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Göpferts Runde Marlene Haas: Firmennetzwerk für Nachhaltigkeit

Die 25-jährige Unternehmerin Marlene Haas tritt mit einem Netzwerk von Firmen für Nachhaltigkeit ein. Mittlerweile haben sich 25 Firmen zusammengeschlossen.

Marlene Haas ist mit ihren 25 Jahren alles andere als am Boden. Foto: Andreas Arnold

Die Dämmerung bricht herein. Die Berger Straße ist ein einziger, zähfließender, hupender Autostau. Fußgänger huschen im Scheinwerferlicht zwischen den Stoßstangen durch. Durch die Fensterscheibe des „Wiesenlust“ sieht alles ein wenig unwirklich aus. Hier drinnen duftet es intensiv nach Curry und anderen Gewürzen, die Tische sind gut besetzt. Die Speisekarte offeriert „Hot Veggi“, die vegetarische Bratwurst, aber auch den Quitte-Hirse-Buchweizenbratling. Für den, der vom Fleisch partout nicht lassen kann, ist auch der Burger „Martinsglück“ im Angebot. Marlene Haas ruft an: Sie kommt später, die Rush-hour hält sie noch in Atem.

So ein Abend an der vielbefahrenen Berger Straße führt vor Augen, was umweltpolitisch noch immer schief läuft in Frankfurt. Und zugleich machen einige Restaurants und Läden hier „Lust auf besser Leben“: So heißt der Zusammenschluss von mittlerweile 25 Betrieben, den die 25-jährige Unternehmerin Haas gegründet hat. Ihr gemeinsames Thema: Ökologisch sinnvolle Alternative in verschiedensten Bereichen, von der Nahrung bis hin zu wasserfreien Toiletten, von der Druckerei bis zur Bio-Gärtnerei.

Die Jung-Unternehmerin schneit herein, im Jeans-Rock und gelbem Pulli, erst ein wenig atemlos, doch sofort hochkonzentriert im Gespräch. Sie spricht langsam und überlegt, bestellt sich erst mal ein Bier. Es scheint unglaublich, was die gebürtige Bornheimerin in ihrem jungen Leben schon alles auf die Beine gestellt hat. In der zwölften Klasse ging sie vom Gymnasium ab, ersparte sich den ungeliebten Rest bis zum Abitur: „Ich bin jemand, der nur das machen will, wozu mein Bauch ja sagt.“ Mit 19 Jahren war sie von zuhause weg, zog in eine Wohn-Gemeinschaft, begann eine Ausbildung zur Veranstaltungs-Kauffrau im Hessenpark, weil sie Denkmalpflege interessierte. „Und ich wollte mein eigenes Ding machen.“ Das war das Wichtigste. Das Abi sausen lassen: Die Eltern waren nicht gerade begeistert, „es war ein Thema“, sagt die Tochter knapp.

Mehr nicht. Sie hat sich durchgesetzt. Noch während ihrer Ausbildung im Hessenpark jobbte sie als Technikerin im Konzertzentrum „Brotfabrik“ in Hausen, wo sie schon früh als Schülerin gerne hingegangen war, auf den Spuren ihrer Lieblingsmusik: Alternative und Indie Rock. Im März 2011, mit 21 Jahren, machte sie sich selbständig, begann Veranstaltungen zu organisieren, als erstes im Auftrag des Frankfurter Bündnisses für Familien: „Da hab ich für das Stadtteilbüro Höchst die Eröffnungsfeier gemanagt.“

Die Unternehmerin nimmt einen langen Schluck vom Bier. Das hört sich alles so einfach, so selbstverständlich an, wenn sie erzählt. War es natürlich nicht. Es gab Rückschläge, große Selbstzweifel. „Ende 2011 war ich kurz davor, eine Stelle im Städel-Museum anzunehmen.“ Doch die Flucht in die Festanstellung: Das wäre Kapitulation gewesen.

Das bessere Leben

Gerade noch rechtzeitig kam der „Heldenmarkt“: Diese Verbrauchermesse für nachhaltigen Konsum, bekannt aus Berlin, holte sie nach Frankfurt. „Der Auftrag kam unerwartet.“ War aber der Durchbruch. In der „Wiesenlust“, einem der Mitgliedsbetriebe von „Lust auf besser Leben“, ist jetzt richtig Hochbetrieb. Großes Stimmengewirr, es wird langsam schweißtreibend warm im Licht der Tisch- und Deckenlampen.

Wir reden über das andere, das bessere Leben. Haas versteht sich selbst nicht als fanatische Kämpferin. „Alle fahren Auto“, sagt sie mit Blick auf den Stau draußen, „alle fressen Burger.“ Es ist ohne Zweifel eine große „Entfremdung von sich selbst.“ Sie hat viel darüber nachgedacht, wie sich das verändern lässt. „Dieses dogmatische Verurteilen falscher Lebensweisen bringt gar nichts.“ Ihr Motto heißt: „Nicht verurteilen, sondern gemeinsam verändern.“ Den Fehler, zu dogmatisch aufzutreten, haben ihrer Meinung nach auch die Grünen gemacht, mit ihrem „Veggie Day“: „Das war falsch kommuniziert – man muss das durch die Blume machen.“

So hat sie auch selbst begonnen, ihre Ernährung langsam zu verändern: „Jeden Tag Fleisch essen ist Scheiße“. Deswegen ist sie noch keine vollständige Vegetarierin. Oder das Beispiel Autofahren: Sie selbst hat kein Auto, „mein Freund hat eines“. Sie lacht. Zu ihrem Netzwerk zählen auch Betriebe, die Kleidung aus biologisch erzeugten Stoffen herstellen. Wichtig sei es, erst einmal aufzuklären, „wo ich überhaupt nachhaltig produzierte Kleidung bekomme“. Natürlich sieht sie auch die Scharen junger Mädchen, die im Vorweihnachtstrubel mit Tüten voller Billigklamotten von der Zeil kommen. „Als ich 13 Jahre alt war, dachte ich auch so.“

Ihre Lösung heißt auch hier: „Nicht mit dem Finger auf die Leute zeigen.“ Ihr Netzwerk mit drei festangestellten Mitarbeitern bekommt Fördergeld von der Europäischen Union. Im Januar wollen sie es alsgemeinnützige GmbH eintragen lassen. Noch mehr als bisher wollen die Betriebe gemeinsam werben. Längst beraten sie andere Firmen bei der Umstellung auf ökologische Produktionsverfahren. Organisieren Veranstaltungen wie Mini-Märkte für nachhaltige Produkte. Der nächste logische Schritt wäre, bei Schülerinnen und Schülern Aufklärungsarbeit zu leisten: „Eigentlich müssten wir in die Berufsschulen gehen.“

Natur wird den Menschen überleben

Doch da lauert eine große Gefahr. „Ich muss aufpassen, mich nicht zu verzetteln“. Seit 2014 gehört die Unternehmerin auch der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) an, seit Sommer ist sie IHK-Vizepräsidentin. Führt den IHK-Arbeitskreis für Nachhaltigkeit. Seitdem sind über sie seltsame Porträts erschienen, über die sie nur noch lachen kann: „Die tätowierte Vize-Präsidentin“ beispielsweise. Weil sie auf einer Schulter ein kleines Tattoo trägt.

Wer mit Marlene Haas spricht, dem fällt etwas Erstaunliches auf: Sie ist nicht negativ, anklagend, oder gar wütend, wie es in ihrem Alter so selten nicht ist. Gewiss, der ökologische Niedergang, die Klimaveränderung mit all ihren negativen Folgen machen sie „oft traurig.“ Und sie unterstützt natürlich auch Unterschriftensammlungen gegen das Freihandelsabkommen zwischen Europäischer Union und USA. „Aber Demos und Aktionen sind nicht mein Weg“, sie setzt auf beharrliche Überzeugungsarbeit, um etwas zu verändern. „Ich bin eher immer für etwas als dagegen.“

Es gibt Grundüberzeugungen, an denen sie festhält. Die Natur wird den Menschen überleben. „Die Natur wird sich zurückholen, was ihr gehört“, sagt sie nachdenklich. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr praktiziert die junge Frankfurterin Yoga. Diese philosophische Lehre mit ihren praktischen Übungen hat bei ihr viel verändert. „Ich habe gelernt, mit mir selbst gut umzugehen.“

Zugleich hat Yoga sie freier gemacht. „Ich habe nicht so viel Angst, etwas zu verlieren.“ Denn tatsächlich besitzt sie auch nicht viel. Wieder ein langer Schluck aus dem Bierglas. „Ich brenne für Veränderung, für Besitz brenne ich nicht.“ Manchmal träumt Haas von diesem, ihrem Frankfurt der Zukunft. Wieder der Blick hinaus auf die Berger Straße, die jetzt im Dunkeln liegt. Der Verkehr beruhigt sich langsam. „Ich träume davon, das es statt der abgestellten Autos Hochbeete mit Obst und Gemüse auf der Berger gibt.“ Sie wünscht sich mehr individuelle Läden statt der ewigen Ketten-Filialen. Breite Fahrradstraßen in der Stadt, große Plätze mit viel öffentlichem Raum für die Menschen.

„Ich liebe Frankfurt!“

Denn tatsächlich ist die junge Frau, wie sie lächelnd bekennt, eine „Lokalpatriotin“: „Ich liebe Frankfurt!“ Sie war immer wieder in Berlin in jüngster Zeit, das viele Menschen ihres Alters so magisch anzieht. Haas nicht. „Es ist mir zu anonym – ich empfinde es als unheimlich schwer, dort Anschluss zu finden.“ Noch ist die Frankfurter Stadtgesellschaft der Gegenwart eher ernüchternd. Die hohen Mieten fallen ihr da ein, sicherlich. „Es ist ein Unding, dass schon eine kleine Stadtwohnung ab 500 Euro aufwärts kostet.“ Schwerer aber wiegt für sie die zunehmende „Vereinsamung“ etlicher Menschen: „Vielen geht es seelisch nicht gut.“ Ja, „das Gemeinschaftliche“ ist in der Stadt „total ausbaufähig.“

Manchmal, das gibt die Unternehmerin zu, gestattet sie sich kleine Fluchten aus der Gegenwart der Stadt. Das sind dann ihre Reisen, die meist auf noch ziemlich abgelegene Inseln führen, nach Madeira etwa oder nach Réunion im Indischen Ozean. Die Unternehmerin seufzt. Ja, diese langen Flugreisen, das weiß sie wohl, sind ökologisch nicht so ganz konsequent.

Das Bier ist geleert. Zeit für ein weiteres Geständnis. „Ich rauche auch immer noch, obwohl ich weiß , dass es für mich schlecht ist.“ Veränderungen, das weiß Marlene Haas, geschehen „nicht Huschi-Huschi“.

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