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Göpferts Runde Britta Boerdner: Das Glück der Melancholie

In ihrem ersten Roman spürt die Frankfurter Schriftstellerin Britta Boerdner der Vergänglichkeit großer Gefühle nach.

Britta Boerdner blickt unter die Oberfläche. Foto: Peter Jülich

Ein warmes, fast goldenes Licht fällt zwischen die Regale von edlem Holz, auf denen sich Band an Band reiht. Die Klappstühle in der Buchhandlung „Weltenleser“ am Oeder Weg werden nach und nach besetzt, erwartungsvolle Stille legt sich über den großen Raum. Maria Lucia Klöcker, eine der beiden Wagemutigen, die sich hier seit Sommer 2014 „den Lebenstraum“ vom eigenen Buchladen erfüllen, begrüßt die Gäste. Nur zwei Männer unter drei Dutzend Frauen. Das fällt sofort auf.

Britta Boerdner sitzt am Tischchen vor dem Publikum und liest ruhig und prononciert aus ihrem Debüt-Roman, der schon vor drei Jahren bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen war. „Was verborgen bleibt“: Das ist die sehr genau beobachtete Geschichte der Entfremdung eines Paares, die sich entfaltet vor der Kulisse der winterlich vereisten Metropole New York.

„Wie zwei Schauspieler nach den Proben gehen wir die Columbus Avenue hinab, wir haben uns schon auf vielen Straßen so bewegt, ein Paar in der Krise, resigniert und wütend. Der Überdruss sitzt mir in der Kehle und verbreitet seinen sauren Geschmack, ich möchte meine Augen schließen und mitten in der Szene abtreten...“ Am Ende des Buches ist es vorbei: Es wird nichts mehr mit dem so wunderbar geplanten gemeinsamen Leben im Big Apple.

Im „Weltenleser“ beginnt die Diskussion: Ist das jetzt also ein „Frauenbuch“, von einer Frau nur für Frauen geschrieben? Empfinden Männer ähnlich, wenn sich scheinbar unabwendbar eine Trennung auftut wie eine stetig wachsende Kluft? Maria Lucia Klöcker, die Buchhändlerin, ermuntert die beiden Männer im Publikum, etwas zu sagen – doch die schweigen fein still.

Ein paar Tage später gebe ich im Strandcafé im Nordend die Frage von der Lesung noch einmal an Britta Boerdner weiter: Ein Frauenbuch? Sie streicht die brünetten Haare zurück und lacht leise. „Ich glaube, das gibt es heute nicht mehr: Ein Frauenbuch“, sagt sie entschlossen. Wer heute noch unterscheide „zwischen Männer- und Frauenliteratur, der macht sich was vor“. Da hat die 53-jährige unbekümmert mal eben einen großen ideologiebepackten Rucksack abgestreift, den manche in der Literaturdebatte noch immer mitschleppen.

Beginn mit Pressemeldungen

Aber das passt zu der Frau, die zwar in Fulda geboren, aber froh ist, nicht dort aufgewachsen zu sein. „Ich könnte nicht in Fulda leben, es ist einfach zu eng dort“, sagt die gelernte Buchhändlerin. In Gelnhausen erlebte sie Kindheit und Jugend als Tochter eines Pharmareferenten und einer Verkäuferin, „der gute, solide Mittelstand“, wie sie lächelnd sagt. Probte früh kleine Fluchten. Die erst einmal im Kopf stattfanden. „Als Neunjährige bin ich alleine in die Stadtbücherei marschiert und hab mir da einen Stapel Bücher für Ältere geholt.“ Die amerikanische Literatur hatte es ihr angetan, genauso wie US-Filme.

Der 16-jährigen Gymnasiastin fiel dann „Fuck Machine“ von Charles Bukowski in die Hände - die Aufzeichnungen des „Dirty Old Man“ der US-Literatur aus Bars, Hurenhäusern, Schlachthöfen. Mit pochendem Herzen las sie das, dachte: „Das ist ja großartig!“

Aber bis sie sich selbst freischrieb, war es noch ein weiter Weg. Wie viele junge Mädchen hatte sie früh für sich Geschichten verfasst, die aber die Kladde nicht verließen, in denen sie aufgezeichnet waren. Getreu des Mottos ihrer Eltern „Keine Fehler, keine Flausen“, begann sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin – was Solides eben. Arbeitete dann als Sekretärin in der Offenbacher Stadtbücherei, verfasste eines Tages erste Pressemeldungen fürs Kulturamt. Dann entstanden Reise-Features, etwa über die Picardie, die historische Provinz im Norden Frankreichs.

Von Bodo Kirchhoff gefördert

Erst spät traute sie sich, an der Frankfurter Universität zu studieren: Amerikanistik, Germanistik, historische Ethnologie. In all diesen Jahren stagnierte ihr Schreiben, kam sie nicht wirklich weiter mit ihren literarischen Texten. In ihr war der bohrende Satz: „Ich muss eine Schwelle überschreiten!“ Nur wie? Statt dessen heuerte sie in einer Werbeagentur an: „Da bin ich zwei Jahre völlig versackt.“ Dann der Gang zur Eurex, einer Terminbörse für Finanzderivate, als Marketingleiterin. Und dabei immer der Gedanke, der sie nicht losließ: „Das bin nicht ich.“

Am Ende war es ein erfahrener Lehrer, der den Durchbruch brachte. Boerdner belegte ein Schreibseminar beim Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff, am Gardasee. Er erkannte ihr Talent. „Er hat mich absolut ermutigt.“ Vor allem aber war da das Gefühl, dem Urteil Kirchhoffs vertrauen zu können. Diese Rückendeckung veränderte ihr Schreiben, ihren Stil: „Ich habe einen Riesensprung gemacht.“

Das Strandcafé am Nachmittag: Noch liegen die meisten Tische verwaist, nur eine Runde von Freundinnen hockt da um einen Tisch. Kerzen flackern. Der Tee ist heiß , mahagonifarben und stark, genau das richtige bei diesem feuchtkalten Erkältungswetter.

Stürme auf Sylt

Mittlerweile gelang Britta Boerdner eine Karriere, auf die ihr Satz passt: „Ich habe mich immer wieder neu erfunden.“ Sie gewann den Titel der Inselschreiberin von Sylt – und steht plötzlich in einer Reihe mit renommierten deutschen Autorinnen und Autoren wie Thomas Hettche, Juli Zeh, Judith Kuckart. Es war ein Kapitel ihres zweiten, fast abgeschlossenen Romanes, das die Jury im hohen Norden überzeugte. „Beeindruckt mit atmosphärisch starken Bildern und überraschenden Wendungen“.

Im Oktober 2014 verbrachte sie eine erste Stipendiums-Zeit auf Sylt, erlebte „krasse Herbststürme, zu stark für mich.“ Im April folgen vier weitere Wochen auf der Insel. Boerdner zögert, überlegt. Über den zweiten Roman möchte sie eigentlich nicht wirklich sprechen. Deshalb nur Stichworte: Eine Familiengeschichte in der deutschen Provinz der 60er Jahre – und US-amerikanische Musik und Filme spielen dabei eine Rolle.

Boerdner lächelt wieder, ein zurückhaltendes, sparsames Lächeln. Sie bekennt sich zum langsamen, sorgsamen Schreiben: „Zehn Seiten am Stück rauszuhauen, das geht für mich gar nicht.“ Für ihren ersten Roman „Was verborgen bleibt“, eine Arbeit von 160 Seiten, brauchte sie eineinhalb Jahre. Für die Texte gibt es bei ihr „kein Gerüst, kein Konzept“. Es ist ein „freies, assoziatives Schreiben“.

"Ein tiefer Sog, der mir entspricht"

So entstand der gesamte erste Roman aus einer einzigen Szene „unbenannter häuslicher Gewalt“, wie es die Autorin empfindet. Ein Mann bedrängt seine Freundin vor dem Kühlschrank, zieht ihr den Slip herunter: „Es tat weh, als er in mich eindringen wollte, es tat sogar so weh, dass ich zurückzuckte, ich war erschrocken und überrascht.“

Die Autorin interessierte sich dafür, was diesem Zusammentreffen vorausging, wie sich die Beziehung bis zu diesem Punkt entwickelt hat. Und wie sie dann langsam stirbt. Gescheitert „am Unausgesprochenen, am Verschleppten“. Dieses Ende, sagt die Schriftstellerin, „war für mich interessanter als der Anfang.“ Denn diese Anfänge, wenn zwei Menschen sich entdecken und finden, die glichen sich doch sehr oft. „Dieser Rausch des Verliebtseins.“

Boerdner hat da eine ganz eigene Sicht der Dinge. „In dem größten gefühlten Glück liegt der Fehler: Man fließt aus, man verliert sich, man hat keinen Halt mehr.“ Was Wunder, dass ihre Texte „ein melancholischer Grundton“ durchzieht: „Es ist wie ein tiefer Sog, der mir entspricht.“ Und den sie scharf abgrenzt von der Depression: „Melancholie und Sehnsucht sind etwas sehr Schönes.“

New York statt Berlin

Wir machen eine Pause, überlassen uns der Stimmung im Strandcafé, vor dessen Fenstern jetzt die Dunkelheit hereinbricht. Lichter flammen draußen auf. Boerdner spricht über ihre Liebe zum Jazz, zur Musik von Charles Mingus zum Beispiel. Über den „kleinen Freundeskreis“, der sie in Frankfurt hält, der Stadt, die sie „meine Stadt“ nennt. Berlin, das auf so viele Schreiber einen magischen Sog ausübt, „reizt mich überhaupt nicht.“ Bei ihren Aufenthalten in der Szene dort erlebte sie ein „Gerangel um die guten Plätze“. Es sind „der Ton und der Druck“ in der Bundeshauptstadt, die ihr gar nicht gefallen.

Statt dessen zieht es sie immer wieder in die USA, namentlich in die großen Städte wie New York, deren Stimmung sie genießt. Ihr Roman „Was verborgen bleibt“ ist auch eine Wanderung durch bestimmte Straßen der Stadt, durch die Lower East Side, durch U-Bahn-Stationen, am Fluss entlang.

Ein süßer Pfannkuchen kommt auf den Tisch, dem sich kaum widerstehen lässt - als Gabe des Hauses. „Ich bin gerne alleine – ich regeneriere dabei“, sagt Britta Boerdner unvermittelt. Drei Tage, „ohne mit jemandem zu sprechen“, sind für sie kein Problem. Mit der Gabel zerteilt sie sorgsam den gefüllten Teig.

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