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Güterplatz in Frankfurt Versprechen für die Zukunft

Einst war der Güterplatz in Frankfurt Blaumannrevier. Jetzt bestimmen Anzugträger das Bild. Das Gelände wartet darauf, wieder ein richtiger Platz zu werden.

Der Güterplatz in Frankfurt. Foto: christoph boeckheler*

Es ist kurz nach halb neun. Aus der Sicht von Herrn Jo eine gute Zeit, für eine kurze Raucherpause. Sein Restaurant Gil-Son ist noch geschlossen. Behaglich zieht Herr Jo an seiner Zigarette. Das Kinn leicht angehoben, streift sein Blick über den ersten Bauzaun, den zweiten, ignoriert den Verkehr, der sich unmittelbar hinter dem eingezäunten Areal auf Osloer- und Hohenstaufenstraße verteilt. Als würde er die Baukräne zählen, die sich über dem Güterplatz allmählich in Bewegung setzen. „Ja, ja. Alles habe ich hier mitgemacht“, sagt Herr Jo mit leiser, etwas müder Stimme. Dann funkeln die dunklen Augen unter den dichten, kurz geschnittenen Haaren des Restaurantbesitzers auf. Herr Jo grinst. „Ein paar Mal schon.“

Seit 16 Jahren ist Sang-Sub Jo Inhaber des südkoreanischen Restaurants Gil-Song. Die Gaststätte selbst gibt es noch länger. Wie lange, weiß auch er nicht genau. Bald müssten es 50 Jahre sein, glaubt Sang-Sub Jo. Er selbst erinnert sich noch an die Zeit, als auf dem angrenzenden Bosch-Areal Lagerschuppen standen, der Güterplatz noch tatsächlich ein Platz war und keine eingezäunte Baustelle. Und als sich das gastronomische Angebot vor Ort auf das Gil-Son, eine Trinkhalle und eine Kneipe beschränkte, die zwar das Wort „Hafen“ im Namen führte, von außen betrachtet aber alles andere als die weite Welt versprach.

Zu behaupten, dass sich der Güterplatz am östlichen Ende des Gallus im Wandel befindet, wäre eine glatte Untertreibung. Zumal sich außer Herrn Jo kaum jemand vor Ort an eine Zeit erinnern dürfte, an der rund um den Güterplatz nicht gebaut wurde. In den letzten zehn Jahren hat der Platz etwa erlebt, wie das Einkaufszentrum Skyline Plaza hochgezogen wurde, das derzeit von zwei Baustellen in die Mangel genommen wird. Quasi direkt am Haupteingang entsteht mit dem Grand Tower das höchste Wohnhochhaus Deutschlands. Gegenüber, auf dem Bosch-Areal, sollen in naher Zukunft Wohnungen und ein Hotelturm gebaut werden.

Ivo Grgic bereitet dieser Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes den Boden. Mit einer motorisierten Vibrationsplatte verdichtet er auf dem Bosch-Gelände das Erdreich. In wenigen Tagen soll hier eine große Betonpumpe positioniert werden, die den Baustoff für den Grand Tower liefern wird. „Nur Vorbereitungen“, betont Grgic. 18 bis 20 Monate werden er und seine Kollegen von der Firma Depenbrock hier verbringen. „Die Baustelle ist in Ordnung“, sagt er. Dann stampft die Vibrationsplatte wieder los.

Die Umgebung des Güterplatzes ist voller Versprechen. Am Bosch-Areal versprechen Banner und Plakate komfortables Wohnen in naher Zukunft. Für den von der lärmenden Gegenwart gestressten Stadtmenschen verspricht das Meridian-Spa im Skyline Plaza Erholung. Die VGF verspricht in einem Pavillon die Erschließung des Europaviertels durch die Verlängerung der U5. Noch eine Baustelle, noch ein Wandel. 2022 soll dann alles fertig sein. Auf dem Güterplatz wird sich ein Zugang zur gleichnamigen U-BahnStation befinden. Bis dahin verspricht sich Herr Jo eigentlich nur „Lärm und Staub“.

Ahmet Yilmaz betrachtet das Geschehen auf dem Gelände, das irgendwann wieder ein Platz werden soll, optimistischer. Allerdings ist es für ihn der erste Arbeitstag im Adana-Kebab-Haus an der Mainzer Landstraße, südlich des eigentlichen Güterplatzes. „Der Platz ist sehr gut“, sagt er. Er muss es wissen. Seit 30 Jahren arbeitet er in türkischen Imbissen in Frankfurt. „Gutes Publikum“, sagt er, „alle aus den Büros.“ Tatsächlich sind es in erster Linie Anzugträger, die das Bild rund um den Güterplatz bestimmen. Die Blaumänner sind verschwunden, die Banker haben übernommen. Und auf sie ist das Angebot der Restaurants und Imbisse, die in den letzten Jahren immer zahlreicher geworden sind, abgestimmt. Wo früher die Kneipe mit dem Hafen im Namen beheimatet war, befindet sich heute ein thailändisches Restaurant.

Die Auswahl ist vielfältig. Nur Draußensitzen ist schwierig. „Im Sommer war es besonders schlimm“, sagt Feride Yilmaz von der türkischen Bäckerei Saray Pastanesi – nicht verwandt oder verschwägert mit Herrn Yilmaz vom Kebab-Haus. „Die Leute wollen sich gerne hinsetzen. Aber wo? Überall Baustelle, überall Lärm.“ Wenn dann noch die Feuerwehr aus der Wache in der Frankenallee losfahre, seien Gespräch gänzlich unmöglich. Wie zur Bestätigung hält an diesem Vormittag direkt neben der Bäckerei ein Laster. Dicke Bündel von Stahlstreben werden mit Hilfe eines Krans ausgeladen. Auf dem Grundstück zwischen Bäckerei und Adana-Kebab-Haus wird – wie könnte es anders sein – gebaut.

Marcus Schanne von der Commerzbank hat relativ wenig Probleme mit dem Lärm. Am frühen Vormittag trifft sich die halbe Belegschaft im hauseigenen Kiosk des sogenannten Händlerhauses an der Mainzer Landstraße. Vor dem Kaffeeautomaten bildet sich eine kleine, aber nicht abreißende Schlange von Mitarbeitern.

„Wo ich sitze, kriege ich von den Bauarbeiten wenig mit“, sagt Schanne. Seit 2010 arbeitet er gegenüber des Güterplatzes. „Die Gegend ist durch die Eröffnung des Skyline Plaza enorm aufgewertet worden.“ Ein Prozess, der noch nicht am Ende ist, wie auch Ahmet Yilmaz glaubt: „Es wird noch besser hier“, sagt der Mann aus dem Kebab-Haus.

Am östlichen Rand des Güterplatzes prangt seit Jahrzehnten eine Losung. „Glaube an den HERRN JESUS, und du wirst errettet werden“ an der Fassade eines Gebäudes, das den „Christen am Güterplatz“ gehört. Trotz der Unmenge an Bannern an allen Ecken bleibt es die markanteste Botschaft am Güterplatz, wo es an Versprechen für die Zukunft nicht mangelt.

Herrn Jesus aber wird man vormittags unter der Woche kaum auf dem Güterplatz treffen. Herrn Jo schon, wie er den Blick über das abgesperrte Gelände direkt vor seinem Restaurant gleiten lässt. Nein, ein Platz ist es nicht. Bestenfalls ein Platz im Werden, vielleicht auch nur das Versprechen eines Platzes.
Mit diesem Versprechen wird Sang-Sub Jo die nächsten Jahre noch vorliebnehmen müssen, auch wenn einige Gäste wegen des Lärms und des Staubs wegbleiben. „Wenn alles fertig ist“, glaubt auch er, „wird es schon besser werden.“

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