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Hagen Rether „Raus aus der Komfortzone!“

Vier Stunden Plauderei können ganz schön anstrengend sein. Jedenfalls wenn sie der Endzeit-Kabarettist Hagen Rether seinem Publikum in der Frankfurter Alten Oper angedeihen lässt.

Hagen Rether
Hagen Rether (Archiv) Foto: Klaus Reinelt

Am Schluss hat er drei Bananen gefuttert, zwei Flaschen Wasser getrunken, einmal auf dem Flügel geklimpert und wirkt nach vier Stunden so frisch, als könne er tatsächlich seine Drohung wahrmachen und bis morgens um sechs weiter parlieren. Währenddessen geben die ersten Zuhörer an diesem Samstagabend auf und verlassen den Saal, ohne den donnernden Schlussapplaus in der Alten Oper merklich zu schmälern. Denn obwohl seine Botschaft „Liebe“ in Teilen nicht wirklich neu ist, gelingt es dem 48jährigen wieder mühelos, Tausende in seinen verbalen Bann zu schlagen.

Zurück zum Anfang: „Ertappen sie sich auch dabei, dass Sie froh sind, dass wir Merkel haben“, entfährt es Hagen Rether angesichts der chaotischen Weltlage mit Möchtegern- und tatsächlichen Diktatoren wie Trump, Putin, Erdogan, Kim Jong Un oder Assad. „Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Satz mal sage.“ Denn nicht oft benennt der gelernte Pianist und Heilpraktiker politische Personen oder kommentiert tagesaktuelle Geschehen. Das überlässt er lieber der Zeitung.

Gruselige Politiker

Manchmal muss es aber doch sein. Wenn er die neue CDU-FDP-Regierung in seiner Wahlheimat Nordrhein-Westfalen dabei erwischt, dass sie als erste „christliche“ Tat ihrer Amtszeit das Sozialticket im Nahverkehr abschaffen will. Oder wenn er begründet, warum er im vergangenen Jahr zum ersten Mal links statt Grün gewählt hat: „Die Hälfte von dem, was Sarah Wagenknecht sagt, ist ganz passabel, die andere Hälfte gruselig.“ Wenn es bei Seehofer doch auch so eine Mischung wäre, könnte man sogar den wählen...

Doch Rether geht es mehr um das Grundsätzliche, um Strukturen und Denkweisen. Die Spitzen von Politik, Wirtschaft sind demnach nur der Ausdruck von einer Gesellschaft, die über ihr Rückenmark-bestimmtes Handeln noch nicht recht hinausgekommen ist („Wir sind Neandertaler mit Laserschwertern.“). Die immer noch Minderheiten zu Sündenböcken stempelt, um von den eigenen Defiziten abzulenken. Die nicht bereit ist, ihre Komfortzone zu verlassen, um die mannigfachen Probleme der Zukunft anzugehen. Wir haben „Hornhaut auf der Seele“, sagt Rether dazu.

Hornhaut auf der Seele

Was für eine Bigotterie, meint Rether: Nach den Gewaltattacken vor allem durch ausländische junge Männer auf der Kölner Domplatte wurden vermehrt Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt. Niemand aber käme auf den Gedanken, Weingüter oder Brennereien anzustecken, weil 70 000 Menschen jährlich durch Alkohol sterben und noch viel mehr Familien durch die Sucht ins Unglück gestürzt werden. Auch seien keine Fälle bekannt, dass Kirchen abgefackelt wurden, weil Priester Tausende von Kindern missbrauchten und misshandelten.

Rether nimmt Islamisten nicht in Schutz. Aber er warnt vor Selbstgerechtigkeit, gerade bei den Deutschen. Denn ihr Alleinstellungsmerkmal in der Welt sei es doch, eine industrielle Maschinerie für Massenvernichtung entwickelt zu haben, und zwar nicht vor allzu langer Zeit: „Gegen das, was unsere Großeltern getan haben, war der IS ein Montessori-Kindergarten. Sie haben aus Menschen Lampenschirme gemacht und ihre Überreste zu Seife gekocht.“

Wie den Deutschen gesteht Rether dem Islam die Möglichkeit der Veränderung zu. Schließlich hätten die Muslime über Jahrhunderte kulturelle und technische Leistungen vorangetrieben, während Europa eingefroren im schwarzen Mittelalter verharrte.

„Linksliberaler Ökospinner“

Leidenschaftlich wendet sich der Kabarettist gegen Antisemitismus und geißelt Boykottaufrufe gegen Israel wegen der dortigen Unterdrückung der Palästinenser. Die nennt er wohlfeil, während die Menschenrechtsverletzungen in China oder durch die USA hierzulande keine Rolle spielten. Eben wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeiten von diesen Staaten.

Ebenso leidenschaftlich wirbt der selbsternannte „linksliberale, vegane Ökospinner“ für eine fleischlose Zukunft, auch als Beitrag zur Rettung vor der Klimakatastrophe und rechnet vor, dass 100 Kalorien Energie eingesetzt werden müssten, um am Ende drei Kalorien Rindfleisch zu erzeugen.

Als die Zuhörer müde sind, greift Rether noch in die Albernheitsschublade und verrät seine liebsten Unsinnswörter wie etwa „Brennholzverleih“. Auch die Charakterisierung seiner selbst als „hoffnungsloser Optimist“ in der Frankfurter Rundschau findet er paradox. Stimmt. Trifft es aber doch.

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