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Göpferts Runde: Pegah Ahmadi Dichterin im Sachsenhäuser Exil

Seit bald zwei Jahren lebt die iranische Autorin in Frankfurt. Sie floh aus dem umkämpften Teheran. Sachsenhausen ist ihre neue Heimat.

Exil in Frankfurt: Die iranische Dichterin Pegah Ahmadi. Foto: Boeckheler

Seit bald zwei Jahren lebt die iranische Autorin in Frankfurt. Sie floh aus dem umkämpften Teheran. Sachsenhausen ist ihre neue Heimat.

Ein sanfter Sommerregen lässt das Kopfsteinpflaster glänzen in den Gassen von Alt-Sachsenhausen. Sie sind die neue Heimat von Pegah Ahmadi. Es geht an den manchmal schmuddeligen Bierschwemmen mit den „eat what you can“-Schildern vorbei, an Pommes-Gerüchen und Fetzen lauter Disco-Musik. Hölzerne Stühle und Tische stehen verwaist im Regenschleier.

Ahmadi liebt diese Wege, vor allem, wenn sie ruhig liegen und die Menschen sich hier nicht dicht an dicht drängen. Wenn sie es in ihrer Wohnung nicht mehr aushält, „dann versuche ich, hier herauszugehen und zu laufen, einfach zu laufen“. Manchmal wird sie zuhause plötzlich von einem Weinkrampf geschüttelt, „manchmal bin ich sehr traurig“.

Atmosphäre der Todesangst

Auch jetzt scheinen ihre großen dunklen Augen hinter der Brille von Zeit zu Zeit zu schwimmen. Die Tränen kommen, wenn die 37-Jährige neue, schreckliche Nachrichten aus dem Iran erhält. „Ich erfahre, dass ein Freund, eine Freundin gefoltert wurde oder hingerichtet.“ Im September 2009 wurde die iranische Dichterin direkt aus dem Albtraum des Volksaufstandes, der Demonstrationen, der Kämpfe in ihrer Geburtsstadt Teheran nach Frankfurt katapultiert. Einfach so, per Flugzeug, binnen weniger Stunden, aus einer Atmosphäre der Todesangst in die beschauliche Sattheit der reichen deutschen Kommune.

Im Rahmen des Programms „Städte der Zuflucht“, das politisch verfolgten Autoren aus aller Welt Obdach gewährt, nahm Frankfurt sie auf. Bis heute kämpft sie mit den Gegensätzen des Lebens hier und dort: „Es ist nicht einfach.“ Sie streift durch die weißen Zimmer ihrer kleinen Wohnung, die immer noch recht leer ist; das rote Sofa setzt einen bunten Kontrapunkt und der gelbe Ball der Lampe, der von der Decke hängt. Ein kleines Regal, gefüllt mit einigen schmalen Bänden in Farsi.

Pegah Ahmadi kauert sich in den Sessel, scheint in sich hineinzuhören. Exil. Wie fühlt sich das an? „Ich vermisse so viele Dinge“, sagt sie leise. „Ich vermisse meine eigene Sprache, ich denke natürlich noch immer in Farsi.“ Englisch hatte sie als Übersetzerin und Literaturkritikerin schon in Teheran gesprochen und geschrieben, in Frankfurt paukt sie intensiv in Deutschkursen. Und von Zeit zu Zeit, wenn sie sich ganz mutig fühlt, fällt sie für ein, zwei Sätze ins Deutsche.

Aber Heimat? Nein, Heimat fühlt sich anders an. Gewiss, da sind der Römerberg und die Hauptwache, die sie als Orte liebgewonnen hat. Und das nahe Mainufer, das einen weiten Blick erlaubt, an das es sie immer wieder zieht. „Ich habe von Anfang an versucht, keine Isolation zuzulassen“, sagt sie trotzig.

„Wie betäubt“

Aber das sagt sich so leicht. Im ersten Jahr nach der Flucht lebte sie „wie betäubt“. Die Gedanken gingen zurück nach Teheran, wo ihr Vater noch immer lebt. Der ehemalige Herausgeber, stets von Verhaftung bedroht. Mit acht Jahren hatte Pegah begonnen, Gedichte zu schreiben, mit 17 Jahren wurde sie bekannt, als die ersten Poeme in Zeitschriften erschienen.

Es begann eine Karriere, von 1999 an erschienen etliche Bücher. Gedichtsammlungen. Übersetzungen westlicher Dichterinnen, denen sie sich nahe, verwandt fühlt, wie etwa der US-Amerikanerin Sylvia Plath. Die Literaturwissenschaftlerin unterrichtete an der Filmhochschule in Teheran, sie gab als Chefredakteurin die Literaturzeitschrift „Paperik“ heraus. Sie durfte immer wieder nach Europa reisen, etwa als einzige Iranerin 2006 zum Poesie-Festival in Rotterdam. Es schien ein politischer und künstlerischer Frühling zu herrschen im Land der Mullahs.

Doch dann war es plötzlich vorbei. Die Zensurbehörde verweigerte Publikationen, „Paperik“ wurde verboten. Die Demonstrationen begannen – Pegah streifte sich das Grün der Opposition über und zog mit, jeden Tag. Verhaftungen, die ersten Freunde verschwanden. In Frankfurt traf sie viele Landsleute, die fliehen mussten, die ältesten waren ironischerweise vom Regime des Schahs vor der „Revolution“ der Mullahs 1979 vertrieben worden.

Exil in Frankfurt. In der glitzernden Bankenstadt. Etliche Iraner hier „beschweren sich über die Deutschen“. Kaltherzig seien sie und abweisend. Ahmadi kann das nicht nachvollziehen. „Ich hatte keine schlechten Erfahrungen.“

Das erste Lächeln huscht über ihr Gesicht. Schmal und zerbrechlich wirkt sie, wie sie da im Sessel hockt. Doch das täuscht. Heute geht sie auf die Deutschen, auf die Frankfurter zu. „Für mich ist es leicht, in Kontakt zu kommen – ich hatte keine schlechten Erfahrungen“, wiederholt sie. In Cafés, auf der Straße, so erzählt sie, traf sie „freundliche und respektvolle Leute“.

Mittlerweile hat sie vor Schulklassen gelesen. Ihre überraschende Erfahrung dabei: „In Europa schlägt ein Herz für Poesie.“ Sie greift zum Notizblock und beginnt zu schreiben, wenn Eindrücke sie bestürmen. Wie etwa kürzlich, in der Expressionismus-Ausstellung in der Kunsthalle Schirn. Aber das Lebn im Exil verändert ihr Schreiben: „Früher war ich poetischer, jetzt bin ich politischer.“

Erinnerung an getötete Freunde

„How courageous is my Tehran!“ heißt eines ihrer jüngeren Gedichte, in dem sie die Erinnerung an getötete Freunde beschwört:

„How courageous is my Tehran,

The more it’s butchered

the louder the echoes become,

oh oh oh

Dear Neda!

Dear Sohrab!, Dear Kianoosh!,

Dear Peyman!,

Dear Taraneh!

I want to embrace the stained earth und weep from my heart.“

Der Regen hat nicht nachgelassen, ist dichter geworden. Ahmadi versucht in diesen Tagen, sich an einen schrecklichen Gedanken zu gewöhnen: Ihr Exil wird länger dauern. Im September bricht sie von Frankfurt nach Providence (Rhode Island) auf. An der Brown University dort wird sie leben und unterrichten. Die USA als nächster Fluchtpunkt. Aber sie ist „voller Hoffnung“.

Die Geschichte, sagt Pegah Ahmadi, „zeigt uns, dass kein Regime, das zu solcher Gewalt, zu solcher Folter greift, für eine lange Zeit überlebt.“ Aber sie will unbedingt nach Frankfurt zurückkehren. In die Gassen, die ihr Zuflucht geboten haben.

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