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Göpferts Runde Das Spiel von Licht und Schatten

Die heute 85-jährige Fotografin, Ursula Edelmann, kam 1949 in das kriegszerstörte Frankfurt. Mit ihrer Rolleiflex dokumentierte sie im Auftrag der Stadt über Jahrzehnte den Wiederaufbau. Demnächst sind teils bisher unveröffentlichte Aufnahmen in einer Ausstellung zu sehen.

Ursula Edelmann hadert damit, wie Frankfurt sein architektonisches Erbe behandelt. Der Abriss des Technischen Rathauses sei "hirnverbrannt".

Die heute 85-jährige Fotografin, Ursula Edelmann, kam 1949 in das kriegszerstörte Frankfurt. Mit ihrer Rolleiflex dokumentierte sie im Auftrag der Stadt über Jahrzehnte den Wiederaufbau. Demnächst sind teils bisher unveröffentlichte Aufnahmen in einer Ausstellung zu sehen.

Harte Kontraste. Die Hitze wabert unter den alten Alleebäumen, die Sonne zaubert Schattenflecken auf den grobkörnigen Kies. Ein Sommerspaziergang durch Sachsenhausen. Doch Ursula Edelmann scheint an diesem Nachmittag ihre Umgebung kaum wahrzunehmen. Nur der schier unglaubliche Lärm einer Schulbaustelle an der Schneckenhofstraße schreckt sie hoch.

Die 85-jährige ist mit ihren Gedanken bei den Bildern, die sie gerade für eine Ausstellung zusammenstellt. Schwarz-weiße Fotografien, die das Halbdunkel ihrer großen, kühlen Wohnung füllen, am Sofa lehnen, auf dem Boden stehen. Ikonen der Ruhe, der inneren Balance. Dokumente, die heute wie aus der Zeit gefallen wirken.

Ursula Edelmann kam 1949 ins zerstörte, noch immer von Trümmerbergen geprägte Frankfurt – sie wurde zur Fotografin des Wiederaufbaus. Beim Kaffee beschwört sie die Atmosphäre dieser Zeit herauf: „Endlich war der Krieg vorbei, endlich konnte man machen, was man wollte.“ Und die gebürtige Berlinerin wollte nur eines: fotografieren. Mit ihrer Rolleiflex in der Hand wanderte sie durch die Stadt. Immer noch klangen ihr die Worte des Vaters im Ohr, den sie im Oktober 1945 in einem russischen Gefangenenlager in Frankfurt an der Oder zum letzten Mal getroffen hatte. Er hatte auf sie eingeredet: „Niemand braucht eine Fotografin in dieser Zeit – werde Lehrerin!“

Ein Jahr später war ihr Vater, der Generaldirektor einer großen Versicherung gewesen war, tot. Als „Plutokrat“ wurde er von den Besatzern nach Russland verschleppt und starb dort unter elenden Umständen. Die Tochter ignorierte seinen Rat – zwei Wochen nach dem letzten Treffen begann sie ihre Ausbildung bei dem großen Potsdamer Fotografen Max Baur.

Im bitterkalten Winter durfte sie Baur assistieren, als der daran ging, das verschneite Schloss Sanssouci auf die Platte zu bannen. „Von ihm habe ich unendlich viel gelernt – ich habe verstanden, was Licht bedeutet“, sagt sie.

Edelmann liebt die Schwarz-Weiß-Fotografie bis heute. „Man kann alle Zwischentöne darstellen, vom tiefsten Schwarz bis zum hellsten Weiß.“ Analog, versteht sich, nicht digital. „Ich möchte, dass diese Fotografie noch überlebt.“ Auch, wenn es natürlich immer schwieriger wird, das nötige Material zu ergattern. „Ich habe noch eine Packung altes Agfa-Papier – das ist gar nicht mehr zu bekommen.“

Sehr konzentriert und zupackend wirkt die Weißhaarige, wenn sie von Bild zu Bild wandert. Ihr Ehemann Geoffrey hält eine gerahmte Fotografie von 1949 hoch: Der halbzerstörte Römerberg. Fünf Jahre später, ganz in der Nähe, hatte sie ihren Mann kennengelernt – natürlich beim Fotografieren, bei der Sanierung des zerstörten Dominikanerklosters. Geoffrey, der Kunsthistoriker, lächelt in der Erinnerung: „Wir sind uns im völlig zerstörten Mittelschiff begegnet.“

Das Spiel von Licht und Schatten, sorgsam komponiert: Es findet sich in allen ihren Fotografien. Sie dokumentieren Schritt für Schritt, wie eine Stadt wiederersteht aus Trümmern: Die Alte Nikolaikirche, St.Katharinen, St. Leonhard, Saalhof und Rententurm, aber auch das Zürich-Hochhaus in den 60er Jahren, viele neue Schulen. 1962 gelingt ihr eine Aufnahme, die als Ikone etliche Bücher schmückt: Die geschwungene Freitreppe im Rathaus Römer. Sie empfindet es als „furchtbar“, wie die schnelllebige Stadt Frankfurt heute mit diesem architektonischen Erbe umgeht. Als jetzt am Taunustor die Deutsche Genossenschaftskasse aus den 50er Jahren für den Neubau eines Bürohochhauses abgebrochen wurde, „ist es mir sehr an die Nieren gegangen“. Fassungslos musste sie auch den Abriss des 1972 bezogenen Technischen Rathauses miterleben, seinerzeit als Juwel der modernen Architektur betrachtet: „hirnverbrannt“, ist der knappe Kommentar.

Bevor die Bagger kamen, hat sie das Gebäude ein letztes Mal von innen und außen dokumentiert – auch die farbigen Wandmalereien von Benno Walldorf. Diese Bilder füllen einen kleinformatigen Band, den sie wehmütig zeigt.

Dass jetzt anstelle des Technischen Rathauses Häuser der 1944 zerstörten Altstadt rekonstruiert werden sollen, findet sie albern: „Man traut der modernen Architektur einfach nicht.“ Schon den Nachbau der Fachwerk-Ostzeile des Römerbergs in den 80er Jahren empfand sie als „Puppenstube“.

Das schräge Licht des Nachmittags fällt in die Allee, die Schatten werden länger. Pause auf einer Bank. Erinnerungen eines langen Lebens. Der Arbeitsdienst 1944 in Ostpreußen. Die Verzweiflung des Vaters, als am 20. Juli jenes Jahres das Attentat auf Hitler scheiterte.

Die Flucht im Januar 1945: Zu Fuß nach Westen, durch Tiefschnee bei minus 20 Grad. Schon vorher, in der Schulzeit, wollte sie Fotografin werden: „Es stand fest.“ Der Vater war es, der ihr die erste Kamera in die Hand gedrückt hatte.

In den 50er Jahren, in Frankfurt, kämpfen Ursula und Geoffrey gegen die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik und treffen dabei den Studenten Klaus Wagenbach – den späteren Verleger, mit dem sie heute noch befreundet sind.

Auftraggeber der Fotografin Edelmann ist jahrzehntelang die Stadt Frankfurt. „Das Hochbauamt dokumentierte damals jedes Jahr in einem Buch, was neu gebaut worden war – und ich habe fotografiert.“ Ursula Edelmann möchte ihre Arbeit nicht überhöhen: „Erst einmal habe ich meine Aufträge erledigt. Das ist übrigens gar nicht gut bezahlt worden, Reichtümer konnte man da nicht anhäufen.“ Ein besonderes Kapitel bildet ihre Arbeit für die Museen Städel und Liebieghaus. Von den 60er Jahren an bis 2007 dokumentierte sie die Ausstellungen, aber auch die baulichen Veränderungen. „Eine tolle Zeit.“

Ihre Frankfurter Berufskollegin Barbara Klemm schätzt sie sehr, grenzt sich aber doch von ihr ab: „Ich bin nicht die Straßenfotografin, ich bin auch keine für Schnappschüsse.“

Wer Edelmanns Wohnung durchmisst, kann sich dabei wie in einer großen Ausstellung fühlen. „Ich hänge immer wieder neue Bilder auf“, sagt sie. Erst beim näheren Hinsehen entdeckt der Betrachter die Menschen in den großen Panoramen. Meist tauchen Personen eher beiläufig auf. „Die Menschen interessieren mich schon – aber ich bin kein Voyeur“, kommentiert die Fotografin bedächtig.

Ursula Edelmann hadert mit dem Tempo der Veränderungen in Frankfurt, der schnelllebigsten deutschen Stadt. „Es ist eine schnelle Entfernung auch vom menschlichen Leben.“ Mit ihren Bildern, die zu Ruhe und Kontemplation geradezu herausfordern, hält die große Fotografin dagegen. Natürlich in Schwarz-Weiß.

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