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Göpferts Runde Rainer Pudenz: Vagabund der Bühne

Seit drei Jahrzehnten zieht Rainer Pudenz mit der Kostümbildnerin Margarete Berghoff und seinem freien Opernensemble von Ort zu Ort. Das Vagabundenleben empfindet der Direktor der Kammeroper als "verlockend".

Opern-Vagabund Rainer Pudenz in seiner aktuellen Spielstätte. Foto: Alex Kraus

Die Polly stolziert in ihren schwarzen Schnürstiefeln in großen Schritten über die Bühne, auf ihre entsetzten Eltern zu, schmettert den Song der frisch Verliebten: „Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen, ja, da kann man doch nicht kalt und herzlos sein!“ Vom Klavier perlt die unsterbliche Musik von Kurt Weill zur Dreigroschenoper von Bertolt Brecht. Rainer Pudenz springt von seinem Klappstuhl auf in schwarzem T-Shirt, schwarzer Hose, rudert mit den Armen, unterbricht die Probe. Der Regisseur will das Lied noch ausdrucksvoller, das Entsetzen der Eltern über ihre Tochter, „die Schlampe“, noch expressiver. Ingrid El Sigai, die deutsch-ägyptische Sopranistin, setzt beim Lied der Polly Peachum neu an.

Doch das ist keine übliche Theaterprobe. Die Bühne ist schlicht das freigeräumte Wohnzimmer der Sängerin, die Regieassistentin hockt am Küchentisch, direkt daneben hängen die Schneebesen und Holzlöffel überm Herd. Denn das ist auch kein gewöhnliches Musiktheater: Die Kammeroper Frankfurt macht in einem Einfamilienhaus in Niederrad Station, wie schon öfter zuvor. Seit Rainer Pudenz 1982 gemeinsam mit der Kostümbildnerin Margarete Berghoff das freie Opernensemble gegründet hat, zieht es von Ort zu Ort, spielt in Sälen und Kirchen, im Sommer immer wieder in der Orchestermuschel des Frankfurter Palmengartens. Ein Vagabundenleben: Der Direktor kennt es gar nicht anders.

Verlockendes vagabundieren

Und der 58-Jährige will es auch gar nicht anders: „Es ist verlockend zu vagabundieren.“ Der Sohn eines Gastronomen-Ehepaares zündet sich eine von vielen Zigaretten des Nachmittages an, stößt genüsslich eine Rauchwolke aus, lacht: „Das Problem ist nur, dass die Leute nie wissen, wo die Kammeroper gerade ist.“ Die Dreigroschenoper zum Beispiel, die sie gerade proben, wird am 28. Februar in der Heiliggeistkirche im Dominikanerkloster am Börneplatz Premiere haben: „Eine Super-Location“, in der sie allerdings zum ersten Mal unterkommen.

Der Regisseur und sein Ensemble sind eine prekäre Existenz gewohnt: permanente Selbstausbeutung, ständig in Sorge um die Finanzierung der nächsten Produktion: „Wir müssen immer nach Geld suchen.“ Ein bisschen gibt es von der Stadt, ein wenig auch von privaten Stiftungen. Pudenz verzieht das Gesicht: „Die Jammerei um das Geld habe ich langsam satt.“ Er will nicht jammern, nicht betteln: Dazu ist er eigentlich viel zu stolz, zu selbstbewusst. Das Wort „Sponsor“, das die großen Frankfurter Kulturinstitutionen wie Städtische Bühnen oder Städel ständig im Mund führen, ist für ihn „gespenstisch“. Sponsoren, die finanzieren aus seiner Sicht „nur Repräsentationsprojekte“.

Die Kammeroper, sie steht für die freie Kultur-Szene in der Stadt Frankfurt. Einer Stadt, in er es so viel privaten Reichtum gibt – und doch ist die freie Szene so arm. Mit anderen privaten Theaterdirektoren ist auch Pudenz Sturm gelaufen gegen die neuen Förderrichtlinien der Stadt Frankfurt für freie Kulturgruppen: Sie knüpfen die Unterstützung der Kommune jetzt an den Nachweis des wirtschaftlichen Erfolges. „Das ist völlig absurd“, schnaubt der Direktor. Und wehrt sich dagegen, „dass ich jetzt begutachtet werde“.

Die Kammeroper sieht sich als wirkliches Gegenstück, aber auch als „Ergänzung“ zur „großen“ Oper. Pudenz springt auf, gestikuliert. Die städtische Oper hat sich in seinen Augen in Frankfurt weit von ihren legendären Zeiten in den 70er Jahren entfernt: Damals arbeitete er im Haus als Garderobier, war zuvor im Alter von 13 Jahren „von zu Hause abgehauen“.

"Oper ist meine große Liebe"

Es war die Phase, in der die Städtischen Bühnen mit dem vom damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) angestoßenen Mitbestimmungsmodell einen gesellschaftlichen Aufbruch versuchten: Weg von der Allmacht eines Generalintendanten. Parallel begannen auch Opern-Regisseure wie Hans Neuenfels mit gesellschaftskritischen Inszenierungen: Legendär wurde seine Produktion der „Aida“, in der die Titelheldin als Putzfrau (!) auftrat.

„Es war eine goldene, eine sehr spannende Zeit“, urteilt Pudenz heute. Die „Oper im Umbruch“ zog ihn magisch an: Er wurde Regieassistent beim Frankfurter Intendanten Christoph von Dohnányi, später arbeitete er in gleicher Position an den Opern von Stuttgart, Essen und Freiburg. „Oper ist meine ganz große Liebe, ganz klar!“

Heute, mehr als 35 Jahre später, hat der Rebell von damals schlohweiße, nur noch spärliche Haare. Und er hadert mit der städtischen Opern-Bühne, die unter ihrem Intendanten Bernd Loebe in die erste Reihe der europäischen Häuser aufgestiegen ist. Pudenz erinnert sich noch an die 80er Jahre, in denen Loebe als Journalist öfter die Aufführungen der Kammeroper besucht habe: „Er hat sehr freundlich über uns geschrieben.“

Heute präsentiere sich die Frankfurter Oper recht abgehoben. Das beginne schon damit, dass die Inszenierungen in Fremdsprachen gezeigt werden: „Mindestens 25 Prozent des Publikums verstehen überhaupt nichts.“ Die von der Oper gezeigten Übertitel in Deutsch findet der Regisseur „grauenhaft“. Es sei einfach wichtig, dass die Besucher die Stücke auch verstünden: „Wir machen alles auf Deutsch.“ Oft präsentierten die Sänger in der „großen“ Oper ihre Partien wie „auswendig gelernt“.

Die Kammeroper pflegt mit ihrem Gründer vor allem die Opera buffa, also die komische Oper, die musikalische Komödie. Pudenz bringt Rossini und Donizetti, aber auch Giovanni Battista Pergolesi aus dem 18. Jahrhundert auf die Bühne, oder Operetten von Jacques Offenbach. „Das ist wunderschöne Musik – und ich liebe es, unbekannte Diamanten auszugraben.“

Hinter dem Chef an der Wand hängt ein Werbeplakat der Kammeroper für die Inszenierung der „Lustigen Witwe“ von Franz Lehár. Da ist Pudenz mit einer roten Clownsnase zu sehen. „Clowns sind mir sehr nahe.“ Er liebt es, wenn es auf der Bühne rau und laut zugeht: „Wir wollen schon provozieren, Themen zur Diskussion stellen.“

Die Probenpause ist zu Ende, die Akteure kehren auf die Wohnzimmer-Bühne zurück. Ingrid El Sigai steigt mit großer Geste noch einmal in das Lied der Polly Peachum ein: „Ach, es schien der Mond die ganze Nacht und es ward das Boot am Ufer losgemacht …“

Berlin lockt Pudenz nicht

Der Regisseur dirigiert mit. Er ist glücklich. Er liest die Dreigroschenoper auch als Kritik an der bürgerlichen Familie. „Und das Stück erzählt von der Geldgier.“ Direkte „Politpropaganda“ dagegen lehnt er ab: „Keine Sprüche wie: Nieder mit dem Kapitalismus!“

Das Ensemble zieht es vor, seine kritische Sicht der bürgerlichen Gesellschaft lieber indirekt, in feinen Dosen zu vermitteln: „Kapitalismuskritik ist bei uns immer immanent.“ Aber Pudenz liebt es eben, auch komödiantische Akzente zu setzen.

Sein Leben als Vagabund des Theaters – wie wird es enden? Eine große Rauchwolke kringelt sich zunächst als Antwort bis unter die Decke des Wohnzimmers. Schweigen. Dann, trotzig: „Ich mache weiter, bis ich umfalle.“
Es ist nicht einfach. Der Zeitgeist in der Kultur hat sich verändert. „Es ist wieder konservativer geworden.“ Früher sei man in Jeans in die Oper gegangen, heute werde wieder Smoking und Abendkleid getragen. Die Oper als Unterhaltung nur für die feinen Stände, als „gesellschaftliches Ereignis“, ist wieder en vogue. Die Kammeroper stemmt sich gegen diese Entwicklung.

Es wird Nachmittag. Draußen in Niederrad zieht feiner Nebel auf. Die Konturen der Nachbarhäuser verschwimmen. Pudenz wirkt nachdenklich. „Ich bin glücklich, wenn die Leute kommen und mit Lust und Engagement zuschauen.“ Und wenn er bei der Vorstellung sieht: „Es sind Emotionen geweckt worden.“

Zum Glück steht das Ensemble zusammen. „Wir betrachten uns als Freunde.“ Mit Ingrid El Sigai zum Beispiel arbeitet er schon seit mehr als 20 Jahren zusammen. „Es gibt einfach ein großes Vertrauen zwischen uns,“ sagt der Regisseur liebevoll. Er holt aber auch immer wieder neue Talente ins Team, „frisch von der Hochschule“ für Musik und Darstellende Kunst.

In all der Zeit hat Rainer Pudenz Frankfurt die Treue gehalten. Berlin, das angebliche Eldorado der alternativen Theaterszene, lockte ihn nicht. „Berlin ist nicht mein Ding.“ Und dann das Bekenntnis: „Frankfurt ist die intelligentere Stadt.“

Er liebt die freie Szene in der Stadt, all die anderen Kollegen, die sich mit Theater durchschlagen: Willy Praml etwa in der Naxoshalle oder Reinhard Hinzpeter vom Freien Schauspiel Ensemble. „Das ist einfach klasse in Frankfurt.“ Es gebe Gemeinsamkeiten: Nicht nur die „prekären Verhältnisse“.

Nein, auch gegen die neuen Förderrichtlinien der Stadt haben sie sich „gemeinsam gewehrt“. Aber jetzt muss Pudenz wirklich zurück zur Probe.

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