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Griesheim Heimat und Wärme

Uta Endreß hat fast ihr ganzes Leben in Griesheim verbracht. Ans Wegziehen hat die 80-Jährige nie gedacht. In ihren Erzählungen ist die Geschichte des Stadtteils lebendig.

Uta Endreß hat in ihrer aktuellen Ausstellung die Geschichte der Straße aufgearbeitet, in der sie groß wurde - Alt-Griesheim. Foto: Christoph Boeckheler

Sie war schon ein Teenager, als sie ihr erstes Fahrrad bekam. Fortan fuhr sie von ihrem Elternhaus in Alt-Griesheim zum Baden nicht mehr an den Main nebenan, sondern über Wiesen, Äcker und das Griesheimer Wäldchen an die mehrere Kilometer entfernte Nidda. Die Mutter wunderte sich, doch es hatte einen Grund, „zum Poussieren war ich da, die Jungs waren hier“, sagt Uta Endreß. Es ist der Ort ihrer Jugend und doch sieht heute alles anders aus. Sie erinnert sich an die einzelnen Wirtshäuser, ansonsten viel Grün, heute stehen „Am Neufeld“ Einfamilienhäuser. „Es war halt alles ein bisschen idyllischer“, sagt die 80-Jährige fast ein wenig wehmütig.

Doch Uta Endreß weint den alten Zeiten nicht nach. „Es ist jetzt anders und man muss sich daran gewöhnen, aber es ist nicht schlecht“, sagt sie. Mit ihrem kleinen Auto, in dem auch ihre beiden Möpse Platz finden, fährt sie die Orte ihres Lebens ab. „Man wächst mit dem Ort, da sind einem die Veränderungen nicht so aufgefallen“, sagt sie. „Heute denke ich manchmal: Das ist schon ein großer Fortschritt.“

Uta Endreß wurde 1935 geboren. Mit ihren Eltern lebte sie in Alt-Griesheim, in der Mitte der Straße, zwischen dem Villen im Osten und der Chemischen Fabrik im Westen, in der viele Griesheimer Familien ihr Geld verdienten. „Wir haben auf der Straße gespielt, sind Rollschuh gelaufen“, sagt sie. Heute fahren die Autos durch die Hauptstraße des Ortes. Sie ging in den evangelischen Kindergarten und zur Mozart-, später zur Bismarckschule.

Nur einmal lebte sie nicht in Griesheim, als sie während des Zweiten Weltkrieges nach Alsfeld im Vogelsberg geschickt wurde, um dort auf dem Feld zu helfen. Ihre Mutter kam damals mit dem Fahrrad und holte sie heim. „Griesheim, das ist für mich Heimat, Wärme. Hier ist mir nichts fremd.“

Nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus, in der Alten Falterstraße, arbeitete ihr Mann in der Bäckerei seiner Eltern. Als die beiden Töchter alt genug waren, eröffneten sie ihre eigene Bäckerei – auf quasi feindlichem Gebiet. Griesheim Süd, Griesheim Mitte und Griesheim Nord gibt es heute, durch Siedlungen und Baumaßnahmen wurde der ursprüngliche Südteil immer wieder erweitert. „Unsere Filiale war in der Waldschulstraße 1“, sagt sie. Obwohl das in Griesheim Mitte, auf der anderen Seite der Bahngleise liegt, war es ein perfekter Standort, denn hier war einst die Wendeschleife der Straßenbahnlinie 14. „Auf der einen Seite der Waldschulstraße gab es nur Äcker“, sagt sie, und ergänzt: „Kann man sich gar nicht mehr vorstellen heute, was?“

Endreß erinnert sich an polnische Gastarbeiter, die neue Kollegen mitbrachten, weil sie den Männern auch mal ein Brot verkauften, wenn die Filiale eigentlich schon geschlossen hatte. Sie lacht, wenn sie das erzählt, fast jugendlich ihre strahlenden Augen. Noch heute befindet sich an der Stelle eine Bäckerei, sie gehört zur Kette Eifler. Und noch heute leben in Griesheim viele, die die Namensendung „ski“ tragen, was auf ihre polnische Herkunft hindeutet.

Endreß liebt ihr Griesheim, sie engagiert sich im Geschichtsverein und arbeitet die Historie des Stadtteils auf. „Wenn man heute sagt, man wohnt in Griesheim, wird man immer noch komisch angeschaut“, sagt sie. „Dabei haben wir das schönste Mainufer.“ Der Ruf sei schlimm, schlimmer als die Realität.

Er rührt aus den 60er, 70er Jahren, als Kiefern- und Ahornstraße deutschlandweit berühmt wurden als soziale Brennpunkte. Ein Ghetto. „Seit 20 Jahren ist es ruhig dort“, sagt Endreß. „Es flackert hin und wieder kurz auf, aber es ist ruhig.“ Dennoch müsse man als Griesheimer immer noch um das Image kämpfen. Für Endreß hat Griesheim viel Lebensqualität, auch wenn ihr einiges fehlt. „Früher waren im Ortskern in fast allen Häusern Geschäfte unten drin und oben wohnten die Leute“, sagt sie. Nähmittel, Textilien - früher gab es das um die Ecke. Und Metzgereien, Bäckereien und Wirtshäuser gab es überall, heute sind sie nahezu verschwunden.

Zusammen mit ihrer ältesten Tochter hat sich Uta Endreß vor einigen Jahren ein altes Fabrikhaus gekauft. Während im Nordteil viele Hochhaus-Blöcke stehen, gibt es im alten Südteil überwiegend freistehende Häuser, auch deshalb ist das Leben hier noch erschwinglich. Nur ein weiteres Haus trennt sie vom Main, ihrem Lieblingsort. „Am Ufer gehe ich mit meinen Hunden spazieren“, sagt sie. „Dabei treffe ich immer Leute.“ Früher spielte sie hier als Kind, in der Maagass von Alt-Griesheim, bergab zum Griesheimer Ufer, rodelten sie im Winter. „Damals war das noch steiler“, sagt sie.

80 Jahre ihres Lebens hat Uta Endreß in Griesheim verbracht. Es ist ihr Ort, ihre Heimat. „Auch wenn ich irgendwann nicht mehr fahren oder gehen kann - hier vor meinem Haus auf der Bank sitzen und auf den Main schauen, das kann ich immer.“

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