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Hausbesetzung Grüneburgweg Hausbesetzer, verdammt und zugeklebt

Unbekannte besetzen eine alte Villa im Grüneburgweg, demolieren Schlösser und verschwinden wieder. Zurück lassen sie ein Bekennerschreiben, das nicht nur wegen der darauf vermerkten Telefonnummer Rätsel aufgibt.

Alles halb so wild: Die Villa hat kaum einen Schaden davongetragen. Foto: Christoph Boeckheler

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Ach, das waren noch Zeiten, als Bekennerschreiben die Redaktion noch auf dem guten alten postalischen Weg erreichten. Mittlerweile heißen die „bekenner_innenschreiben“, kommen per E-Mail und gehen so: „in der nacht vom 21.8. auf den 22.8. haben wir den grüneburgweg 119 besetzt und die schlösser mit kleber untauglich gemacht.“ Ei warum, ei darum: „zeichen unseres protestes gegen wohnungsnot“, „eine welt ohne knechtschaft durch anonyme märkte“, das Übliche halt. Für weitere Fragen geben die dankenswerterweise ein Pressetelefon an.

Telefonnummer entpuppt sich als die von Franconofurt

Dort meldet sich die Firma Franconofurt, die seit geraumer Zeit Besitzerin eines Gebäudes im Kettenhofweg ist, in dem das „Institut für angewandte Irrelevanz“ seine Heimstatt hat. Das Immobilienunternehmen gibt sich redlich Mühe, die eher dem linken Spektrum zuzuordnenden Bewohner rauszuekeln. Bislang erfolglos.

Christian Wolf, Franconofurt-Vorstand, gibt sich sichtlich entspannt. Dass die jungen Leute die Telefonnummer des Unternehmens als „Pressetelefon“ missbrauchen – geschenkt. Man sei ja selbst mal jung gewesen. Das Haus im Grüneburgweg gehöre im Übrigen gar nicht seinem Unternehmen. Das gehöre einer netten alten jüdischen Dame, die es gekauft habe und nun mit Gewinn weiterverkaufen wolle. Er kenne das Haus, es sei sehr schön, aus der Gründerzeit, mit einer riesigen herrschaftlichen Treppe innendrin und absolut ungeeignet für die Schaffung von Studentenbuden. Besetzt sei das Haus seines Wissens nach nicht. Aber tatsächlich sei wohl Kleber in den Türschlössern, was den Wiederverkaufswert aber nur unwesentlich senke.

Franconofurt-Chef Wolf gerät ins Schwärmen

Auch die Polizei weiß nichts von einem besetzten Haus. Irgendjemand habe Klebstoff in die Schlösser gespritzt, was zwar unschön sei, die Welt aber nicht untergehen ließe. Ein Transparent hing wohl auch dort. Jetzt aber nicht mehr. Vermutlich war es ein Protestplakat gegen Wohnungsnot, vielleicht ging es aber auch um eine Welt ohne Knechtschaft.

„wenn villen dann für alle und umsonst“, fordern die besetzer_innen. Da gerät auch Franconofurt-Chef Wolf ins Schwärmen. Er habe in seinem Büro ein Bild der legendären FAZ-Fotografin Barbara Klemm hängen. Darauf sei ein Nachbarhaus des Hauses zu sehen, an dem jetzt Klebstoff in den Türen steckt. Junge Leute hätten das Haus besetzt und Transparente aufgehängt. Für Wohnraum und gegen Knechtschaft. Einer der jungen Leute sei Daniel Cohn-Bendit. „Man kann sagen, was man will, aber diese jungen Leute haben vermutlich viele schöne Häuser vor dem Abriss bewahrt.“
„nur zusammen kann aus einer utopie wirklichkeit werden“, sagen die besetzer_innen.

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