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Handwerk „Dem Studium ebenbürtig“

IHK-Geschäftsführer Matthias Wiemers nennt viele Gründe, die für das Handwerk sprechen, aber: Man darf Schmutz und körperliche Anstrengung nicht scheuen.

Handwerker
Einen Nine-to-five-Job findet man im Handwerk eher nicht. Foto: Imago

Herr Wiemers, der Bauboom, den wir derzeit haben zeigt, wie groß der Fachkräftemangel heute schon ist. Vor allem Azubis sind Mangelware. Woran liegt das?

Es gibt einen anhaltenden Trend hin zur akademischen Ausbildung. Viele Jugendliche wählen halbherzig ein Studienfach, weil sie nicht wissen, wie es nach der Schule weitergehen soll und obwohl sie mitunter wissen, dass freie Stellen in bestimmten Branchen dünn gesät sein können. Es gibt keine hundert freien Stellen in einer internationalen Kanzlei mit einem Einstiegsgehalt von 70.000 Euro.

Was kann das Handwerk tun, um mehr junge Leute für eine Lehre zu interessieren?

Es ist beeindruckend, was das Handwerk mittlerweile auf die Beine stellt. Unter anderem gibt es eine bundesweite Imagekampagne unter der Dachmarke „Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht von nebenan.“ Online und bei sozialen Netzwerken, aber auch im öffentlichen Raum wird hier für die Karrierechancen im Handwerk geworben. Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main bietet beispielsweise zusätzlich ein breites Informations- und Beratungsangebot für Schüler, Lehrer und Eltern an.

Wo kann das Handwerk punkten?

Das Handwerk macht sich bezahlt, vor allem für die, die den Mut haben, sich der Meisterprüfung zu stellen. Mit über 130 Ausbildungsberufen bietet das Handwerk vielfältige Möglichkeiten für junge Leute mit den unterschiedlichsten Interessen und Talenten, sich zu entfalten. Außerdem bietet das Handwerk die besten Zukunftschancen: Allein 200.000 Handwerksbetriebe suchen in den nächsten zehn Jahren einen neuen Chef.

Welche Nachteile stehen dem gegenüber?

Eines ist klar: Wer sich nicht schmutzig machen will, geht lieber ins Büro. Wer nur einen der berühmten nine-to-five-jobs will, ebenfalls. Es ist schon so, dass im Handwerk die Arbeitszeiten teilweise anders sind und die Tätigkeit mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist. Aber einmal gehen diese Anforderungen aufgrund moderner Arbeitsorganisation und Einsatz technischer Mittel in vielen Bereichen ständig zurück, und zum anderen lebt Handwerk von der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Kunden. In Wahrheit werden die meisten Handwerksleistungen aufgrund ihrer Individualität nur im Dialog mit dem Kunden verwirklicht.

Welche Perspektiven gibt es nach der Lehre?

Schon während der Ausbildung kann man ein Auslandspraktikum machen, um über den Tellerrand hinauszuschauen. Nach der Lehre: Anstellung in einem Betrieb, Weiterqualifizierung zum Meister, sich selbstständig machen, eine Firma gründen oder übernehmen, sich zum Betriebswirt des Handwerks (HwO) weiterbilden. Man kann auch an der Hochschule studieren. Der Meister ist dem Bachelor gleichgestellt.

Wie sieht es denn mit einer Übernahme nach der Ausbildung aus?

Eigentlich ganz gut. Die Betriebe bilden aus, um Fachkräfte für sich zu gewinnen. Wer aus betrieblichen Gründen am Ende der Lehre doch nicht übernommen werden kann, hat bei der abgeschlossenen Gesellenprüfung trotzdem ein Zertifikat in der Hand, mit dem er sich auf dem Arbeitsmarkt bewerben kann. Wenn Auszubildende aber das Gefühl haben, der Betrieb käme seiner Ausbildungspflicht nicht nach, können sie sich jederzeit an die Kammer wenden. Dafür sind insbesondere unsere Ausbildungsberater da.

Reicht die Übernahmequote aus, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Noch einmal: Es ist wichtig, dass sich die Gesellschaft der Gleichwertigkeit der dualen und der akademischen Ausbildung wieder stärker bewusst wird. Und „die Gesellschaft“ – das sind wir alle!

Interview: Friederike Tinnappel

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