offenbar ein gewöhnlicher Privatmann, vor dem Gebäude auf – und anstatt Strafantrag zu stellen und die Polizei um die Räumung des Gebäudes zu bitten, spricht er mit den Besetzern. Nach gut zwei Stunden, vor dem Haus haben sich inzwischen gut 200 Menschen versammelt, wird verkündet: Der Eigentümer sei möglicherweise bereit, Project Shelter das leerstehende Bistro im Erdgeschoss als Treffpunkt nutzen zu lassen. Die Aktivisten, eher Kummer als Erfolg gewöhnt, können es selbst nicht fassen. „Das ist ein sehr schöner Teilerfolg für uns“, sagt Jakob Dettmar, der Pressesprecher der Gruppe, der vor dem Haus Interviews gibt. Was dieser Etappensieg konkret heiße, werde sich aber erst noch zeigen müssen. Den euphorisierten Aktivisten, unter ihnen viele der obdachlosen Afrikaner, sind solche Formalitäten an diesem Abend egal: Rufend ziehen sie mit einer spontanen Demonstration in Richtung Innenstadt.

Am Mittwochmorgen, nach einem weiteren Treffen mit dem Eigentümer, gibt Project Shelter weitere Details bekannt. Nach derzeitigem Verhandlungsstand sehe es so aus, als könne man das Bistro im Erdgeschoss als Treffpunkt für eigene Veranstaltungen und für ein „Begegnungscafé“ nutzen. Nicht sofort, aber in absehbarer Zeit. Der Hauseigentümer wolle zunächst anonym bleiben, es seien auch noch sehr viele Fragen zu klären. Dennoch, sagt Jakob Dettmar, sei man erst einmal froh, „dass der Hausbesitzer unser Anliegen verstanden hat und wir so zu einer Einigung kommen konnten“.

Da das Haus und das Bistro vermutlich eher nicht als dauerhafte Unterkunft für obdachlose Migranten dienen könnten, appelliere Project Shelter zugleich weiter an die Stadt, fügt Dettmar hinzu: „Statt leerer Wahlkampfversprechen brauchen wir endlich etwas Handfestes: ein Haus, in dem wir ein selbstverwaltetes migrantisches Zentrum etablieren können.“

Auch am Tag nach der Besetzung bleibt also einigermaßen unklar, wie es weitergeht. Eins scheint aber deutlich zu sein: Der neue Magistrat aus CDU, SPD und Grünen wird sich weiter mit den Forderungen von Project Shelter auseinandersetzen müssen. Für den Juli kündigt die Gruppe bereits einen „Aktionsmonat“ an: Jeden Dienstag will man sich ab 19 Uhr am Campus Bockenheim versammeln, um weitere Proteste zu veranstalten.

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, Janine Wissler, begrüßte am Mittwoch, dass der Eigentümer auf einen Strafantrag verzichtet habe. „Anders als der private Eigentümer in diesem Fall war die Stadt zu einem solchen richtigen Schritt bisher leider nicht bereit.“ Project Shelter verdiene Unterstützung, so Wissler: „Denn gerade in Zeiten der Hetze gegen Flüchtlinge und der Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas durch Pegida, AfD und Co. ist es notwendig, fremdenfeindlicher Stimmungsmache und rassistischer Hetze entgegenzuwirken.“

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