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Grüngürtel Frankfurt Der Barfüßer ist da

Das 14. Werk der „Komischen Kunst im Grüngürtel“ steht in Rödelheim: der Barfüßer mit einer typischen Frankfurter Schnut.

Barfüßer nach  Zeichnung von Kurt Halbritter
Der Barfüßer, zwei Meter sechzig Gutmütigkeit am Stück. Foto: Monika Müller

Und als der Barfüßer dann enthüllt war, mit Hau! und Ruck! und Ooh! und Aah! – da mussten die Leute so lachen und sich die Bäuche halten, dass sie auf den Rücken fielen und die Böschung hinabkullerten, alle miteinander, die ganze Festgesellschaft, dass sie ins Nass platschten und mit den Fluten der Nidda von hinnen fuhren, spotzend und glucksend vor Vergnügen, durchgekitzelt noch aufs Trefflichste von den Wildwassern des Höchster Wehrs, bis sie alle in den Main schossen, immer noch die Augen aufgerissen und nur einen Satz auf den Lippen: „Wie der geguckt hat!“

Denn das muss man ja schon sagen: Wie der guckt, der Barfüßer, der nun als 14. Vertreter der Reihe „Komische Kunst im Grüngürtel“ am Nidda-Ufer steht – das gibt’s doch gar nicht. Zugegeben, man läuft deshalb nicht wirklich direkt Gefahr, in den Fluss zu stürzen, aber diese typische Frankfurter Schnut, das verknautschte Gesicht, die Augen mehr als halb geschlossen, na klar, das erinnert an hochrangige Vertreter der Frankfurter Schankwirtschaftsbesucherzunft nach dem sechsten oder siebten Schoppen. Auch ist der Barfüßer körperlich mit der Robustheit eines Sachsenhäuser Stammtischbruders ausgestattet, also filigran wie Flusspferd Meikel, Gott hab es selig.

Eine ganze Trommlergruppe des Ensembles Gallus-Donner passt drauf auf den Barfüßer, nachdem sie für das bronzene Prachtexemplar getrommelt hat. „Aufsteigender Drache“ heißt das Stück, barfuß gespielt zur Ehre des Kunstwerks. Und am Ende mit den Wünschen „Gesundheit, Glück und Erfolg“ garniert – auf Japanisch.

Wie ist das für einen Künstler, wenn, kaum enthüllt, das Kunstwerk sogleich Horden kleiner, aber auch erwachsener Fans auf sich herumturnen lassen muss? „Großartig“, sagt Siegfried Böttcher, der Kasseler Bildhauer, denn so sei es ja gedacht gewesen: „Bespielbar für Groß und Klein.“ Gefragt, wie lang er das aushalte, der Barfüßer, betont Böttcher: „300 Jahre mindestens. Und in 700 Jahren werden Archäologen staunen, was hier für Tiere gelebt haben.“

Der Gesichtsausdruck des Wesens – schwierig, urteilt der Künstler über sein Objekt: „Wenn man einen Fuß mitten im Gesicht hat …“ Die Hauptarbeit habe darin bestanden, dem Barfüßer dennoch eine entspannte, vertrauenerweckende Erscheinung zu geben. Wobei Böttcher offen zugibt: „Er sah zwischendurch aus wie ein Monster.“

Das wäre nicht ganz im Sinne des Entdeckers gewesen. Denn wer ihn kennt, den gutmütigen Gesellen, und keiner kennt ihn besser als sein Schöpfer Kurt Halbritter, der weiß: „Mit 16 Paar Barfüßen ausgerüstet, ist sein Auftreten bescheiden und leise.“ So steht es geschrieben in dem Standardwerk „Halbritters Tier- und Pflanzenwelt“ (1975), das zahlreiche illustre Wesen versammelt, vom Nasenhasen bis zum Hochhändigen Lachsfuß.

Dass Halbritter (1924 - 1978) dem Barfüßer damals in seiner grundlegenden Zeichnung dennoch lediglich sieben Paar Füße zum Laufen gab, entgegen seiner eigenen 16-paarigen Beschreibung, mag Platz- oder Zeitgründen geschuldet sein. Unübersehbar ist freilich, dass ein weiterer Fuß dem fabelhaften Tier als Nase dient (neben zwei Händen als Ohren) und noch einer hinten als Schwanz.

Lateinisch als padarius nudus peregrinatorum bezeichnet, mitunter auch kurz als pedibus nudis, sei das Wesen vorwiegend in den Sohleika-Sümpfen anzutreffen, ließ Halbritter die Nachwelt wissen. Jedoch: „Wo eine Wallfahrt stattfindet, ist der Barfüßer nicht weit“, denn er suche die Nähe von Menschen und stelle sich auch bereitwillig in seinen Dienst. „Man muss einmal das Bild gesehen haben, wenn die Frommen, müde vom Pilgern, den Heimweg auf dem Rücken dieses gutmütigen Tieres zurücklegen.“ Moos und Blattwerk sind seine Nahrung, doch auch die Krumen und Happen der Pilger verachtet der Barfüßer nicht.

Kichernde Leute

Am Nidda-Ufer, in der Rödelheimer Kurt-Halbritter-Anlage am Solmspark, stehen die Leute kichernd, als sich ein kleines Mädchen, Minel mit Namen, schon dem noch unenthüllten Werk nähert, mit dem klaren Vorsatz, es zu bespielen. Eine Nilgänsefamilie mit ungefähr zweitausendfünfhundert Küken macht es sich unmittelbar neben der Feierei bequem. Reden werden geschwungen, vor allem von Thomas Hartmanshenn, dem Leiter der Projektgruppe Grüngürtel im Umweltamt, leider von keinem Vertreter der Neuen Frankfurter Schule, auch wenn der große Hans Traxler nebst Gattin zugegen ist sowie die letzte leibhaftige Cousine Halbritters. Natürlich weilt auch Achim Frenz vor Ort, der Leiter des Caricatura-Museums, Zentrum der komischen Kunst, wenn sie nicht gerade im Grüngürtel stattfindet wie der Pinkelbaum und die anderen feinen Dinge, die auf dieser Seite abgebildet sind.

Auf der kleinen gepflasterten Fläche in der Halbritter-Anlage steht der Barfüßer, blickt in Richtung Nidda, dort, wo der Mühlbach in sie mündet, und denkt sich seinen Teil. Karin Spampinato und Bettina Sulzbacher, die regelmäßig am Ort des Geschehens aus Liebe zur Natur verweilen und den Prozess des Werdens gebannt verfolgten, hätten „alles Mögliche erwartet“, unter anderem „einen Grillplatz“ oder auch etwas Integrierendes, denn Rödelheim ist ein Ort der Begegnung vieler Kulturen. Und so kam es dann ja auch, integrierend, irgendwie. Zufrieden mit dem Ergebnis? „Aber ja!“

Rund 50 000 Euro, um am Schluss profan zu werden, hat der Spaß insgesamt gekostet, gewuppt vom Regionalpark Ballungsraum Rhein/Main, dem Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main und der Stadt. Das könne man sich nicht jedes Jahr leisten, sagt Hartmanshenn, ehe er einen Barfüßer aus Marzipan für alle anschneidet. Das wolle man sich aber alle zwei bis drei Jahre leisten. Sein schönster Satz des Tages: Das Grüngürteltier von Robert Gernhardt auf der Gernhardt-Brücke in Bonames sei der meistgestreichelte Gegenstand in Frankfurt. Sehr wahr.

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