Lade Inhalte...

Göpferts Runde mit Ernst Gerhardt Schwarze Eminenz

Der frühere Frankfurter Kämmerer Ernst Gerhardt hat 30 Jahre in der Stadtregierung gearbeitet und damit einen Rekord aufgestellt. Jetzt feiert er seinen 90. Geburtstag - und trainiert immer noch regelmäßig im Fitness-Studio, hadert mit dem Aufstieg der Grünen und glaubt nicht an den Klimawandel.

Im Dom hält Ernst Gerhardt Zwiesprache mit Gott - und mit Claus-Jürgen Göpfert.

Aufbruch zum Dom. Der kleine, untersetzte Mann prüft im Spiegel sorgfältig den Sitz seines dunklen Anzugs. Mit Weste. Er lächelt zufrieden. „Ich bin immer bedacht darauf, dass ich perfekt bin“, sagt Ernst Gerhardt. Legt eine kaum wahrnehmbare Pause ein: „In der Kleidung.“ Der Sohn eines gelernten Schneiders und einer gelernten Schneiderin wurde schon von den Eltern dazu angehalten, auf sein Äußeres zu achten. „Wir drei Buben waren immer ordentlich angezogen.“ Damals, in den 20er Jahren, im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Denn der CDU-Politiker Gerhardt, der mit drei Jahrzehnten in der hauptamtlichen Frankfurter Stadtregierung einen Ewigkeits-Rekord aufstellte, feiert am 10. September seinen 90. Geburtstag.

Wer ihn durch sein Büro an der Neuen Kräme wuseln sieht – „ich bin jeden Tag um neun, halb zehn hier“ – der ist schlicht fasziniert von seiner Vitalität. Das Telefon klingelt im Nebenraum, er federt hin. Seine Besucher mit seiner Beweglichkeit zu verblüffen, ist dem früheren langjährigen Stadtkämmerer ein bleibendes Vergnügen. Wie um das Rätsel aufzulösen, trinkt er ein volles Glas Mineralwasser in einem Zug aus und erzählt nebenbei vom Training. Im Fitness-Studio, das er regelmäßig besucht, „fahre ich erst mal ’ne Dreiviertelstunde Fahrrad und gehe dann auf dem Laufband 4,5 Kilometer“. Danach, schmunzelt Gerhardt, „zwei Gänge in der Sauna – dann ruhe ich mich aus“.

Kein Verfechter der Altstadt

Es ist ein heißer Tag. Dem Besucher bricht der Schweiß aus. Jetzt aber endgültig: Auf zum Dom. Fehlt nur noch der weiße Strohhut. Ohne Hut geht der gelernte Kaufmann nie aus dem Haus. Seine Überzeugung: „Zur guten Herrenkleidung hat schon immer ein Hut gehört.“ Mit einer Hand rückt er die Kopfbedeckung leicht zurecht – perfekt.

Draußen, im Gedränge der Passanten zur Berliner Straße hinunter, kreist das Gespräch rasch um die Vergänglichkeit. Den raschen Wandel des Stadtbildes, der sich in Frankfurt vielleicht so schnell vollzieht wie in keiner anderen deutschen Kommune. Der gebürtige Bockenheimer denkt darüber nach, was vom Stadtteil seiner Jugend geblieben ist. „Den Kurfürstenplatz und die Elisabethenkirche erkenne ich noch wieder.“ Aber der Ehrenvorsitzende der Frankfurter CDU hängt nicht am Alten. „Ich bin ein Mensch, der in die Zukunft blickt“, sagt er und ist kaum zu verstehen angesichts des hupenden Autostaus auf der Berliner. „Ich empfinde keine Wehmut: Die Welt muss sich erneuern.“ Was Wunder, dass er bekennt: „Ich bin kein großer Verfechter der historischen Altstadt.“

Es geht über den Paulsplatz, unter den Bäumen hindurch. Für alle Propagandisten eines Wiederaufbaus von Frankfurts historischem Zentrum hat der Fußgänger nur ein knappes „Unsinn“ übrig. Nein, Gerhardt erinnert sich noch zu gut an die reale Altstadt vor der Zerstörung durch die Bombenangriffe von 1944. „Die Wohnungen dort waren nicht eben, die Toiletten waren schwierig, es war eng.“ Alles andere als erstrebenswert. Der 89-Jährige lacht das kurze, grimmige Lachen, das manchmal aus ihm herausbricht: „Wissen Sie, die Verfechter der Altstadt wohnen in Zukunft todsicher nicht drin.“ Rechter Hand jetzt der Römer, seine Wirkungsstätte über Jahrzehnte. Er hat noch erlebt, wie beim Wiederaufbau „die Planer in der Stadt große Sünden begangen“ haben. Den Resten der Altstadt wurde in seinen Augen „Gewalt angetan – es gab sehr viel Erhaltenswertes noch“. Doch die Politiker in den 50er und 60er Jahren hätten es opfern wollen: „Das war Absicht.“

Lieblings-Feindbild der Linken

Ein nachdenklicher Blick aufs Rathaus. Dass bei der OB-Wahl 2013 ein Stadtoberhaupt der Grünen hier Einzug halten könnte, will er einfach nicht glauben. „Unsere Leute müssen kämpfen!“, ruft er plötzlich energisch, und noch einmal: „Politik heißt Kampf!“

Und plötzlich ist alles Weiche, Verbindliche von dem Mann abgefallen, der in den 80er Jahren als Kämmerer das Lieblings-Feindbild der Linken in Frankfurt war. Der mit den Bordell-Bossen im Bahnhofsviertel über die Räumung des Quartiers verhandelte, ihnen weit entgegenkam – und doch scheiterte. Der der Kommune manch teuren Vertrag mit privaten Partnern einbrockte, an dem sie bis heute noch zu knabbern hat. „Politik ist keine bequeme Sache“, brummt der frühere Sozial- und Jugenddezernent. Und bekennt sein Motto, an dem er bis heute festhält: „Ich unterstütze tüchtige Leute.“

Jahrzehntelang hat er politische Karrieren gemacht, gefördert. Über dem Sofa in seinem Büro hängt eine Collage von schwarz-weißen Fotografien – eine Sammlung der von ihm Unterstützten, auch die junge Petra Roth, die spätere Oberbürgermeisterin, ist darunter. Auch heute noch nimmt auf diesem Sofa Platz, wer etwas werden möchte – in der CDU und darüber hinaus. Wen er als OB-Kandidaten der CDU 2013 sieht? Gerhardt wehrt energisch ab, will nicht mehr weiterreden.

Jeden Sonntag betet er im Dom

Er hadert lieber mit den Grünen und ihrem Erfolg. „Ob die Grünen von heute sich so viel in der Natur bewegen, wie ich seinerzeit als St.Georgs-Pfadfinder, ziehe ich stark in Zweifel.“ Dem gläubigen Katholiken gefällt dieser Satz, jetzt lacht er wieder. „Ich war der erste Umweltdezernent 1960 – ich habe als Gesundheitsdezernent sogar Fabriken geschlossen, wegen der Abgase.“ Und hat er sich nicht mit der mächtigen Hoechst AG angelegt, weil’s immer wieder stank und tote Fische im Main trieben? Na also: „Ich bin ein Mann der Tat!“ Die Sache mit dem Klimawandel glaubt er bis heute nicht. „Es ist menschlicher Hochmut, zu denken, dass wir mit unserem Verhalten das Klima beeinflussen können.“ Nein, er ist überzeugt, “dass sich das Klima so verändert, wie es sich in all den Jahrhunderten verändert hat“. Als Beispiel dient ihm das Konzil, zu dem Karl der Große 794 einlud. „Damals im Februar war ganz mildes Wetter.“

Jetzt ist der Dom erreicht, im Inneren angenehm still und kühl im Halbdunkel. Gerhardt nimmt den weißen Strohhut ab, schlägt das Kreuzzeichen. Hier betet er jeden Sonntag, hier hält er Zwiesprache mit Gott. Aber es gibt auch weltliche Aufgaben: So gehört er dem Diözesan-Kirchensteuerrat an, der festlegt, wofür die Steuereinnahmen verwendet werden. Gerhardt ist Träger des Komturkreuzes mit Stern des Gregoriusordens, als einer von drei Männern in Deutschland: „Dadurch habe ich Anrecht auf einen Sitzplatz im Vatikan.“ Er verteidigt Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst gegen alle Vorwürfe luxuriösen Lebenswandels: „Ich kann von einem Bischof nicht verlangen, dass er einen VW fährt.“ Und „eine eigene Kapelle zum Beten, das muss man ihm zugestehen“.

Auf der hölzernen Bank im Angesicht des Altars spricht Ernst Gerhardt über den Tod. „Für mich ist der vorherrschende Gedanke heute, Abschied zu nehmen.“ Am liebsten wäre ihm, „am Abend vorher die ganze Familie um mich zu haben und Beethoven zu hören“. Und dann zu gehen. Friedlich.

Aber er hat es nicht in der Hand. Und so setzt er denn beim Verlassen des Doms seinen Strohhut wieder auf. Es wartet der nächste Termin. Er lacht plötzlich übers ganze Gesicht. „Meine Devise ist: Fröhlich ins nächste Jahrtausend!“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen