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Hauke Hückstädt und Joachim Unseld im Interview "Nicht mit dem Hintern einreißen"

Hauke Hückstädt und Joachim Unseld über das Literaturhaus einst und jetzt und die Chancen des literarischen Wortes.

26.04.2011 20:39
Verleger Joachim Unseld. Foto: dpa

Frankfurts Literaturhaus wird 20. Nach langen Jahren an vornehmer Adresse im Westend liest man nun zentraler in der rekonstruierten Stadtbibliothek. Und will mehr Leser-Besucher gewinnen.

Herr Unseld, Herr Hückstädt, Oberbürgermeisterin Petra Roth hat gerade ein Buch über die Not vieler Städte in Deutschland geschrieben. Ist ein Literaturhaus nicht ein unglaublicher Luxus?
Joachim Unseld: Ein klares Nein. Wir sind in der glücklichen Lage in Frankfurt, ein Haus für die Literatur haben zu können. Es ist für die Stadt enorm wichtig. Das Geld, das da von der Kommune als Zuschuss kommt, ist bestens angelegt.
Hauke Hückstädt: Ich käme nicht auf die Idee, unser Haus als Luxus zu bezeichnen. Politiker wissen in der Regel, dass das Geld, das sie in Literaturförderung stecken, sich in hervorragender Weise amortisiert. Weil im Bereich der Literatur mit wenig Geld viel Output zu erzielen ist. Würden wir die Auseinandersetzung mit Literatur streichen, würden wir die Auseinandersetzung mit unserer Sprache und also uns selbst aus der Gesellschaft ausstreichen.

Ist das Haus für die Verlage eine wichtige Plattform?
Unseld: Mit Sicherheit. Als Möglichkeit, die Autoren dem Publikum vorzustellen. Die Literatur steht im großen Konzert der Medien nicht gerade im Zentrum.
Hückstädt: Das Bedürfnis der Verlage nach Öffentlichkeit hat zugenommen. Das spüre ich seit Jahren in meiner Arbeit. Ich habe viele Anfragen, stoße auf großes Interesse. Ich muss deshalb auch enttäuschen, aber mir ist es lieber so als umgekehrt.

Wenn Sie an die Anfänge des Hauses vor 20 Jahren zurückdenken: Ist es seitdem schwieriger geworden, die Aufmerksamkeit für Bücher und Autoren zu finden?
Unseld: Ja, ganz sicher. Zum Konzert der Medien ist eine digitale Welt hinzugekommen, die einen großen Teil der Aufmerksamkeit der Menschen frisst. Das ist eine große Herausforderung für uns, für Autoren und Verlage, die wir analoge, physische Bücher machen.

Sie haben die Formen im Programm des Literaturhauses verändert. Es gibt neben der klassischen Lesung auch einen Abend, wo gekocht und ein Menü serviert wird. Es wurde ein Roman diktiert und man konnte dem Autor Peter Kurzeck dabei zusehen. Das sind doch alles Versuche, den Rahmen zu erweitern.
Hückstädt: Ein Haus wie dieses muss der Literatur, aber auch der Stadt und ihren Menschen entsprechen. Es war für mich noch nie interessant, ein Programm für Szenen zu machen. Szene bedeutet, dass man sich politisch, inhaltlich und ästhetisch einig ist. Das ist nicht sehr aufregend. Mir geht es darum, ein Haus zu machen, das ein heterogenes Publikum anspricht. Ich will erreichen, dass die Leute sagen: Lass uns heute Abend ins Literaturhaus gehen, ich habe da noch nie Unsinn erlebt! Ich will ein Vertrauen aufbauen zum Haus, daran arbeiten wir. Peter Kurzeck hat übrigens in diesem Raum, an diesem Tisch, seinen Roman diktiert. Phantastisch!
Unseld: In den letzten zehn Jahren hat sich die Ästhetik allgemein gewandelt. Es gibt immer mehr Crossover-Formen. Für die Literaturveranstaltung heißt das: Wir gehen weg von der klassischen Wasserglas-Lesung. Mit einer gebogenen Lampe, mit einem Autor, vor dem das Publikum in Andacht verharrt. Das ist längst nicht mehr die einzige Form. Und wenn man in die Texte der jungen Autoren hineinguckt, bei meinem Verlag zum Beispiel Marcel Maas, der zwangsläufig mit Musik auftritt oder Thomas Steinaecker, der multimedial arbeitet mit Diaprojektor, dann sieht man: Es gibt immer mehr Schnittstellen.

Sie laden in eine private Wohnung ein und versuchen, ein Gespräch mit dem Autor zustandezubringen.
Hückstädt: Das Lesen von Büchern ist ein intimer Vorgang, bei dem wir eigentlich keine Störung dulden. Wir Deutschen sitzen gerne mit 300 Leuten in einem Saal und hören eine Stunde geduldig zu, das machen andere Nationen nicht so. Diese Hauslesungen sind ein blind date, für die es Aufgeschlossenheit braucht. Ich hab dort schon Interviews auf der Bettkante gegeben, weil sonst kein Platz war. Ein schönes Beispiel war die Lesung von Thomas Lehr mit „September Fata Morgana“ mit 30 Leuten, weil mehr in der Wohnung gar nicht möglich war. Ein ganz intensiver Abend, wunderbar.

Haben die Stars im Literaturbetrieb, die Massen anziehen, in den zurückliegenden 20 Jahren an Bedeutung verloren?
Unseld: Ein klares Jein. Es gibt nicht mehr den Literaturstar wie vor 20 Jahren. Es gibt aber noch immer den berühmten Schriftsteller, der Säle füllt, wie Jonathan Franzen oder Paul Auster. Aber die Diva ist ausgestorben und auch der große Kritiker.
Ist damit einhergegangen eine Ent-Politisierung?
Unseld: Ja. In den 60er Jahren waren wir sicher, dass das Wort zu Veränderung führt. Es ist zu einer Abkühlung gekommen beim Glauben, die Welt noch aus den Angeln heben zu können…

Und mit dem Anspruch treten die Autoren auch nicht mehr an…
Unseld: Es gibt nur noch einzelne, die sich mehr oder weniger politisch engagieren.
Hückstädt: Literatur macht den Menschen komplexer. Und wer in dieser Weise komplex ist, ist schon nicht mehr in der Lage, sich mit einer Sache, einer Ideologie so gemein zu machen.

Sie machen aber noch Themen mit politischem Subtext: Feldpostbriefe aus Afghanistan zum Beispiel.
Hückstädt: Mir war sehr wichtig, dass wir hier über dieses Thema sprechen. Wir haben dort Truppen. Dort sterben Menschen, viele Unschuldige. Da kann man nicht mehr ausweichen. Von „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ sind wir doch jetzt zu einem „Es ist Krieg und keiner hört hin“ gekommen. Aber mal zum Vergleich: Ich habe hier alte Programme von vor 20 Jahren, die ersten der Direktorin Maria Gazzetti. Da war Reinhard Jirgl zu Gast, den hatte ich jetzt auch im Programm. Die erste Veranstaltung von Maria Gazzetti im alten Literaturhaus an der Bockenheimer Landstraße habe ich als Student, als Messegast, besucht, das war für mich enorm wichtig. Ich habe damals zum ersten Mal Anselm Glück gehört, Inger Christensen. Zündsteine!

Maria Gazzetti hatte große Verdienste. Oder?
Unseld: Das Haus so lange auf hohem Niveau zu halten, das war großartig. Und dann den Staffelstab so elegant weiterzugeben.
Hückstädt: Ich stoße immer wieder auf Sachen, die sie initiiert hat. Das ist toll. Ich wollte und werde nicht mit dem Hintern einreißen, was sie und alle am Haus mit den Händen aufgebaut haben. Maria Gazzetti und ich haben literarische Vorlieben geteilt, aber ich bin wohl ein bisschen mehr der Breitensportler.

Heute kommen mehr Leute ins Haus.
Unseld: Ja. Auch unsere Mitgliederzahl hat sich wieder erweitert, auf knapp 700. 1000 möchten wir erreichen. Es gibt viele Leute, die zum ersten Mal kommen, durch die inhaltliche Öffnung des Programms. Die Lesung mit Kochen, die war ausverkauft.
Hückstädt: Wir haben pro Veranstaltung 130 Besucher im Schnitt, früher waren es 70.
Unseld: Dieser Ort wird angenommen. Und wir werden alles daran setzen, das noch zu steigern.

Muss, soll die Stadt noch mehr tun?
Unseld: Wir sind unabhängig. Wir bekommen einen erheblichen Zuschuss von der Stadt. Der wird aber schon in den Fixkosten versenkt. Alle Veranstaltungen müssen vom Literaturhaus selbst erwirtschaftet werden. Die österreichischen Literaturhäuser dagegen werden von den Universitäten alimentiert.

Ist das denn erstrebenswert?
Hückstädt: Ich bin kein Freund von Voll-Subventionierung. Ich arbeite – und kenne es nicht anders – gerne unter dem Druck, dass wir auch etwas erwirtschaften und das reinvestieren in Inhalte.Und ansonsten: Förderansprüche artikulieren wir nicht über die Presse.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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