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Grüngürtel um Frankfurt „Wir haben gestritten!“

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig spricht im FR-Interview über den Weg zum Grüngürtel und seine Bedeutung.

Die Frankfurter Umweltstadträtin Rosemarie Heilig (Grüne) begleitete den Grüngürtel als Studentin und Politikerin. Foto: Peter Jülich

Frau Heilig, wann haben Sie zum ersten Mal das Wort Grüngürtel gehört?
Als Studentin. Ich habe ja Biologie in Frankfurt studiert, und wir haben da schon über die Idee eines Grüngürtels gesponnen – ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was das eigentlich kostet oder wie das politisch geht. Mit den Grünen, mit dem Umweltdezernenten Tom Koenigs und seinem Team, kam dann richtig Zug hinein. Bald zeigte sich: Es ging. Und was wir hier in Frankfurt bewegt haben, ist einzigartig – auch mit unserer Grüngürtel-Charta von 1991. Erstaunlich, wie zukunftsweisend dieses Papier schon war, nicht nur ökologisch, auch sozial.

Wo war die Keimzelle?
Der ehemalige Hubschrauberlandeplatz Maurice Rose war der Ort, an dem wir etwas gewagt haben, was es so noch nicht gab – und zwar auf einer Fläche, die das US-Militär uns übergeben hatte, einer Art Spielwiese. Bis heute ist der Alte Flugplatz das Aushängeschild. Da lässt sich vorführen, wie grün Frankfurt ist, da ist die Nidda, man kann dort Sport treiben, sich ausruhen, es gibt die Landschaftslotsen, die großartige Arbeit da leisten. Wahnsinn, was wir in den 25 Jahren dort erreicht haben. Ein Ort natürlich auch, der von den Naturschützern mit Argusaugen betrachtet wird, eben weil es ein einmaliger Ort in Frankfurt ist.

Die Umweltverbände waren entsetzt, als Sie erlaubten, eine Siedlung für Flüchtlinge an dem einmaligen Ort zu errichten.
Aber sie haben inzwischen auch erkannt, dass es eine Chance ist: für die Flüchtlinge, für die Stadt, sogar darüber hinaus. Wenn die Integration dort gelingt, hat das Projekt eine Vorbildfunktion auch für andere Städte. Dabei sollten wir alle zusammen mithelfen. Und es passt auch zusammen – die weitere grüne Entwicklung dieses ganz speziellen Ortes und die temporäre Unterkunft auf einer versiegelten Fläche für Menschen in Not.

Was macht den Ort so speziell?
Die Naturwissenschaftler hatten bis dahin in Frankfurt nirgends eine Fläche, auf der sie ein entstehendes Ökosystem studieren konnten. Brachen sind für Biologen deshalb interessant, weil dort kein Rasenmäher drübergeht – da darf sich was entwickeln. Dann kommen Libellen, dann kommen Frösche. Spannend war: Was entsteht beispielsweise aus diesen Betonblöcken am Alten Flugplatz, dem Schollenfeld, wenn man einfach gar nichts steuert?

Das Ergebnis ist ein Paradies. Und der grüne Gürtel wuchs weiter. Wer waren die Paten?
Da waren von Anfang an viele im Boot. Die Leute im Naturschutzbeirat, natürlich der BUND, der Nabu, sehr viele einzelne Personen, etwa Peter Lieser als Mitbegründer und Leiter der Grüngürtel GmbH. Unter den Politikern war es besonders Uli Baier im damaligen Parlamentsausschuss für Umwelt und Grüngürtel. Tom Koenigs aber war der Vater des Grüngürtels, es war seine grundlegende Idee – und unsere gemeinsame Leistung, das Projekt mit, aber bisweilen auch mal gegen Martin Wentz durchzusetzen.

Wentz war damals Planungsdezernent bei Ihrem Koalitionspartner, der SPD.
Wir haben gestritten! Denn natürlich hat auch der Planungsdezernent Interessen zu verteidigen, und Wohnungsnot gab es auch schon in den 90er Jahren. Und bei diesem Interessenausgleich ging es bisweilen um Zentimeter und zwar durchaus auch mal rustikal! Wo verläuft die Grenze, wo darf nicht mehr gebaut werden, wo hat das Grün Vorrang? Einem Planungsdezernenten zu sagen: Da darfst du nicht bauen – das ist nicht leicht. Harte Auseinandersetzungen waren das, die wir letztlich erfolgreich zum Wohle der Menschen geführt haben. Und ich bin sicher, auch Martin Wentz freut sich heute über den Grüngürtel.

Es war eine Zeit, in der sich Frankfurt sehr veränderte. Es kam nicht nur der Grüngürtel, es kamen Tempo-30-Zonen …
… die in den Ortsbeiräten umstritten waren und für die wir als Grüne viel Kritik aushalten mussten. Wir sagen: Wir wollen 1000 Bäume. Die Gegner sagen: Wir wollen 1000 Parkplätze – das ist ein Dauerbrenner, egal wo. Aber heute sind die verkehrsberuhigten Zonen aus den Stadtteilen gar nicht wegzudenken, das Radfahren gegen die Einbahnstraße. Und solch ein Erfolgsprojekt der Frankfurter Stadtpolitik ist auch der Grüngürtel.

Auch auf Dauer?
Davon bin ich überzeugt. Seit 1991 haben wir knapp sechs Hektar Grüngürtelfläche verloren – und fast 39 Hektar dazugewonnen. Und das Spiel ist längst nicht vorbei. Als Nächstes werden wir den Park in Nieder-Eschbach dem Grüngürtel zuschlagen. Unser Traumziel ist, dass der Gürtel irgendwann tatsächlich ganz geschlossen ist.

Gibt es dagegen Widerstände?
Die gab es und die gibt es, wenn man in einer Stadt sagt: Hier sind jetzt Flächen, die dürfen nicht mehr bebaut werden. Damals war die Aufgabe, den Grüngürtel zu formen. Heute steht sein Schutz und die Weiterentwicklung im Vordergrund. Wir haben eine Anpassungsstrategie an den Klimawandel entwickelt, für die der Grüngürtel eine wichtige Basis ist. Was er bedeutet und dass es weitergeht, das muss die Bevölkerung mittragen. Und die Botschaft, dass wir die Infrastruktur der Stadt – den Interessenausgleich von Wohnungsbau, Mobilität und Grün – so gestalten müssen, dass die Städte im Zeichen des Klimawandels bewohnbar bleiben, kommt an.

Die Stadt braucht Grün, aber auch Wohnungen. Geht beides?
Das ist die Herausforderung dieser Generation – und die Herausforderung der neuen Stadtregierung, da Ausgleich zu finden. Die Frage nach dem „Ob“ stellt sich nicht – es muss gelingen! Wir sind mitten im Klimawandel. Wir müssen uns wappnen, es wird auch einmal Stürme geben, Starkregenperioden und extreme Hitzezeiten, hier in Frankfurt. Wir müssen jedes einzelne kleine Baugebiet betrachten, geht es hier oder geht es nicht. Und wenn wir es machen, müssen wir überlegen: Wie durchgrünen wir neue Gebiete, wie durchgrünen wir aber auch den Bestand? Wir haben dafür jetzt zehn Millionen Euro im Haushalt, zwei Millionen pro Jahr, zum Entsiegeln und Begrünen.

In 25 Jahren: Wie viel Prozent mehr Grün haben wir und wie viel Prozent mehr Wohnungen?
Wenn es uns dann gelungen ist, den Grünanteil bei den 50 Prozent zu halten, die wir heute schon haben, dann sind wir richtig gut. Bauen ja, aber vernünftig. Wo wir versiegeln, müssen wir die gleiche Fläche durch Begrünung zurückerobern. Das müssen nicht immer Bäume sein, da geht es auch um Rasen zwischen Straßenbahnschienen, um Fassaden- und Dachbegrünung. Wir brauchen die großen Ideen für die Stadtentwicklung: einst das Wallservitut, heute den Grüngürtel und die neuen Parks wie jetzt am Hafen. Aber wir schauen auch ganz kleinteilig: Wo können wir grüne Inseln schaffen, in der Stadt, in den Stadtteilen, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern?

Haben sie eigentlich den Grüngürtel schon einmal umrundet?
Mit dem Fahrrad ja, und in Etappen erwandert, aber nicht am Stück. Das wollten wir mal mit dem Journalisten Manuel Andrack machen, 24 Stunden. Aber er hat sich noch nicht gemeldet.

Glauben Sie, der Grüngürtel hat den Wert der Natur tiefer ins Bewusstsein der Frankfurter gebracht?
Wer den Grüngürtel kennenlernt, liebt ihn sofort. Wer ihn noch nicht kennt, den müssen wir an die Hand nehmen. Der Grüngürtel gehört zu Frankfurt wie Goethe, die Paulskirche und die Grüne Soße, aber wir müssen uns um ihn kümmern. Er ist keine Selbstverständlichkeit.

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