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Hate-Slam „Du Schreibmaschinen-Schimpanse“

Beim ersten Hate-Slam der drei großen Frankfurter Tageszeitungen lesen Redakteure und Herausgeber aus Schmähbriefen vor. Das Publikum lacht - und ist schockiert.

Die FR-Hate-Slammer: Chefredakteur Arnd Festerling und die Digital-Redakteure Katja Thorwarth und Stefan Krieger. Foto: christoph boeckheler*

"He, das gilt dir, du Redaktionsmatschbirne. Glaubst du etwa, ich würde deine Arglist nicht durchschauen, du prä Homoerectualer Schreibmaschinen-Schimpanse. Dies hat allenfalls auf deinesgleichen Einfluss und damit meine ich die hiesige, unbelesene Volksgruppe genannt Deutsche.“ Diesen Leserkommentar trägt FR-Digital-Redakteur Stefan Krieger am Montagabend im Kabarett-Theater Käs vor und bekommt dafür viel Applaus und viele Lacher beim ersten Hate-Slam „Sehr geehrtes Herr Arschloch“, den die der drei großen Frankfurter Zeitungen, FR, FAZ und FNP gemeinsam präsentieren.

Es werden die krassesten, oft aber auch sehr gemeinen Hass- und Schmähbriefe an die Redaktionen vortragen. Kaum ein Sitzplatz ist frei. Carolin (35) nippt an ihrem Glas Rotwein. Eigentlich liest sie keine Zeitung, weil ihr alle Zeitungen „zu unhandlich“ seien. „Aber ich dachte, das wird bestimmt „ein lustiger Abend mit meinen Freundinnen.“

Von der Frankfurter Rundschau sitzen neben Krieger auch Chefredakteur Arnd Festerling und Digital-Redakteurin Katja Thorwarth auf der Bühne. Immer im Wechsel mit den Kollegen. Die Frankfurter Neue Presse liest zu viert in verteilten Rollen vor: der neue Chefredakteur Joachim Braun sowie die Redakteure Robin Göckes, Kerstin Schellhaas und Tobias Köpplinger. Sie präsentieren auch folgenden Leserbrief: „Ich bin mit meiner Frau übereingekommen, dass die FNP eine Scheißzeitung geworden ist. Meine Frau hat öfters eine Verstopfung vor allem morgens. Und deshalb braucht sie die FNP, damit etwas geht.“

Ein Herr bittet die FNP um eine Stellungnahme, weil er zu viel Werbung im Briefkasten hatte: „Viermal das gleiche Kaufland-Prospekt wurde mir mutwillig in den Briefkasten hineingestopft. Meine Stimmung ist am Tiefpunkt angelangt. Vergangene Woche habe ich Blut gespendet – das werde ich nicht mehr tun.“

Kein Abo, aber mit Kündigung drohen

Bei der FAZ tritt Herausgeber Werner D’Inka alleine an, oder wie er es ausdrückt: „Der (F)ersuch (A)llein (Z)urechtzukommen. Er liest die unterirdischsten Beleidigungen gegen einen FAZ-Autor, die Worte wie „Missgeburt“ und „Fotze“ enthalten. D’Inka vermutet, dass die FAZ-Leser von den langen Artikeln schon so müde sind, dass es meist nur noch für kurze Kommentare reicht. Auch drohten immer nur die Leser mit Kündigung, die gar kein Abo abgeschlossen hätten.

D’Inka macht das auch allein ziemlich gut, wie überhaupt alle beteiligten Journalisten. FR-Redakteurin Thorwarth muss manchmal gegen Lachkrämpfe ankämpfen. Zum Beispiel bei unfreiwillig komischen Kommentaren, wie: „Gleichberechtigung geht übrigens auch ohne Gleichstellung. Jeder Mann – ob ,homo‘ oder ,hetero’ – hat das Recht, eine Frau zu heiraten. Kein Mann – ob ,homo’ oder ,hetero‘ – hat das Recht, einen Mann zu heiraten.“

Entertainmentunterstützung leistet Comedian Woody Feldmann, sie moderiert und lässt die Journalisten zum Hallelujah-Singen im Chor antreten. Als FR-Chefredakteur Festerling vorliest, worauf ein Leser stolz ist, sorgt dies für einen der Momente, in denen die Zuhörer sowohl erheitert als auch schockiert sind: „Als Deutscher wird man geboren, das kann man nicht werden.“ Und weiter: „Sogar Pharaonen haben lieber in der eigenen Verwandtschaft geheiratet, nur damit das Blut sauber bleibt.“

Aber selbst, wenn es um scheinbar unpolitische Themen geht wie eine Ausstellung im Palmengarten, wird es rassistisch: „Aber südländische Pflanzen in Frankfurt sind wirklich nicht das Problem, auch wenn manche Art wie der giftige Beerenklau genau so unangenehm ist, wie manch ein Asylbetrüger aus dem Kaukasus.“ Eine schräge Interpretation der Merkel-Raute liefert ein FAZ-Leser: „Bundeskanzlerin Merkel öffnet ihre Hände freimaurerisch zu einer Raute, als wolle sie mit dieser sexuellen Vaginal-Symbolik die ganze Welt zur Begattung Deutschlands einladen als Repräsentantin des Volkes.“

Zuschauerin Katja Kraftczyk (30) sagt: „Der Hate-Slam war witzig, aber auch ein bisschen deprimierend. Diese Leute müssen viel Zeit haben, um solche fiesen Gedanken zu entwickeln.“ Ein FR-Leser klärt auf: „Das Internet ist übrigens nicht dafür da, um sich über andere lustig zu machen oder sie zu beleidigen. Eigentlich ist es für Pornos gedacht.“

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