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Harry Oberländer Viele Mühen um das Wort

Harry Oberländer war früher in der Gruppe Revolutionärer Kampf, heute ist er Chef des Hessischen Literaturforums. Für den ehemaligen Journalisten und Lyriker ist „Poesie ist eine Erkenntnismethode“, auch heute schreibt er noch ab und zu.

Auf der Wendeltreppe des Mousonturms. Foto: Andreas Arnold

Dieser April beginnt wie ein Sommer. Wir klettern in der Hitze des Nachmittags die verwitterte Wendeltreppe außen am Mousonturm hoch. Von hier oben geht der Blick weit über die Dächer und baumbestandenen Höfe des Ostends. Auf einem Balkon stillt eine junge Mutter ihr Baby. Harry Oberländer atmet tief durch. Hier hinauf geht er manchmal, wenn er Ruhe braucht, Abstand von der Hektik im Büro einige Stockwerke weiter unten. Der 63-jährige hat einen weiten Weg zurückgelegt von der Gruppe Revolutionärer Kampf in den 70er Jahren bis an die Spitze des Hessischen Literaturforums heute. Geblieben ist er Lyriker, auch wenn er nur noch ab und an schreibt: „Poesie ist eine Erkenntnismethode“, sagt er später. Es wirkt wie ein Motto.

Gedichte statt Prosa

So, wie er seine Worte sorgsam wägt, langsam spricht, nicht laut, so arbeitet er auch an seinen Texten. Er verwirft und verändert, bis das Ergebnis da ist.

„Nach vielen Mühen um das Wort
hab ich das Einfache beschrieben
wie jeder Baum an seinem Ort
bin ich bei mir geblieben“,

heißt es in seinem Gedicht „Lied vor der Tür“ aus dem Band „Garten Eden, Achterbahn“.

Den früheren Journalisten, der viele Jahre Reiseberichte schrieb, etwa aus den Anden, und Features für den Rundfunk, haben Gedichte stets mehr interessiert als Prosa. „Es ist eine kurze Form, ohne große Vorbereitung, Beschäftigung mit Sprache auf engstem Raum.“ Die Verdichtung, die möglich ist in der Poesie, das Aufladen kleiner Texte mit Emotionen („ein starker Impuls“) – das fasziniert ihn.

Leben konnte er davon nie, auch nicht, nachdem er schon 1973 den renommierten Leonce-und-Lena-Preis gewonnen hatte „Lyrik kann man nicht als Beruf betreiben.“ Ein kurzes Lachen. Oberländer wirkt scheu, öffnet sich nicht leicht. Geboren und aufgewachsen ist er im Städtchen Bad Karlshafen an der Weser, das entstanden war um eine barocke Schlossanlage. Als Kind viel am Fluss und im Wald gespielt, Karl May gelesen, mit neun Jahren Mitbegründer des Mickey-Mouse-Clubs, in dem die jungen Comic-Fans sich sammeln. Der Einfluss der US-amerikanischen Kultur im Nachkriegsdeutschland, das Aufbegehren gegen den Muff der 50er Jahre, gegen die „Lehrer aus der Nazi-Zeit“. Am konservativen Gymnasium war es „schlimm, heftig, sehr anstrengend“. Zur Strafe zehnmal die Schulordnung abschreiben, das war üblich.

Aber es gab auch erste junge, aufgeklärte Pädagogen. Es begann die Zeit der Politisierung an den Schulen. Der Biologielehrer kämpfte gegen Atomkraft, der Physiklehrer war ein „heftiger Befürworter“ der Meiler. Und Oberländer begann zu schreiben, in der Schulzeitung mit dem schönen Namen „Dur und Moll“. Einer der ersten Artikel beschäftigte sich mit einer rechtsextremen Partei, die damals Deutschland in Atem hielt: der NPD.

Wir klettern aufs Dach, das mit Teerpappe gedeckt ist und auf dem die Hitze steht wie eine unsichtbare Wand. Der Lyriker ist vaterlos aufgewachsen, bei Mutter und Großeltern. Über den Vater spricht er kaum. „In Australien verschollen“, brummt er nur.

Der Gang übers Dach, das merkwürdig weich und federnd wirkt. Die Großmutter, „eine starke Leserin“, bezog ihre Lektüre von der „Buchgemeinschaft Donauland“ und der Enkel verschlang alles. Ludwig Ganghofer zum Beispiel: „Die Bücher stehen heute noch bei mir im Schrank.“ Doch den Heranwachsenden zog es dann doch mehr zu den US-Autoren wie John Steinbeck – was bei den Nazi-Lehrern gar nicht gut ankam: „Die haben schwer die Nase gerümpft.“

In der Oberstufe fesselten ihn natürlich Böll und Grass – aber schon damals die Lyriker Nelly Sachs und Georg Trakl. Er begann, unter diesem Einfluss, selbst Gedichte zu schreiben. Ein Lächeln. „In Sport war ich nie so gut.“ Doch die Altersgenossen akzeptieren ihn: erst Klassensprecher, dann stellvertretender Landesschulsprecher.

1969, mitten im brodelnden Frankfurt der Studentenrevolte, beginnt er sein Soziologiestudium. Natürlich im AfE-Turm, der gerade abgerissen wurde. Erinnerungen an den Kampf um die Stühle und Tische, von denen es in den Seminaren stets zu wenige gab: „Die wurden immer hin- und hergetragen.“

Es war die Zeit, in der die Politik kurz den Vorrang bekam vor der Literatur. In der Gruppe Revolutionärer Kampf lernte er Joschka Fischer kennen, Johnny Klinke, Daniel Cohn-Bendit. Wie Fischer und Klinke ging er zu Opel nach Rüsselsheim, um dort den Kontakt zum Arbeiter, dem erhofften „revolutionären Subjekt“, zu knüpfen: „Wir wollten wissen, wie es tickt!“ Der junge Mann wurde Hilfsarbeiter bei den Werkzeugmachern.

Oberländer gehört nicht zu denen, die heute zynisch herziehen über die schwierigen Kontakt-Versuche zwischen Studenten und Arbeitnehmern. „Ich möchte diese Erfahrung nicht missen.“ Die Kollegen in der Werkzeugmacherei hätten gerne mit ihm diskutiert, die Gegner saßen im Betriebsrat: „Die alte Gewerkschaftsriege dort wollte nur Ruhe im Unternehmen.“

Fischer, Oberländer und die anderen mussten rasch erfahren, wie hart der Arbeitsalltag war. „Einer, der im Rangierbetrieb gelandet war, hatte ständig Angst, zwischen den Waggons zerquetscht zu werden.“ Die Wechselschichten gingen „auf den Magen“. Wenn sie abends nach Hause fuhren, „hat der Joschka oft ganz elend hinten im Auto gelegen“.

Die beiden Freunde wandten sich bald dem gedruckten Wort zu: Sie durften den Keller der Karl-Marx-Buchhandlung, Jordanstraße 11, zum Antiquariat umbauen und dort ihre Bücher verkaufen. Sie buddelten und gruben Seite an Seite, fuhren abends den Erdaushub „zur Müllkippe nach Buchschlag“. Oberländer steht bis heute zum früheren Bundesaußenminister, teilt nicht die Kritik anderer am autoritären Machtpolitiker: „Richtig ist, dass der Joschka immer klar gesagt hat, was er wollte.“ Nein, der Schriftsteller hat „ein sehr positives Verhältnis zu ihm behalten“.

Und doch trennten sich die Wege der beiden in den 70er Jahren. Oberländer entschied sich damals nach kurzem Zögern gegen eine politische Karriere: „Ich war Schriftsteller“, sagt er heute und fügt nach kurzem Zögern hinzu: „Das Interesse an Literatur war stärker.“ Er schlug sich durch. Neben seiner Arbeit als Journalist war er unter anderem Logenschließer beim Theater. Und er schrieb, veröffentlichte mehrere Gedichtbände.

„Früher hab ich nur schwer den Mund aufgekriegt.“

Wir laufen die Wendeltreppe herunter in der sinkenden Sonne. Unten im Büro hängen große Schwarz-Weiß-Fotografien von Schriftstellern an der Wand, die hier im Hessischen Literaturforum schon lasen. Der prominenteste ist sicherlich der Südafrikaner John Maxwell Coetzee, Träger des Literaturnobelpreises. Er lebt zurückgezogen auf einer Farm in Australien, doch 2012 trat er für einen Abend im Mousonturm auf – eine Sensation. „Er war sehr scheu“, sagt Oberländer leise. Seit der Gründung 1985 gehört Oberländer dem Hessischen Literaturforum im Mousonturm an, seit 2010 führt er es. Lesungen organisieren, junge Talente fördern, Entdeckungen präsentieren, auch entlegene Regionen der Welt in den Fokus rücken: So gab es Veranstaltungen mit Schriftstellern aus Ozeanien. „Ich war völlig verblüfft, als ich entdeckte, dass es dort große Familienromane gibt.“

Die öffentlichen Auftritte haben den zurückhaltenden Mann verändert. „Früher hab ich nur schwer den Mund aufgekriegt.“ Heute aber, sagt er, als sei er selbst überrascht, „heute kann ich reden, auch aus dem Stand heraus.“

Oberländer registriert, wie sehr sich die Sprache um ihn herum verändert, zum Teil verkümmert. SMS schreiben ist für ihn ein Horror: „Das mag ich gar nicht, zu knapp, zu kurz.“ Er sieht seine Aufgabe darin, dafür zu kämpfen, „dass Sprache nicht beliebig wird“. Der Geschäftsführer kocht Kaffee. Er ist Optimist. Teilt nicht die Unkenrufe, dass nur noch ältere Menschen sich für Belletristik oder gar Lyrik interessieren. „Es gibt ein jüngeres Literaturpublikum.“ Der Schriftsteller ist unermüdlich in Schulen unterwegs, spricht und liest vor Klassen. Aus seiner Nachwuchsschmiede, dem Jungen Literaturforum, sind Autorinnen wie Ricarda Junge und Daniela Danz hervorgegangen.

Und der Lyriker schreibt weiter. Etwa Gedichte zu Bildern des österreichischen Malers Egon Schiele:

„Nachts ist die Moldau schwarz
in stummen Straßen leere Stunden,
die Stadt, die Narben, Winkel, Wunden.
Laut leben in den Tag die armen Leute,
der Dieb, der Tod holt sich die Beute
lackiertes Wasser glatt wie Harz.“

Draußen sinkt die Sonne. Oberländer spricht über Verluste, den Tod. Den Abschied von Freunden wie dem Schriftsteller Peter Kurzeck 2013, der ihm „ganz nahe gegangen ist.“ Er ist gespannt darauf, wie in zehn Jahren über den Toten gedacht und gesprochen wird.

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