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Göpferts Runde Jutta Ditfurth: Gegen alle Mauern

Vor 30 Jahren zog sie mit der ersten Fraktion der Grünen ins Frankfurter Stadtparlament ein. Dort sitzt sie heute wieder: Als Einzelkämperin der Gruppe Öko-Linx. Claus-Jürgen Göpfert hat die unermüdliche Revoluzzerin getroffen.

FR-Journalist Claus-Jürgen Göpfert trifft Jutta Ditfurth.

Sie kommt zu Fuß den Oeder Weg hinab. Und sie kommt ein wenig zu spät. Das ist ungewöhnlich. Aber das Fahrrad streikte. Sonst ist alles wie immer. Das Nordend, Heimat seit Jahrzehnten. Die Klamotten: Hosen und ein bequemer Blouson. Sie verweigert sich Moden. Das ist so ein Kennzeichen der Frau, die wie wenige öffentliche Personen in Deutschland polarisiert, ob sie in Fernseh-Talkshows auftritt oder auf der kleinen Bühne des Frankfurter Stadtparlaments. Ein sonniger Spätsommernachmittag. Jutta Ditfurth freut sich über die Wärme, sucht die Flecken ohne Schatten. Ein wenig wirkt die Mittelmeerinsel noch nach, auf der sie ihren Urlaub verbrachte. Am 29. September feiert die frühere Bundessprecherin der Grünen ihren 60. Geburtstag – sie wird den Abend wohl im Stadtparlament verbringen.

Soll bloß keiner denken, die Radikalökologin wäre altersmilde geworden. „Die Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital waren in den 80er Jahren klarer – heute sind sie durch viele Scheinfreiheiten maskiert“: Solche Sätze haut sie einfach mal so raus. Nein, mit der Wirklichkeit gerade in ihrer Heimatstadt Frankfurt, der Metropole der Banken, bleibt sie unversöhnt. „Es wird so getan, als ob alle in einem Boot sitzen.“

Am Eschenheimer Turm wälzt sich lärmend der Autoverkehr vorbei. Kein Ort zum Flanieren. Die einzige Stadtverordnete der Gruppe „Öko-Linx“ schimpft auf die „bunte Kaufhauswelt, die fetten Autos“, die doch nur zur Ablenkung dienten. Es hupt, während die Politikerin lächelnd für den Fotografen der Frankfurter Rundschau posiert. Harte Worte über Frankfurt. „Die bürgerlichen Rituale“, die dominieren, die Welt der Reichen mit ihrem Verhalten „bis zur Obszönität.“

In Gasmasken und weißen Kitteln den Laden aufmischen

Hat sie so nicht schon vor 30 Jahren gesprochen? Damals, im Frühjahr 1981, als sie mit fünf anderen nur wenige Hundert Meter von hier entfernt in den holzgetäfelten, ehrwürdigen Saal der Stadtverordnetenversammlung einzog. Die erste Römer-Fraktion einer neuen Partei, die man seinerzeit noch schwer einschätzen konnte: Die Grünen. Sie kamen in Gasmasken und in weißen Kitteln. „Die hatte ich vorher noch bei Berufskleidung Schambach an der Fahrgasse gekauft.“ Sie lacht. Heute ist Schambach Geschichte.

Haareraufen in einer typischen Handbewegung. 1981 musste sich die angehende Soziologin entscheiden zwischen einer wissenschaftlichen Karriere und der Politik: „Und da hab ich mich von der wissenschaftlichen Arbeit verabschiedet.“ Ihre Motive für den Gang ins Rathaus: „Wir wollten den Laden aufmischen.“

Und das gelang denn auch. Mit einer ungeheuerlichen Forderung provozierten die Grünen damals CDU und SPD: Sofortiger Ausstieg aus der Atomkraft. Vor allem CDU-Repräsentanten griffen Ditfurth auch als Frau an, sie wurde als „Zölibatsverstärker“ beschimpft. Es fielen Sätze wie: „Ab jetzt müssen wir den Römer öfter mal entlausen.“ Die Grüne keilte vehement zurück, blieb absolut nichts schuldig. Sie wirkte auf Konservative deshalb so herausfordernd, weil sie eigentlich gesellschaftlich auf der richtigen Seite stand: Jutta Gerta Armgard Freifrau von Ditfurth, ein Spross alten Adels, Tochter des Wissenschaftlers Hoimar von Ditfurth. Sie erinnert sich, dass ihr die CDU-Politikerin Alexandra Prinzessin von Hannover öfter ins Gewissen geredet habe – wie konnte sie nur ihr Erbe so verspielen?

Lossagung vom Reaktionismus

In ihrer gerade wieder erschienen Autobiografie der frühen Jahre, „Durch unsichtbare Mauern“, lässt sich nachlesen, wie sie mit 17 Jahren noch mit einem Burschenschaftler liiert war, weil der „nicht ganz so reaktionär schien wie die anderen“. Doch dann besuchte das Paar die Villa des 150 Jahre alten Corps Saxo-Borussia in Heidelberg. Sie schüttelt sich in der Erinnerung: „Ich kam mir vor wie eine Verräterin – es war die geballte reaktionäre Scheiße.“

Sie sagte sich von ihrer Familie los, legte den Adelstitel ab. Ditfurth blickt nachdenklich über die Straße hinweg auf das frühere Turmpalast-Kino, das einmal einer ihrer Frankfurter Lieblings-Orte war. Auch in härtesten politischen Auseinandersetzungen fand die leidenschaftliche Film-Liebhaberin Zeit für einen Besuch im Turmpalast. Heute steht er leer, ist verrammelt.

Überhaupt, der rasante städtebauliche Wandel in Frankfurt. „Das ist die absolut nackte Form des Kapitalismus – hier wird für Profit abgerissen.“ Um so lächerlicher sei es doch, die historische Altstadt zu rekonstruieren: „Das ist verlogen, etwas für wildgewordene Kleinbürger“, sagt sie.

Es geht an der hohen Mauer entlang, hinter der einmal das Verlagsgebäude der Frankfurter Rundschau stand, mit der berühmten „runden Ecke“: „Ich mochte dieses Haus“. Kurz vor dem Abriss hat die Leserin sich ein paar Buchstaben der Leuchtschrift auf dem Dach gesichert, die liegen noch in ihrer Wohnung. „Ich habe Respekt vor der gesellschaftlichen Rolle, die die FR einmal hatte“.

Zeit für einen Milchshake in der Abendsonne. Die Rush-Hour lässt die Autoströme rund um den Eschenheimer Turm anschwellen. Ditfurth umkreist das Thema Alter. Ganz positiv. „Ich genieße die Erfahrungen, und ich finde es gut, viel mehr in kürzerer Zeit lesen zu können.“ Zurückgelehnt, ein ironisches Lächeln. „Mein Vorbild ist Ernst Bloch“ – der mit 90 Jahren noch schrieb.

Ihre Mutter ist jetzt 86 Jahre alt, lebt in Staufen im Breisgau. Viel gibt die Tochter nicht preis. „Wir haben einen guten Kontakt.“ Ditfurth wirkt plötzlich weicher, nicht mehr so selbstgewiss.

Sie spricht über ihre Liebe zur Musik, „ohne die geht gar nichts.“ Ganz klar Rock und Blues, auch Hip-Hop. Ins „Spritzehaus“ in Sachsenhausen zieht es sie immer wieder, da tanzt sie, da gibt’s noch Live-Bands. Die Jam-Sessions. Auch Manfred Zieran, ihr langjähriger Partner, ist dabei. Ihm und ihren Freundinnen gilt die Widmung in der Autobiografie.

Dabei weiß sie wohl, dass ihr Verständnis von politischem Kampf keine massenhafte Unterstützung findet. Öko-LinX, die Gruppe, die sie 1991 nach dem Austritt bei den Grünen gründete, das sind bundesweit nur einige Hundert Aktivisten. Von den früher politisch Aktiven gerade in Frankfurt haben „viele komplett resigniert“, sind „isoliert“. Aber sie hofft. Immer weiter. Darauf, „dass die Leute wach werden und die Spielregeln ändern“. Dass „die Rituale bürgerlicher Politik weggefegt werden“.

Auf die Gewerkschaftsführung könne man da nicht bauen: „Die Spitze ist korrupt“. Männer wie der Grüne Frank Bsirske, der an der Spitze der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi steht, provozieren bei ihr nur Verachtung: „Eingekauft und gebrochen.“

Abrechnung mit den Grünen

Da schimmert sie wieder durch, die politische Abrechnung mit den Grünen, die zu ihrem großen Thema geworden ist, die sie in mehreren Büchern schon variiert hat. Das Leben als „Radikalbolschewikin“, wie sie Joschka Fischer einmal abschätzig titulierte, strengt an. Selbstzweifel? Plötzlich macht Ditfurth ein gequältes Gesicht. „Man wird dumm, wenn man keine Selbstzweifel hat.“

Aber sie interpretiert die Frage nur politisch, spricht vom „falschen Begriff von Friedfertigkeit“, dem auch sie in der Friedensbewegung angehangen habe. Und dann wieder so ein Satz, der wie eine Überschrift daherkommt: „Der Kapitalismus ist nicht mit Händeschütteln abzuschaffen.“

Gegen alle Mauern: Das bleibt der Lebens-Kurs von Jutta Ditfurth. Viele Erfahrungen aus drei Jahrzehnten in Frankfurt nimmt sie als Bestätigung. Den Polizei-Kessel 1981 in der Rohrbachstraße zum Beispiel, als die Beamten „sadistisch und faschistoid“ auf Protestierende eingeprügelt hätten. Das sind Ereignisse, über die sie lange sprechen kann, bei denen sie Stichworte abruft: „Nie wieder habe ich so viele Schädelbasisbrüche gesehen.“ Oder den Tod von Günther Sare, Mitarbeiter eines Jugendzentrums, den bei einer Demonstration 1985 im Stadtteil Gallus ein Wasserwerfer überrollt hatte. Die Augenzeugin bleibt dabei: „Er ist totgefahren worden.“

Schon der zweite Milchshake ausgetrunken. Das Lächeln ist aus dem Gesicht von Jutta Ditfurth verschwunden. Die Sonne taucht hinter dem Eschenheimer Turm ab, die Schatten werden lang und länger. Abenddämmerung. Kühle.

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