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Goethehaus Ein Dreiklang im Großen Hirschgraben

Frankfurter finden sich gewöhnlich allenfalls zweimal dort ein: als Kinder, und wenn sie selber Kinder haben. Nach dem Auszug des Börsenvereins und der angekündigten Schließung des Volkstheaters ist nun in der Gasse Raum genug, um das Goethehaus zu einem Zentrum der Literatur zu machen.

Ansehnlich und funktionsfähig: Der Cantatesaal steht zur Disposition. Foto: Michael Schick

Frankfurter finden sich gewöhnlich allenfalls zweimal dort ein: als Kinder, und wenn sie selber Kinder haben. Nach dem Auszug des Börsenvereins und der angekündigten Schließung des Volkstheaters ist nun in der Gasse Raum genug, um das Goethehaus zu einem Zentrum der Literatur zu machen.

Am Großen Hirschgraben haben die Städtebauer der Moderne 1951 eine bittere Niederlage erlebt: In den Ruinen der Frankfurter Altstadt war das barocke Wohnhaus der Familie Goethe originalgetreu auferstanden – eine schlechte Kopie in den Augen jener, die „für eine neue Zeit nach neuen Formen suchten“, wie es OB Walter Kolb ausdrückte.

Wer sich heute im Großen Hirschgraben umsieht, glaubt in der verbauten Nachbarschaft der Goethestätte gleichsam die späte Rache der Meinungsführer der Wiederaufbaujahrzehnte zu erkennen. Dieser Ort, den Kulturamtsleiterin Carolina Romahn kürzlich als Nukleus der hiesigen Kulturlandschaft gedeutet hat, zeigt sich rückwärts und seitwärts von irgendwelchen Zweckbauten zugestellt und ins Abseits gerückt. Als die Städtebau-Professorin Christin Scheiblauer vor Jahren Architekturstudenten der Fachhochschule den Umbau des Quartiers als Aufgabe stellte, war sie „entsetzt festzustellen, wie die Umgebung aussieht“.

Nach dem Wiederaufbau hatte die Stadt Goethes Geburtshaus zunächst durch die überbreite Schneise der Berliner Straße vom Quartier der historischen Altstadt abgeschnitten. Dann zementierte die lange Rampe des Theatertunnels die abseitige Lage. Man versteckte die Goethestätte nach und nach hinter Parkhaus und Garagenhof, Büroriegel, Geschäftshaus und Firmensitz. Die Gasse des Großen Hirschgrabens „hat sich in Allerweltsarchitektur verwandelt“, stellt eine Chronik des Instituts für Stadtgeschichte heraus. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts freilich war dazu das grobe Raster gelegt worden: „Das große Anwesen Weißer Hirsch wurde durch Kaiserplatz, Bethmannstraße und das Hotel Frankfurter Hof überformt“, steht in der Bestandsaufnahme der Professorin Scheiblauer zu ihrer Studie mit dem Titel „Ideen für den Goetheblock“.

Die Gasse des Hirschgrabens hat sich in Allerweltsarchitektur verwandelt

Die Ländereien jenes „Weißen Hirsch“ reichten bis dahin, wo heute das Commerzbank-Hochhaus steht. Das Anwesen mit Haus und Hof gehörte der Kaufmannsfamilie Gontard, bei der ab 1796 der Dichter Friedrich Hölderlin als Hauslehrer beschäftigt war. Ein Grundstück mit einer besonderen Tradition in der Literaturgeschichte – wie das Goethehaus.

Aber kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Die Studenten empfehlen eine Stadtreparatur „durch Neuordnung im Blockinneren“. Sie schlagen zum Beispiel eine Passage vor, die das Goethehaus von der Bethmannstraße her freistellen und zugänglich machen würde. Auch das Kulturdezernat hat Pläne, die Stadtrat Felix Semmelroth unter dem Arbeitstitel „Goethe-Höfe“ anspricht. Der „literarisch ausgezeichnete Ort“ soll um „ein modernes, interaktives Museum“ der Romantik erweitert werden.

Visionen gibt es also, aber noch kein Konzept. So gibt es auch weder einen Beschluss noch Mittel im Haushalt. „Wir haben nichts“, informieren Kulturpolitiker der Römer-Koalition, besonders „keine Ahnung, wie die sich das vorstellen“. Schon fürchtet mancher „wieder so eine Wünsch-Dir-Was-Nummer“ und dass die Idee sich zu hohen Kosten auswächst. Um den jährlichen Betrieb des vom Freien Deutschen Hochstift avisierten Romantik-Museums zu bezahlen, rechnet die Stadt laut Kulturdezernat mit „einem mittleren sechsstelligen Betrag“.

Auch ohne Konzept ist im Großen Hirschgraben jedoch neuerdings Bewegung. Gerade weil ringsum viele Gebäude leerstehen: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat den Blockrand zur Berliner Straße nach über 50 Jahren geräumt. Mit dem angekündigten Auszug des Frankfurter Volkstheaters zum 30. Mai 2013 wird auch der Cantatesaal im Hof zur leeren Hülle. Es ist vom Abbruch des ansehnlichen Theatergebäudes mit der einnehmenden Freitreppe die Rede.

Die Veränderungen lassen die städtebauliche Misere deutlich zutage treten. Genauso deutlich liegen die Chancen auf der Hand. Zumal fast alle Grundstücke im Karree der Stadt, respektive der FAAG, gehören. Weitere Eigentümer sind der Steigenberger Konzern und Farben Jenisch, seit bald 110 Jahren am Platz. Der graue Büroklotz dieser Firma sorgt heute dafür, dass das Goethehaus von der Berliner Straße her nicht zu sehen ist.

„Es ist schon erstaunlich, wie es hier aussieht, mitten in der Stadt“, wundert sich im Goethehaus Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin der Träger-Institution Hochstift. Sie ist es, die die Chancen auf keinen Fall verstreichen lassen will. Die Goethe-Stätte soll erweitert werden, wie es um 1930 schon ihr legendärer Vorgänger Ernst Beutler plante, der für das Hochstift die Sammlung der „Frankfurter Romantik“ anlegte. Bohnenkamp will die Goethestätte „als ein Literaturmuseum“ neu konzipieren und „alle Gebäude gemeinsam erschließen“. Am liebsten von dem beschaulichen Hof aus, in dem noch das originale Sandsteinpflaster liegt.

Bohnenkamps Wunsch ist es, Verwaltung als auch pädagogische Abteilung des Hochstifts an die Ecke zur Weißadlergasse zu verlegen, damit südlich von Goethes Geburtshaus die Museumsarbeit konzentriert werden kann. Ein Anbau für die Sammlung der Romantik soll nach heutigem Stand den äußeren der beiden Goethe-Gärten umschließen. Um einen Ausstellungsraum zu gewinnen, soll der Garten unterbaut werden. Die Direktorin würde nämlich das stattliche Goethehaus gern „selbst zum Ausstellungsstück machen“. Für diese schöne Aussicht denkt sie sich eine Brücke, die über die alten Gartenmauern führen würde.

Doch eine solche Konstruktion würde den Blick vom Hof auf das Haus verstellen. Professorin Scheiblauer schlägt darum vor, den intimen Ort zu schonen und die Goethestätte entlang des Großen Hirschgrabens zu erweitern, wo Teile des Buchhändlerhauses zum Abbruch stehen. Früher nämlich bildete Goethes Geburtshaus mit den Giebeln der Nachbarhäuser einen städtebaulichen Dreiklang in der Gasse. Wie sich diese Ansicht, modern interpretiert, wiederherstellen ließe, dafür macht die Studie einige Vorschläge.

Planungsdezernent Olaf Cunitz will den gemeinsamen Ratschluss der Beteiligten

Wenn die Stadtverordneten entschieden haben, ob Frankfurt ein Romantik-Museum bekommt, wird die ABG Holding einen Architekten-Wettbewerb ausloben, kündigt ihr Chef Frank Junker an. Bis dahin herrscht viel Leerstand im Hirschgraben. Planungsdezernent Olaf Cunitz beabsichtigt zur Entwicklung den gemeinsamen Ratschluss der Beteiligten. Scheiblauers Studie, die ihm vorliegt, will er einbeziehen: „Die Idee vom Dreiklang der drei Giebel gefällt mir als Historiker.“

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